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Kernkraft : Osterfarce von Biblis bis Berlin

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Rundfrage unter Freunden: Schon gehört, daß es in der Osterwoche ein Problem im Kernkraftwerk Biblis gab? Klar, lautet die Antwort, die Behörden haben einen Reaktor stillgelegt, weil jemand irgend etwas falsch berechnet hat.

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          Rundfrage unter Freunden: Schon gehört, daß es in der Osterwoche ein Problem im Kernkraftwerk Biblis gab? Klar, lautet die Antwort, die Behörden haben einen Reaktor stillgelegt, weil jemand irgend etwas falsch berechnet hat. Ganz recht, das ist die Nachrichtenlage, wie sie die Agenturen erzeugt haben. Nachfragen ergeben freilich ein anderes Bild: eines, das zeigt, was politisierte Technik ist.

          Unsere Geschichte beginnt vor gut zehn Jahren, und zwar in Schweden. Im dortigen Barsebäck steht ein Kraftwerk, das zu den Siedewasserreaktoren zählt: In ihnen treibt das Wasser, das als Kühlmittel die Reaktorhitze aufnimmt, auch gleich die Turbine an. Es gibt also nur einen einzigen Kreislauf. Wenn der irgendwo leck schlägt, tritt Radioaktivität aus. In diesem Fall muß frisches Wasser zwecks Kühlung angepumpt und eingespeist werden. Das Wasser stammt aus dem Reaktorsumpf. So heißt der kreisrunde Raum, der am tiefsten Punkt des Sicherheitsgebäudes liegt. In ihm ist ein Gitter angebracht, hinter dem sich die Ansaugrohre der Notkühlpumpen befinden.

          Doch als damals in Barsebäck Wasser aus dem Sumpf herangepumpt werden mußte, löste sich etwas Isolierwolle und landete auf dem Gitter, weshalb der Durchfluß behindert wurde. Zwar geschah nichts weiter Schlimmes, aber der Vorfall lehrte die Betreiber, das Gitter zu vergrößern. Und weil Sicherheitstechnik in Kernkraftwerken nicht einfach Privatsache ist, sondern internationale Politik, meldeten die Schweden diese Erfahrung weiter. Allenthalben, auch hierzulande, wurden Siedewasserreaktoren umgerüstet.

          4,8 Quadratmeter? Das reicht nicht!

          Biblis A freilich, und um diesen Reaktorblock geht es, ist ein Druckwasserreaktor. In diesem Reaktortyp wird das Kühlmittel nicht direkt auf die Turbinen geführt, sondern es gibt seine Wärme an einen zweiten Kreislauf ab. Aber Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste: Die Gesellschaft für Reaktorsicherheit empfahl Ende der neunziger Jahre, die Umrüstung auch für Druckwasserreaktoren zu prüfen. Nun wurden große Computer angeworfen, umfängliche Simulationen und auch Experimente unternommen. Der schriftliche Endbericht steht zwar noch aus, aber den Betreibern wurde schon einmal mitgeteilt: Simulationen mit einer Gitterfläche von 5,9 Quadratmetern zeigten, daß eventuell sich lösende Isolierwolle die Pumpen nicht verstopft. Das waren, wie üblich, konservative Berechnungen, also solche, die auf der sicheren Seite blieben und nicht zuletzt die Tatsache berücksichtigen, daß es von Reaktor zu Reaktor Konstruktionsunterschiede gibt.

          Die Betreiber von Biblis wußten, daß die Gitterfläche im Reaktorblock A die 5,9 Quadratmeter nur knapp erreichte - wie knapp, das ist eine Frage der Berechnung, denn das Gitter wird von Halterungen, Rohrdurchführungen und anderem unterbrochen. Was tun? Beim nächsten, planmäßigen Stillstand einmal genau nachmessen. Und so stellten sie am Abend des Gründonnerstags fest: Es sind netto 4,8 Meter.

          So weit ist alles schön, aber....

          Das macht wahrscheinlich nichts. Aber "wahrscheinlich" genügt in diesem Fall nicht. Folglich meldete das KKW Biblis dem hessischen Umweltministerium: Wir fahren die Maschine erst wieder an, wenn wir die Siebfläche vergrößert haben (was ein Leichtes ist). Das hessische Ministerium gab die Information pflichtgemäß an Jürgen Trittins Ministerium in Berlin weiter, und mit Rudyard Kipling könnte man sagen: So weit ist alles schön und gut, nicht wahr, mein Liebling?

          Doch Kerntechnik ist etwas Besonderes. Nicht nur, daß sämtliche technischen Handlungen unter der Perspektive eines Atomunfalls gesehen und gesteuert werden - sie sind auch stets ein Politikum. In Berlin jedenfalls wandelte sich der Vorgang am Karfreitag in einer Presseerklärung des Bundesumweltministeriums um: In einen "Verstoß gegen die Errichtungsvorschriften", der "von großer sicherheitstechnischer Bedeutung" sein könne, weshalb der Reaktor "vorübergehend stillgelegt" sei. Rückfragen (zum Beispiel: "Welche Vorschriften haben Sie gemeint?") beantwortete das Ministerium erst am Dienstag nach Ostern, und zwar so: Für Antworten sei Berlin unzuständig, man möge sich doch anderweitig umhören.

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