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Interview über superschnelle Neutrinos : „Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war verfrüht“

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Das waren damals aber Elektron-Antineutrinos und keine Myon-Neutrinos. Zudem war die Energie geringer.
Beides kann als Ausweg benutzt werden.Die Neutrinos der Supernova 1987A besaßen mit zehn Millionen Elektronenvolt tatsächlich eine um den Faktor Tausend geringere Energie als die Opera-Neutrinos. Also, so dass Argument, wären sie auch nicht so schnell unterwegs gewesen. Dass Geschwindigkeitseffekte abhängig von der Energie sind, kann man sich zwar vorstellen. Aber die Abhängigkeit müsste dann ziemlich stark sein, was man noch nicht gezeigt hat. Bei Opera hat man dergleichen zumindest nicht beobachtet. Eine zweite Möglichkeit wäre die Neutrinoflavours heranzuziehen um zu erklären, warum sich Myon-Neutrinos so ganz anders verhalten sollten als Elektron-Antineutrinos.

Die Forscher vom Minos-Experiment werden wohl jetzt ihrerseits versuchen, den Effekt der Überlichtgeschwindigkeit zu messen?
Ja, nur die müssen sich neue Uhren kaufen und die Messungen wiederholen.

Uhren?
Für die Flugzeitmessungen sind extreme präzise Chronometer erforderlich. Wir nutzen beim Opera-Experiment zwei Cäsium-Atomuhren - eine Vorort in unserem Gran-Sasso-Labor und eine am Cern. Beide Uhren werden über GPS-Satelliten miteinander synchronisiert. Das haben die Spezialisten von der Physikalisch Technischen Bundesanstalt in Braunschweig übernommen.

Wie lange wird Opera weitermessen?
Geplant ist bis zum Jahr 2013, so dass wir jetzt etwa Halbzeit erreicht haben. Dabei werden wir uns natürlich weiterhin auch auf die Oszillation der Myon-Neutrinos konzentrieren und hoffentlich weitere Ereignisse registrieren, bei denen sich Myon-Neutrinos auf ihrem Flug in Tau-Neutrinos umwandeln. Inzwischen werden die Kollegen von Minos hoffentlich auf Resultate von Flugzeitmessungen vorlegen. Da der Neutrino-Strahl aus dem Fermilab ist intensiver ist als unserer, brauchen die Forscher von Minos eins bis zwei Jahre Messzeit, bis sie genug Statistik gesammelt haben. Es gibt im Gran-Sasso-Massiv noch weitere Detektoren, die nun ebenfalls die Flugzeit der aus Genf kommenden Myon-Neutrinos messen wollen. Es wird spannend.

Was würde es bedeuten, wenn sich herausstellte, dass Neutrinos tatsächlich schneller vorankommen, als es die Relativitätstheorie erlaubt?
Darüber kann man nur spekulieren. Wenn man derzeit auf Arxiv.org schaut, da explodiert die Zahl der Artikel. Es wird heftig spekuliert. So kann man lesen, dass die Ergebnisse gar nicht so viel bedeuten würden. Man müsse nur eine neue Obergrenze für die Lichtgeschwindigkeit einführen. Es gibt Argumente, dass die Neutrinos auf ihrem Flug in eine andere Dimension tunneln würden, die laut Stringtheorie existieren, aber in der „normalen Welt“ nicht wahrgenommen werden können. Wir selbst haben noch gar nicht überlegt und sind auch nicht die Experten dafür. Ziemlich sicher ist, sollten sich die Ergebnisse von Opera bewahrheiten, müsste man eines der wichtigsten Prinzipien fallen lassen - das der Lichtgeschwindigkeit als maximale Obergrenze.

Und dann müsste die Satelliten-Navigation künftig statt auf Lichtstrahlen auf Neutrino-Strahlen basieren
Ja, vielleicht. Dann wären unsere Navigationsgeräte aber tausend Tonnen schwer.

Frau Hagner, ich bedanke mich für das Gespräch.

Das Interview führte Manfred Lindinger

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