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Interview über superschnelle Neutrinos : „Der Zeitpunkt der Veröffentlichung war verfrüht“

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Die am vergangenen Donnerstag im Netz erschienene Veröffentlichung hat keine Begutachtung durch unabhängige Wissenschaftler durchlaufen, sondern war nur interne abgestimmt worden.
Es kann im Prinzip jeder seine Forschungsergebnisse auf Arxiv.org stellen, der wichtigsten Online-Plattformen für wissenschaftliche Vorabdrucke. Nur heißt das noch lange nicht, dass ein Artikel auch bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift eingereicht und angenommen wurde Die Forscher von Opera wollen eine neue Veröffentlichung verfassen, die ein Peer-Review-Verfahren durchläuft. Derzeit wird darüber diskutiert, wann das erfolgen soll. Einige Wissenschaftler sind dafür, es so schnell wie möglich zu machen. Ich vertrete die Position, es langsamer anzugehen.

Was wird in der neuen Fassung stehen?
In dem Artikel werden verbesserte statistische Analysen enthalten sein. Aber ob die Messungen mit dem anderen Detektorteil hineinkommen, ist noch unklar, weil man dazu mehr Zeit benötigt. Die ausstehenden Tests werden auf jeden Fall nachgeholt, da sind sich alle einig. Nur wann, das ist derzeit die Frage.

Es könnte dann aber durchaus sein, dass der Effekt plötzlich verschwindet?
Ja natürlich. Diese Gefahr besteht, wenn man sorgsam alle noch offenen Lücken füllt. Wir Physiker wären natürlich begeistert, wenn der Effekt, dass Neutrinos mit Überlichtgeschwindigkeit fliegen, sich als richtig herausstellen würde.

Würden weitere Messungen jetzt nicht sinnvoll sein?
Der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist richtig, wir haben in den vergangenen drei Jahren ausreichend Daten gesammelt. Rund 10 000 Neutrino-Ereignisse pro Jahr hat unser Detektor registriert. Bei insgesamt 15 000 davon haben wir uns die Flugzeiten genauer untersucht. Jetzt ist der statistische Fehler genau so groß wie der systematische Fehler. Beides beläuft sich auf zehn Nanosekunden.

Gibt es nicht auch Unsicherheiten in der Länge der Strecke, die die Neutrinos vom Cern zum Opera-Detektor zurücklegen müssen?
Wir kennen die Entfernung von 730 Kilometer, dank der Messung Schweizer Geologen bis auf zwanzig Zentimeter genau. Wir müssen uns darauf verlassen, was natürlich schwer fällt, da wir lieber alles gerne selber messen würden.

Wie hat die Neutrino-Community auf die Opera-Ergebnisse reagiert?
Das ist schwer zu sagen. Es herrscht derzeit eine Stimmung zwischen Skepsis und gespannte Erwartung. Gleichzeitig machen teilweise schon die wildesten Theorien die Runde.

Hat man in den Vereinigten Staaten nicht bereits früher einen ähnlichen Effekt beobachtet?
Es gab Messungen bei denen die Neutrinogeschwindigkeit mit der Lichtgeschwindigkeit übereinstimmte. So hat das Experiment Minos, das in der ehemaligen Soudan-Mine in Minnesota untergebracht ist und von Neutrinos aus dem 735 Kilometer entfernten Fermilab bei Chicago beschossen wird, einen Effekt von rund zwei Sigma gemessen. Das ist aber zu wenig, um eine Abweichung von der Lichtgeschwindigkeit feststellen zu können. Viel wichtiger sind für mich die Messungen zur Supernova 1987A, die 150 000 Lichtjahre entfernt ist.

Sie sprechen von der Sternexplosion in der Großen Magellanschen Wolke, die am 24. Februar 1987 beobachtet wurde.
Wenn man annimmt, dass Opera einen 10hoch-5 Effekt gemessen hat. Dann hätten die Neutrinos der Supernova drei bis vier Jahre vor dem Licht der Sternexplosion ankommen müssen. Die Teilchen kamen aber gleichzeitig auf der Erde an - innerhalb von Stunden, was einer Genauigkeit von 10hoch-9 entspricht.

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