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Interview : Quanten, Zeit und Philosophen

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„Die Zeit ist etwas widerspenstiges” Bild: AP Graphics Bank

Wenn sich die Quantenphysik mit der Zeit befaßt, kommt auch die Philosophie mit ins Spiel. Fragen an den Physiker Anton Zeilinger.

          Herr Zeilinger, Sie befassen sich als Experimentalphysiker mit der Quantentheorie. Interessieren Sie sich da auch für die Zeit?

          Die Zeit ist etwas ziemlich Widerspenstiges. Sie ist etwas, das einfach abläuft, ein Parameter, den man nicht beeinflussen kann. Da ist es schwierig, etwas zu finden, wo man ansetzen könnte. Es gibt theoretische Ideen, wonach die Zeit nicht kontinuierlich abläuft, sondern irgendwie körnig ist, und daß dies dann gewisse nachprüfbare Konsequenzen hat. Soweit mir bekannt, ist das bisher außerhalb des experimentell Möglichen.

          Auch in Ihren Experimenten, in denen Sie Quantensysteme verschränken und ihre Zustände teleportieren, ist die Zeit lediglich ein Parameter. Können Sie den Philosophen damit empirische Befunde liefern, die für die Diskussion des Zeitproblems relevant sind?

          Die Frage ist, ob dieses Problem wirklich so zentral ist. Etwas provokant würde ich sogar sagen: Information ist viel wichtiger als die Frage,wie die Ereignisse in Raum und Zeit angeordnet sind. Die Quantenkorrelationen, die wir untersuchen, sind völlig unabhängig davon,in welcher Entfernung ich die Experimente mache und in welcher relativen zeitlichen Anordnung. Hier sind offenbar Raum und Zeit irrelevant. Da "wissen" zwei Prozesse voneinander innerhalb einer Zeit, in der gar kein raumzeitliches Signal übertragen werden kann.

          Ein Problem der Quantentheorie ist, daß ihre Gesetze einerseits keine Zeitrichtung vorgeben, Quantensysteme sich aber andererseits irreversibel verhalten, wenn man sie einer Messung unterwirft. Ist denn für dieses Rätsel eine Lösung in Sicht - oder wird uns dieses Mysterium immer begleiten?

          Es wird uns immer begleiten, und wir werden es nie aufklären. Aber es ist kein Mysterium - jedenfalls nicht, wenn man wie ich die Auffassung vertritt, daß der quantenphysikalische Zustand nur eine Darstellung von Information ist. Denn was geschieht bei einer Messung, die ich mache? Ich gewinne neue Information, die ich vorher nicht hatte. Dann ist es doch völlig klar und zwingend, daß ich meine Darstellung der Information, also den quantenmechanischen Zustand, ändern muß. Das ist überhaupt nichts Mysteriöses!

          Ein Philosoph würde da fragen: Information worüber?

          Nicht über das Quantensystem selber, sondern nur über die makroskopischen Apparaturen, mit denen wir messen. Ich halte es da ganz mit der Kopenhagener Deutung der Quantentheorie und mit Niels Bohr, der einmal schrieb: "Es ist falsch, zu denken, es wäre Aufgabe der Physik, herauszufinden, wie die Natur beschaffen ist. Die Aufgabe der Physik ist vielmehr, herauszufinden, was wir über die Natur sagen können."

          Bei Philosophen scheint diese Sicht wenig populär zu sein.

          Ja, aus Gründen, die ich nicht verstehe, gibt es bei den Philosophen eine Scheu vor radikalen Positionen. Und die Bohrsche Position ist radikal. Warum die Philosophen diese Scheu haben, weiß ich nicht. Offenbar versuchen sie, möglichst viel von der Vorstellung einer Wirklichkeit zu retten, die unabhängig von den Experimenten ist, die wir mit ihr anstellen.

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