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Gefährliches Bisphenol : Das Zeug ist wirklich überall

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Ganz ohne Chemie geht es in der Büchse nicht. Tomaten aus dem Glas wären eine Alternative. Bild: Imago

Nicht nur in Babyflaschen steckte bis vor kurzem Bisphenol A. Weil es in Verruf geraten ist, sucht man nach Ersatz. Leicht zu finden ist der nicht. Und nicht unbedingt sicherer.

          Vor neun Jahren schien die Welt noch in Ordnung. Damals wurde ein europäischer Grenzwert für Bisphenol A, kurz BPA, festgelegt. Die Chemikalie war in zahlreichen Plastikprodukten des täglichen Bedarfs enthalten, deshalb verständigte man sich auf tolerierbare Aufnahmemengen. Nachdem Studien aber Zusammenhänge zwischen BPA, das in Urinproben entdeckt wurde, und Diabetes, Herzerkrankungen, Fettleibigkeit sowie Krebs nahegelegt hatten, wurden die Verbraucher und Behörden noch erheblich misstrauischer.

          Inzwischen steht die Substanz sogar unter Verdacht, Fruchtbarkeit und Entwicklung der Geschlechtsorgane schädlich zu beeinflussen. Auch soll der frühe Kontakt bei Kindern zu neurologischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten führen. Die Politik zog Konsequenzen: Seit März 2011 dürfen in der EU zumindest Babyfläschchen nicht mehr aus BPA-haltigem Kunststoff sein. Auch die Hersteller reagierten, und so sind in den Regalen heute Trinkflaschen, Brotdosen, Plastikbesteck oder andere nützliche Dinge zu finden, die als „BPA-frei“ deklariert sind.

          Doch die Sicherheit, die da versprochen wird, ist eine trügerische. BPA ist keine Zutat, die Kunststoffen einfach so beigemischt wird und die man genauso gut weglassen könnte. Es ist ein chemischer Grundbaustein, den die Industrie vor allem zur Produktion von Polycarbonaten und Epoxidharzen nutzt, mit denen das Innere von Konservendosen beschichtet wird. Als Farbentwickler in Thermopapier gelangt BPA außerdem auf Kassenzettel, Parktickets oder Fahrkarten. Da es hier nicht chemisch gebunden ist, löst es sich leichter, auch aus PVC-Kunststoffen, in denen BPA die Funktion eines Antioxidationsmittels und Stabilisators übernimmt.

          Neuer Grenzwert

          Für Bisphenol A hat die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) erst Anfang dieses Jahres den Grenzwert heruntergesetzt. Nach der Auswertung aktueller Studien gelten jetzt vier Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht und Tag als unbedenklich. Zuvor waren es fünfzig Mikrogramm. Derzeit laufen noch Tierstudien, deren Ergebnisse die EFSA ebenfalls zur Festlegung eines Grenzwertes heranziehen will. Gesundheitlich bedenklich, so die Behörde, sei die Aufnahme von BPA unterhalb dieser Schwelle nicht. Auch wird damit argumentiert, dass die Substanz rasch verstoffwechselt und über die Nieren ausgeschieden wird: Die Halbwertszeit beträgt nur etwa sechs Stunden. Wenn aber Menschen praktisch überall damit in Berührung kommen, sind sie BPA dann nicht dauerhaft ausgesetzt? Und woher soll jemand wissen, fragen Umweltmediziner und -schützer, wie viel BPA er im Laufe des Tages so zu sich genommen hat? Kamen die Tomaten für die Spaghettisoße im Restaurant aus der Dose? Was passiert, wenn ich Kassenbons oder Tickets nervös zwischen den Fingern reibe und zerknülle? Enthielt der Joghurtbecher BPA? EU-weit gilt: Lebensmittelverpackungen, die den Stoff enthalten, müssen nicht gekennzeichnet werden. Unsere Nachbarn im Westen allerdings trauen dem Braten nicht. Seit Januar ist in Frankreich die Verwendung von BPA für Lebensmittelverpackungen verboten.

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