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Fusionsreaktor Iter : Die neue Sonne nimmt Gestalt an

In diesem Gebäude soll in fünf Jahren der Fusionsreaktor Iter in Betrieb gehen. Bild: Iter

Der Zusammenbau des internationalen Fusionsreaktors Iter im südfranzösischen Cadarache kann starten. Alle wichtigen Komponenten sind vor Ort. In fünf Jahren soll die gewaltige Anlage den Testbetrieb aufnehmen.

          2 Min.

          Am internationalen Kernfusionsreaktor Iter im südfranzösischen Cadarache hat ein wichtiger Bauabschnitt begonnen. Nach rund zehn Jahren der Vorbereitung und der Fertigung können nun die ersten Bauteile des Tokamak-Reaktors zusammengefügt und montiert werden. Der offizielle Start der Montagearbeiten ist am heutigen Dienstagvormittag mit einem Festakt eingeleitet worden, an dem unter anderem der französische Präsident Emmanuel Macron, EU-Energiekommissarin Kadri Simson und Südkoreas Präsident Moon Jae sowie weitere Repräsentanten der sieben Iter-Partner teilnahmen. Für Deutschland schickte Michael Meister, Staatssekretär im Bundesforschungsministerium, stellvertretend für Angela Merkel seine Botschaft. Aufgrund der Corona-Beschränkungen waren die Repräsentanten nicht vor Ort, sondern per Videoübertragung zugeschaltet.

          Manfred Lindinger

          Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Der Start der Montage sei ein historischer Moment, sagte Iter-Generaldirektor Bernard Bigot. Es sei ein einzigartiges Vorhaben und Beispiel für internationale Kooperation. Der härteste Teil der Arbeit, die Montage, liege aber noch vor dem Team, so Bigot.

          Die Feierlichkeit galt dem ersten Schritt bei der Montage des Tokamak-Fusionsreaktors. Seit Juli dieses Jahres befinden sich alle für den Reaktor benötigten wichtigen Teile, die in Europa, China, Indien, Japan, Russland, Südkorea und in den Vereinigten Staaten gefertigt wurden, in Frankreich. Im Experimentiergebäude, in dem der fertige Tokamak stehen wird, wurde Ende Mai das erste und zugleich schwerste Bauteil – das 1250 Tonnen schwere Bodenstück des Kryostaten – an seine endgültige Position gebracht. Der Kryostat, ein 30 Meter hohes und ebenso breites zylindrisches Stahlgefäß, soll die gesamte mit flüssigem Helium gekühlte Anlage umschließen und von der Umgebung abschirmen.

          Generaldirektor Bernard Bigot bei seiner Eröffnungsrede in der Montagehalle in Cadarche. Bilderstrecke

          Vor kurzem ist aus Südkorea der erste Abschnitt des Vakuumgefäßes angeliefert worden. Zusammen mit großen supraleitenden Magnetfeldspulen und Teilen des Hitzeschildes sind damit alle Teile der ersten Baugruppe in Cadarache, sagte Bigot. Der Aufbau sei wie ein riesiges 3D-Puzzle, das unter Beachtung des Zeitplans nun zusammengesetzt werden müsse.

          Der lange Weg zum Fusionsfeuer

          Die Zeit drängt. Denn in fünf Jahren, so sieht es der Plan vor, soll Iter offiziell fertiggestellt sein und bald darauf in Betrieb gehen. Dann könnten die Wissenschaftler endlich demonstrieren, dass eine Energiegewinnung wie auf der Sonne durch die kontrollierte Fusion der Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium zu Helium technisch machbar ist.

          Im Inneren von Iter soll für mehrere Minuten das Fusionsfeuer aufrechterhalten und mindestens das Zehnfache der ursprünglich aufgewendeten Heizleistung von fünfzig Megawatt erzeugt werden. Das wäre dann das erste Mal, dass man mit der Kernfusion mehr Energie erzeugt als man zuvor hineingesteckt hat.

          Das Herzstück des Fusionsreaktors Iter wird, wenn er fertiggestellt ist, eine Höhe von dreißig Metern und einen Durchmesser von 40 Metern haben. Iter gleicht einem überdimensionalen reifenartigen Gefäß (Torus). In dessen Inneren werden Deuterium- und Tritiumatome auf hundert Millionen Grad und mehr aufgeheizt – eine Temperatur, wie sie auch im Inneren der Sonne herrscht. Dabei bildet sich ein Plasma. Dieses wird von starken Magnetfeldern eingeschlossen und so von den Wänden des Vakuumgefäßes ferngehalten. Jeder Kontakt mit den Außenwänden würde das Plasma zerstören und die Fusionsreaktionen unterbinden.

          Befürworter erhoffen sich von der Kernfusion eine klimafreundliche, nahezu unendlich verfügbare Energiequelle, bei der nur wenig, vor allem kurzlebiger radioaktiver Abfall anfalle. Iter-Kritiker halten dagegen, dass die Technologie angesichts des Anteils erneuerbarer Energien zu spät komme. Die Kosten von Iter, in dem wohl nicht vor 2035 ein Fusionsfeuer brennen wird, werden auf mehr als zwanzig Milliarden Euro geschätzt.

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