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Künstliche Intelligenz : Computer bluffen nicht

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Könnte die Beliebtheit herkömmliche Poker- und Kartenspiele bald durch optimal spielende Computerprogramme bedroht werden? Bild: Reuters

Schach? Mühle? Go? Alles längst gelöst. Künstliche Intelligenz, die den Menschen im Poker schlagen kann, ist eine viel größere Herausforderung.

          Da hörte selbst für Dong Kim, Jason Les, Bjorn Li und Doug Polk der Spaß auf: Knapp zwei Wochen lang täglich bis zu elf Stunden absolvierten die vier amerikanischen Poker-Profis im Frühjahr vergangenen Jahres jeweils 20.000 Runden der Poker-Variante „Face-Up No Limit Texas Hold’em“. „Erschöpfung und Langeweile“ nannte Bjorn Li anschließend als größte Herausforderung des Kartenmarathons, der in einem Spielkasino in Pittsburgh, Pennsylvania ausgetragen wurde.

          Dabei konnten die Profis nicht darauf spekulieren, dass auch ihrem Gegner die Puste ausgehen würde: Das Computerprogramm „Claudico“ lief unweit vom Kasino auf einem leistungsstarken Großrechner der Carnegie Mellon University. Als das Match am 8. Mai 2015 endlich vorüber war, fiel die Bilanz zugunsten der menschlichen Hirne aus. Die vier Spieler hatten zusammen einen Vorsprung von gut 700.000 Chips herausgespielt.

          Poker als Maßstab für die KI-Forschung

          Angesichts eines Gesamtumsatzes des Duells von rund 170 Millionen Chips war das allerdings eine bescheidene Summe. Trotzdem feierte die internationale Pokerszene mehrheitlich einen Sieg des Menschen über die Maschine, während Claudicos Schöpfer um den Informatiker Tuomas Sandholm von der Carnegie Mellon University das Ergebnis, statistisch gesehen, als ein Unentschieden deuteten.

          Wozu der ganze Aufwand, Computern ein Spiel beizubringen, das nach gängiger Meinung ein Glücksspiel ist? „Poker ist heute ein Maßstab für die Forschung an künstlicher Intelligenz, so wie es Schach früher einmal war“, sagt Sandholm. Zwanzig Jahre ist es her, dass mit Garri Kasparow erstmals ein Schachweltmeister gegen ein Computerprogramm verlor. Es gibt jedoch einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Spiel der Könige und jenem der Cowboys. Während im Schach beiden Spielern sämtliche Informationen auf dem Brett zugänglich sind, ist Poker das klassische Beispiel dafür, was Spieltheoretiker ein Spiel mit „imperfekter Information“ nennen.

          Das Spiel wird schmutzig durch die Möglichkeit, zu passen

          Um das zu verstehen, hilft es, das Grundprinzip von Poker zu kennen. In der gängigsten von etlichen Varianten, dem einfachen Texas Hold’em, erhält jeder Spieler zwei eigene, verdeckt gehaltene Karten, die mit fünf offen auf den Tisch gelegten Karten kombiniert werden können. Vor dem Offenlegen der ersten drei sowie der vierten und fünften dieser Gemeinschaftskarten können alle Spieler ihre Chips darauf setzen, die besten Karten zu haben.

          Kommt es zum sogenannten Showdown, gewinnt der Spieler mit der höchsten Hand. Die nach ihrer Eintrittswahrscheinlichkeit gewerteten Kartenkombinationen reichen von einem einfachen Paar, etwa zwei Königen, bis zu einer im Ass endenden Straße aus fünf Karten in einer einzigen Farbe, dem Royal Flush, mit dem man statistisch nur in einem von gut dreißigtausend Spielen rechnen kann.

          So weit ließe sich Poker noch ganz gut mathematisch abbilden. Schmutzig wird das Spiel dadurch, dass Spieler in jeder Wettrunde auch passen können, wenn sie glauben, der Gegner habe bessere Gewinnchancen. Das ermöglicht es umgekehrt, trotz schlechter Karten zu bluffen, indem man durch selbstbewusstes Setzen alle Mitspieler zum Passen bewegt. Wegen dieser Kombination aus einfachen Regeln, komplexer Stochastik und Psychologie gilt Poker als ein Spiel, dass man zwar in fünf Minuten lernen, aber nur über ein ganzes Leben hinweg meistern kann. Das Kartenglück spielt dabei in jedem einzelnen Spiel durchaus eine wichtige Rolle. Auf Dauer gewinnen aber jene Spieler, die ihr Blatt und die Spielweise ihrer Gegner am besten einschätzen können.

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