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Erfindungen : Deconstructing Hedy Lamarr

  • -Aktualisiert am

Sie galt als schönste Frau der Welt. Manche halten sie außerdem für die Erfinderin des Mobiltelefons. Was ist dran an den Legenden um die Schauspielerin Hedwig Kiesler?

          6 Min.

          Manch einen, der nur ihr Foto sah, traf es wie ein Blitz. Dem Filmkritiker Peter Körte ist es so gegangen, und er hat der Frage, was ihre Faszination ausmachte, ein ganzes Buch gewidmet - ohne eine Antwort zu finden. Hedy Lamarr, die „stumme Sirene“, gilt immer noch als „schönste Frau des Jahrhunderts“.

          Doch als sie vor sechs Jahren starb, in einem Ein-Zimmer-Apartment in der Nähe von Orlando, Florida, im mutmaßlichen Alter von 86 Jahren, war sie als Schauspielerin nahezu vergessen. Dafür war sie zur Internetlegende geworden, und das bizarrerweise für eine Erfindung, die angeblich Grundlage aller modernen Kommunikationstechnik sein soll.

          „If the legend becomes fact, print the legend“ heißt einer der berühmtesten Sätze der Filmgeschichte. Tatsächlich hat sich auch über das Leben von Hedy Lamarr allerhand mythisches Rauschen gelegt. Unter ihrem Mädchennamen Hedwig Eva Maria Kiesler kam sie als Tochter eines jüdischen Bankiers in Wien zur Welt, und zwar 1913, 1914 oder 1915, je nachdem, welcher Quelle man Glauben schenken mag.

          Nase voll vom goldenen Käfig

          Sie absolvierte eine kurze Ausbildung bei Max Reinhardt in Berlin und wurde mit einem Schlag berühmt durch ihren Nacktauftritt in dem österreichisch-tschechischen Film „Ekstase“, bei dem ihr Gesicht während eines Orgasmus gezeigt wird; man habe sie bei dieser Szene mit einer Stecknadel in den Hintern gestochen, erzählte sie später. Dokumentiert ist Hedwig Kieslers Ehe mit Fritz Mandl, dem Besitzer der Hirstenberger Patronenfabrik, einem der größten Waffenhändler jener Zeit, der, obwohl er mit den Nazis sympathisierte, noch vor dem Anschluß Österreichs enteignet wurde und nach Argentinien auswanderte, wo er Berater Juan Perons wurde.

          Fritz Mandl führte in Wien aus geschäftlichen Gründen einen großen Salon, dort wurde zweifellos auch über Waffentechnik diskutiert, was im späteren Leben seiner Frau noch einmal eine Rolle spielen sollte. Immerhin hielt die Ehe des ungleichen Paares vier Jahre lang (drei der fünf folgenden Ehen Hedwig Kieslers waren wesentlich kürzer). 1937 hatte die junge Schauspielerin endgültig die Nase voll von ihrem goldenen Käfig und wanderte aus.

          In London traf sie den Hollywoodmogul Louis B. Mayer, der von dem „Ekstase“- Skandal natürlich gehört hatte. Für 150 Dollar die Woche nahm er Hedwig Kiesler unter Vertrag und verpaßte ihr den Künstlernamen, nach dem Vorbild des jung verstorbenen Stummfilmstars Barbara La Marr. Hedy Lamarrs Aufstieg in Hollywood ist in jedem gängigen Filmlexikon nachzulesen.

          Die Zeit der Atombusenwunder

          Er begann an der Seite von Charles Boyer in „Algier“ und erreichte 1949 seinen Höhepunkt mit „Samson und Delilah“ - einem Film, bei dessen Premiere der Komiker Groucho Marx die Bemerkung fallenließ, er schätze es überhaupt nicht, wenn der Hauptdarsteller größere Brüste habe als die Hauptdarstellerin. Denn das war zweifellos Hedy Lamarrs größtes Problem: Neben dem aufkommenden Typ der atombusenbewehrten Sexbombe wirkte sie etwas ätherisch. Brustvergrößerung war schon damals ein Thema, über das in Amerika leidenschaftlich diskutiert wurde.

          In der Zeitschrift Esquire beispielsweise waren eine Reihe von Artikeln erschienen, die für Hormoncremes warben. Der Autor, ein gewisser George Antheil, verdiente sich damit ein Zubrot zu seinem Job als Komponist von Filmmusiken. Antheil war durchaus bekannt, sein „Ballet pour instruments mecaniques et percussion“ war 1926 im Beisein prominenter Zeitgenossen wie Ezra Pound oder Igor Stravinskiy in Paris uraufgeführt worden und hatte dort einen - vom Autor erhofften - Tumult ausgelöst.

          Ursprünglich für 16 mechanische Klaviere, Schlagzeug, Sirene und Flugzeugpropeller geschrieben, führte es unter den Premierengästen zu Protesten und Geschrei, welches jedoch im Getöse eines der lautesten konzertanten Werke aller Zeiten kläglich unterging. Weniger seriös als sein Wirken als Avantgarde-Komponist war Antheils Tätigkeit als Kolumnist und Drüsenexperte. Sein Wissen hatte er sich aus einem heute reichlich obskur wirkenden Buch des Endokrinologen Louis Berman („The Glands Regulating Personality“) zusammengeklaubt, es bestand im wesentlichen aus der Erkenntnis, daß Hormone Schicksal sind.

          System für geheime Kommunikation

          Antheil teilte die Menschheit in „Thymozentriker“ und „Hypophysiker“ ein, wobei er ihren weiblichen Teil noch einmal in A bis D schied; Typ A war am leichtesten rumzukriegen, denn er war vollständig hypophysengesteuert, mit einem Hang zur Nymphomanie. Als Hollywood-Komponist war Antheil Nachbar von Hedy Lamarr. So erhielt er eines Tages eine Einladung zu einem Essen. „Hier saß zweifellos die schönste Frau der Welt“, erinnerte er sich später, „ich fing an zu stottern: ,Ihre Brüste, ihre Brüste...‘ Sie holte ein Notizbuch hervor. ,Ja?‘ sagte sie. ,Was ist mit meinen Brüsten?‘“ Sie seien zu klein, gab ihr Antheil zu verstehen, der sie pfeilschnell als Typ A eingeordnet hatte, um sogleich von den Möglichkeiten zu schwärmen, ihren Busen hormonell zu füttern.

          Wie Hedy Lamarr und George Antheil anschließend vom Thema Drüsen auf das Thema funkgesteuerte Torpedos gekommen sind, wird selbst aus den zahllosen Internetversionen dieser Geschichte nicht ganz klar. Tatsache ist, daß sich in den Unterlagen der amerikanischen Patentbehörde unter der Nummer US2292387 ein „System für geheime Kommunikation“ findet, eingereicht am 10. Juni 1941 und erteilt am 11. August 1942 an George Antheil und Hedy Kiesler Markey; der Filmproduzent Gene Markey war damals ihr zweiter Ehemann.

          Ihre Methode der Nachrichtenübermittlung solle „einfach und zuverlässig im Betrieb“ sein, schreiben die beiden in der Patentschrift, „aber zugleich schwer zu entdecken und zu entschlüsseln“. Die Erfindung nutze „Trägerwellen unterschiedlicher Frequenzen“, um damit Wasserfahrzeuge zu steuern, „beispielsweise Torpedos“. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob Hedy Lamarr das Grundprinzip des Frequenzwechsels bei Gesprächen im Wiener Salon des Fritz Mandl aufgeschnappt haben könnte.

          Mechanisches Klavier als Vorbild

          Ein Dokument, das der Hamburger Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Braun im Bundeswehrarchiv aufgestöbert hat, beweist, daß die Firma Siemens & Halske zu dieser Zeit an entsprechenden Entwicklungen für das Deutsche Reich gearbeitet hat (siehe „Frequenzspreizung und Lizenzfaschismus“). Entscheidend war dabei, Sender und Empfänger so zu synchronisieren, daß die beiden Geräte ihre Frequenzabstimmung rasch und im Gleichklang vornehmen konnten.

          Konkret wird in der Patentschrift beschrieben, wie den Funkwellen mittels Oszillator jeweils ein 100-Hertz-Ton für den Befehl „Ruder backbord“ und ein 500-Hertz-Ton für den Befehl „Ruder steuerbord“ aufmoduliert werden sollen. Der Empfänger im Torpedo filtert diese Steuertöne anschließend heraus und setzt sie in die entsprechenden Bewegungen des Steuerruders um. Eines war tatsächlich vollkommen neu an dieser Erfindung: der Frequenzwechsel, der dem Feind das Abhören oder Stören des Signals unmöglich gemacht hätte. Er sollte über papierene Lochstreifen bewerkstelligt werden, wie sie Antheil bereits von seinen mechanischen Klavieren kannte.

          Ein solches Papierband läuft durch eine Abtastvorrichtung und weist Schlitze entlang seiner Laufrichtung auf. Bis zu 88 Stück hatten Antheil und Lamarr vorgesehen, genauso viele, wie ein Klavier Tasten hat. Wann immer der Abtaster einen Schlitz erkannte, sollte eine Mechanik die entsprechende Klaviertaste anschlagen - oder sollten eben Sender und Empfänger synchron die Frequenz wechseln. Nun haben Lamarr und Antheil sowie ihre Nachfahren und Bannerträger sich immer wieder verwundert und schließlich verbittert gezeigt, daß dieses fabulöse Patent während seiner Geltungszeit nie realisiert wurde. Angeblich sei das der Sturheit der Militärs zu verdanken gewesen, die sich kategorisch geweigert hätten, ein „Klavier in unsere Torpedos einzubauen“.

          „Das ganze Dingsbums da“

          Der Physiker Tony Rothman von der Princeton University hat das Patent einmal genauer unter die Lupe genommen und kam dabei zu dem Schluß, es habe „praktisch keine Chance gegeben, daß es funktioniert“. Die Theorie, Lamarrs und Antheils Erfindung bilde die Grundlage der geheimen Satellitenkommunikation und des modernen Nachrichtenverkehrs, sei eine jener urban legends, deren stete Weiterverbreitung sie nicht wahrer mache.

          Rothman bezweifelt auch, daß Hedy Lamarr die technischen Details ihrer Erfindung voll und ganz begriffen habe; in einem etwas scherzhaft geführten Interview mit der Militärzeitschrift Stars and Stripes sprach sie jedenfalls 1945 noch davon, ihr Ko- Erfinder Antheil habe den „wirklich wichtigen chemischen Teil“ beigesteuert, und es sei sehr lustig gewesen, mitanzusehen, wie er und ein eigens hinzugezogener Elektrotechniker vom Caltech-Institute diesen „ganzen Dingsbums da“ zusammengefummelt hätten.

          Dessenungeachtet verlieh ihr die Electronic Frontier Foundation 1997 einen Preis in später Anerkennung ihrer Verdienste. „Wurde auch Zeit“, hat sie kommentiert. George Antheil starb 1959 an einem Herzinfarkt, mit Hedy Lamarrs Karriere ging es wenig später endgültig bergab. 1966 sorgten ihre Memoiren noch einmal für Schlagzeilen, weil darin eine unglaubliche Zahl von Sexgeschichten ausgebreitet wurde; die Schauspielerin verklagte die beiden Ghostwriter später auf Schadenersatz.

          Ehrengrab in Wien

          Weitere juristische Auftritte hatte sie 1965 und 1991 wegen Ladendiebstahls. 1998 klagte sie gegen die Softwarefirma Corel, die ihr Zeichenprogramm mit einem Hedy Lamarr-Porträt illustriert hatte, in der irrigen Annahme, sie sei bereits verstorben. In ihrem Nachlaß fand sich noch eine unerledigte Klage gegen den kalifornischen Großwinzer Gallo, der einen Fernsehspot mit Motiven aus einem Lamarr- Film angereichert hatte. Anthony Loder, Hedy Lamarrs Sohn aus dritter Ehe, hat ihre Asche testamentgemäß nach Wien überführt; der Dokumentarfilm „Calling Hedy Lamarr“ zeigt, wie er einen Teil davon im Wald verstreut.

          Der Rest lagert angeblich noch in den Räumen der Produktionsfirma. Nachdem die Zeitschrift Profil auf diesen Skandal hingewiesen hatte, gab der Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny vergangene Woche bekannt, daß sie nun doch auf Kosten der Stadt in einem Ehrengrab beigesetzt werden soll. Außerdem ist geplant, eine „öffentliche Verkehrsfläche“ nach ihr zu benennen und einen „Lamarr“- Preis für Forscherinnen auszuschreiben.

          Der deutsche „Tag des Erfinders“ findet ihr zu Ehren ohnehin schon am 9. November statt. Das soll ihr Geburtstag gewesen sein, ob nun 1913, 1914 oder 1915. Aber selbst das ist nicht ganz sicher: Der Standesbeamte hat seinerzeit „IX“ als Monat in ihre Geburtsurkunde eingetragen und das erst später in „XI“ korrigiert.

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