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Erfindungen : Deconstructing Hedy Lamarr

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Ursprünglich für 16 mechanische Klaviere, Schlagzeug, Sirene und Flugzeugpropeller geschrieben, führte es unter den Premierengästen zu Protesten und Geschrei, welches jedoch im Getöse eines der lautesten konzertanten Werke aller Zeiten kläglich unterging. Weniger seriös als sein Wirken als Avantgarde-Komponist war Antheils Tätigkeit als Kolumnist und Drüsenexperte. Sein Wissen hatte er sich aus einem heute reichlich obskur wirkenden Buch des Endokrinologen Louis Berman („The Glands Regulating Personality“) zusammengeklaubt, es bestand im wesentlichen aus der Erkenntnis, daß Hormone Schicksal sind.

System für geheime Kommunikation

Antheil teilte die Menschheit in „Thymozentriker“ und „Hypophysiker“ ein, wobei er ihren weiblichen Teil noch einmal in A bis D schied; Typ A war am leichtesten rumzukriegen, denn er war vollständig hypophysengesteuert, mit einem Hang zur Nymphomanie. Als Hollywood-Komponist war Antheil Nachbar von Hedy Lamarr. So erhielt er eines Tages eine Einladung zu einem Essen. „Hier saß zweifellos die schönste Frau der Welt“, erinnerte er sich später, „ich fing an zu stottern: ,Ihre Brüste, ihre Brüste...‘ Sie holte ein Notizbuch hervor. ,Ja?‘ sagte sie. ,Was ist mit meinen Brüsten?‘“ Sie seien zu klein, gab ihr Antheil zu verstehen, der sie pfeilschnell als Typ A eingeordnet hatte, um sogleich von den Möglichkeiten zu schwärmen, ihren Busen hormonell zu füttern.

Wie Hedy Lamarr und George Antheil anschließend vom Thema Drüsen auf das Thema funkgesteuerte Torpedos gekommen sind, wird selbst aus den zahllosen Internetversionen dieser Geschichte nicht ganz klar. Tatsache ist, daß sich in den Unterlagen der amerikanischen Patentbehörde unter der Nummer US2292387 ein „System für geheime Kommunikation“ findet, eingereicht am 10. Juni 1941 und erteilt am 11. August 1942 an George Antheil und Hedy Kiesler Markey; der Filmproduzent Gene Markey war damals ihr zweiter Ehemann.

Ihre Methode der Nachrichtenübermittlung solle „einfach und zuverlässig im Betrieb“ sein, schreiben die beiden in der Patentschrift, „aber zugleich schwer zu entdecken und zu entschlüsseln“. Die Erfindung nutze „Trägerwellen unterschiedlicher Frequenzen“, um damit Wasserfahrzeuge zu steuern, „beispielsweise Torpedos“. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob Hedy Lamarr das Grundprinzip des Frequenzwechsels bei Gesprächen im Wiener Salon des Fritz Mandl aufgeschnappt haben könnte.

Mechanisches Klavier als Vorbild

Ein Dokument, das der Hamburger Wirtschaftshistoriker Hans-Joachim Braun im Bundeswehrarchiv aufgestöbert hat, beweist, daß die Firma Siemens & Halske zu dieser Zeit an entsprechenden Entwicklungen für das Deutsche Reich gearbeitet hat (siehe „Frequenzspreizung und Lizenzfaschismus“). Entscheidend war dabei, Sender und Empfänger so zu synchronisieren, daß die beiden Geräte ihre Frequenzabstimmung rasch und im Gleichklang vornehmen konnten.

Konkret wird in der Patentschrift beschrieben, wie den Funkwellen mittels Oszillator jeweils ein 100-Hertz-Ton für den Befehl „Ruder backbord“ und ein 500-Hertz-Ton für den Befehl „Ruder steuerbord“ aufmoduliert werden sollen. Der Empfänger im Torpedo filtert diese Steuertöne anschließend heraus und setzt sie in die entsprechenden Bewegungen des Steuerruders um. Eines war tatsächlich vollkommen neu an dieser Erfindung: der Frequenzwechsel, der dem Feind das Abhören oder Stören des Signals unmöglich gemacht hätte. Er sollte über papierene Lochstreifen bewerkstelligt werden, wie sie Antheil bereits von seinen mechanischen Klavieren kannte.

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