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Energietechnik : Sonne, Wind und Stromausfall

 Dagegen erklärte die Bundesnetzagentur 2007 in ihrem Bericht zu dem Störfall, ursächlich sei vor allem gewesen, dass die Netzführung der Werft kurzfristig eine Vorverlegung der Abschaltung gewährte, ohne eine weitere „n–1-Analyse“ durchgeführt zu haben. So nennt sich eine Computersimulation, bei der eines von n Elementen (Leitungen oder Transformatoren) eines Netzes als ausgefallen angenommen und dann für das System der übrigen n–1-Elemente bei gegebener Lastsituation berechnet wird, wie die Stromlast sich verteilt. Das wird für alle Elemente wiederholt. Tritt in keinem Fall eine kritische Überlastung auf, ist das Netz „n–1-sicher“. An jenem Samstagabend war das nordwestdeutsche Übertragungsnetz nach der Abschaltung der Leitung über die Ems nicht mehr n–1-sicher. Dass übermäßiger Windstrom zu der Destabilisierung beigetragen habe, konnte der Bericht nicht bestätigen. Doch endet er mit dem Hinweis, dass Windkrafteinspeisungen die Stabilisierung nach dem Störfall erschwerten und erst ein Abregeln polnischer Kohlekraftwerke die Windstromüberschüsse hatte kompensieren können. Offenbar ist Ökostrom für die Netzstabilität doch ein Problem.

 Der Fluch der Dezentralität

 Die Bundesnetzagentur empfahl den Netzbetreibern seinerzeit einen Austausch von Echtzeitdaten über die angeschlossenen Erzeuger. „Wir haben seit 2006 die Verfügbarkeit von Einspeisewerten konventioneller Kraftwerke in den Verteilnetzen ausgebaut“, sagt Andreas Preuß vom Übertragungsnetzbetreiber Amprion. „Allerdings ist die Bedeutung von Einspeisemesswerten einzelner konventioneller Kraftwerke im Vergleich zu der insgesamt in die Verteilnetze einspeisenden Erneuerbaren verschwindend gering. Messwerte aus den Anlagen für erneuerbare Energien liegen jedoch nur sehr bedingt vor.“ Deren Dezentralität bringt eben auch eine Heterogenität mit sich. „Nicht alle dezentralen Erzeugungsanlagen stellen ihre Echtzeiteinspeisedaten zur Verfügung“, sagt Patrick Wittenberg von Westnetz. „Auch wäre dieses Datenvolumen bei der Masse der Erzeugungsanlagen nur schwer handhabbar.“ Was Dezentralität darüber hinaus bedeutet, zeigt der nähere Blick auf die Bildschirme in Arnsberg. Dort lässt Thomas Aundrup, der Leiter der Netzführung Nord, eine schematische Karte der Höchstspannungstrassen seines Bereiches anzeigen, ein Gebilde aus roten Linien.

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„Die Höchstspannung haben wir hier nur zu unserer Information“, erklärt Aundrup. „Damit können wir dessen Auswirkung auf unser Netz beurteilen.“ Denn alle 15 Minuten wird mit diesen Daten eine n–1-Analyse durchgeführt. Hier werden dazu 280 Varianten durchgerechnet. Zeigt sich dabei ein Problem, wird ins Netz eingegriffen, etwa durch Schalthandlungen oder Drosselung einzelner Erzeuger, um die n-1-Sicherheit wieder herzustellen. Bei der Westnetz ist geplant, die Rechnungen 72 Stunden im Voraus durchzuführen und dabei auch die Prognoseeinspeisungen für Solar und Wind zu berücksichtigen.

Denkt nicht nur an Eigenheime

Dann schaltet der Bildschirm um. Ein erheblich dichteres Geflecht in Grün erscheint, das 110-Kilovolt-Hochspannungsnetz. Eine Linie ist weiß, dort ist eine Leitung gerade stromlos, eine andere zusätzlich blau umrahmt – an ihr wird gerade gearbeitet. Auch sonst hat man hier Übersicht: über alle Transformatoren aus der Höchstspannung und alle Abnehmer, ganz rechts etwa einen Punkt mit der Bezeichnung „Gütersloh“ und gleich daneben einer mit „Miele“. Als großer Industriebetrieb hängt der Haushaltsgerätehersteller direkt am Hochspannungsnetz.

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