Elektronik-Experimentierkästen : Schöner die Dioden nie blinken
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Einer der meistverkauften Baukästen war der „Radiomann“ von Kosmos. Er wurde erstmals in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgelegt. Bild: Kosmos
Elektronik-Experimentierkästen legten technikbegeisterte Väter einst besonders gern unter den Christbaum. Was ist aus diesem Lehrspielzeug geworden? Eine Spurensuche.
Die Adventszeit des Jahres 1982 verbrachte ich in angespannter Unruhe. Ob ich ihn wohl bekommen würde, den EE 2003 von Philips? Denn ausgerechnet im Spielzeugladen meiner Heimatstadt hatte man meinen Eltern vom EE 2003 abgeraten. Dieser Elektronik-Experimentierkasten sei viel zu komplex und keinesfalls für einen Zehnjährigen geeignet; es sei ratsam, damit noch bis zur Konfirmation zu warten. Umsatz war damals im Einzelhandel noch nicht alles.
Doch es ging gut aus. Und so rupfte ich am Heiligabend das Geschenkpapier von einer voluminösen Schachtel. Sie war in schreienden Gelbgrüntönen gehalten und zeigte eine fein säuberlich aufgebaute Radioempfängerschaltung, daneben der Aufdruck „Die Elektronik – eine erregende Welt, in der Jungen von heute sich auskennen müssen“. Weihnachten war gerettet. Am frühen Morgen des ersten Feiertags, die Eltern schliefen noch, baute ich meine erste Schaltung auf, ein sinister tutendes Nebelhorn. Bis Silvester verließ ich mein Zimmer nur noch zu den Mahlzeiten. Und in den Folgejahren ließ ich mir zu Weihnachten, zum Geburtstag sowie zur Konfirmation so ziemlich jeden erhältlichen Aufbau- und Erweiterungskasten zum EE 2003, aber auch zahlreiche Kästen der Hersteller Busch und Kosmos schenken. Ich wollte sie alle. Mein Zimmer verwandelte sich in eine lichtschrankengesicherte Bastelhölle mit einem horrenden Verbrauch an 4,5-Volt-Flachbatterien.
Philips: Aufstieg und Niedergang
An all das musste ich denken, als meine Tochter mich vor einigen Wochen fragte, was ich mir eigentlich als Kind damals von meinen Eltern zu Weihnachten gewünscht hatte. Als sie dann ernsthaftes Interesse an einem Experimentierkasten zeigte, begann ich zu forschen, was aus den Kästen von Philips, Busch und Kosmos geworden ist.
Die von Philips sind heute vollständig in der Versenkung verschwunden. Die gesamte Produktlinie wurde Ende der neunziger Jahre eingestellt. Das mag erstaunen, denn gerade Philips hatte eine qualitativ wie konzeptionell beachtliche Kollektion entwickelt und vertrieben. 1963 ging es los mit dem Baukasten „Electronic Engineer (EE) 10“ zum Verkaufspreis von 69 DM. Damit konnte man unter anderem einen einfachen Radioempfänger bauen, eine Wechselsprechanlage oder auch ein „Morsezeichen-Übungsgerät“ (einen Tongenerator mit Tastschalter). Die Schaltungen wurden auf Lochplatten aufgebaut, die einzelnen Bauelemente durch Drähte und einen Federmechanismus miteinander verbunden. Noch 1963 begann Philips mit der EE-1000-Serie, die erstmals mit einer Frontplatte ausgeliefert wurde, auf der Bedienelemente wie Schalter, Potentiometer, Lautsprecher oder Drehkondensator untergebracht waren. Später wurde die Frontplatte durch ein Schaltpult ersetzt.
Die siebziger und achtziger Jahre waren die Blütezeit der Experimentierkästen. Das Philips-Portfolio wuchs in die Breite. Es gab Erweiterungskästen für integrierte Technik, Messgerätetechnik oder Ultraschall- und Optoelektronik. Dabei lotete dieser Hersteller die Grenzen des im Heimbereich Machbaren aus: Mit den erstmals 1972 erhältlichen Erweiterungskästen EE 1007 und 1008 ließ sich sogar ein vollwertiger Fernsehempfänger bauen, im Lieferumfang enthalten war eine gekapselte Bildröhreneinheit.
In den 1980er Jahren allerdings zerfaserte das Philips-Programm zunehmend. Die klassische EE-Serie endete 1983 mit dem EE 3023. Dieser letzte Kasten alter Machart enthielt ein Videomodul zur Ansteuerung des heimischen Fernsehers. Damit ließen sich ein Schachbrettmuster auf den Bildschirm zaubern, ein Oszilloskop und sogar ein einfaches Telespiel bauen.