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Verkehrsmodellierung : Die merkwürdige Ähnlichkeit von Staus und Infektionen

Zäher Verkehr ist ansteckend – oder lässt sich zumindest mithilfe eines epidemiologischen Modells beschreiben. Bild: dpa

Wer mit mathematischen Werkzeugen auf die Welt sieht, entdeckt seltsame Dinge: Eine neue Studie berichtet von Staus, die sich wie Epidemien verhalten.

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          Wir haben ja schon gelernt, uns über die kleinen Dinge zu freuen: Die Nachricht, dass der ADAC für Ostern ausnahmsweise keine Staus erwartet, sollte immerhin als ein positives Alleinstellungsmerkmal des Jahres 2020 in die Geschichte eingehen. Gleichzeitig ist diese Meldung gerade vor dem Hintergrund unserer aktuell erzwungenen Auseinandersetzung mit der Epidemiologie aber auch ein Stück weit schade — zumindest für all diejenigen, die sich eine aktuelle Studie im Fachjournal “Nature Communications” zu Gemüte geführt haben.

          Denn darin eröffnet eine internationale Gruppe von Ingenieuren und Verkehrsexperten eine völlig neue Perspektive auf verstopfte Straßen. Die Dynamik von Staus lasse sich nämlich, so die Wissenschaftler, mit dem gleichen mathematischen Modell beschreiben, wie die Ausbreitung ansteckender Krankheiten: Wenn verstopfte Verkehrsabschnitte den Infizierten entsprechen und die freien Straßen den Gesunden, dann wächst die Zahl ersterer im Laufe der Stau-„Epidemie“, dem Berufsverkehr also, durch ansteckenden Rückstau in zuführende Straßen zunächst exponentiell an, bis sich die gestauten Abschnitte langsam wieder abbauen.

          Stockende Autoschlangen also als pädagogisch wertvolle Veranschaulichung ansteckender Infektionskrankheiten? Böswillig könnte man mutmaßen, dass Lauren Gardner, Mitautorin der Studie und berühmt geworden als die Frau hinter der Covid-19 Daten-Webpage der Johns Hopkins University, von ihrer offensichtlichen Begeisterung für Epidemien dazu verleitet wurde, die Welt ein wenig zu sehr durch die Ansteckungsbrille zu sehen. Doch immerhin prüften die Wissenschaftler in ihrer Studie auch nach, was ihr Modell in der Praxis taugt: Im Vergleich mit Google-Daten aus Städten wie London, Paris, Sydney oder Chicago, in denen die Fließgeschwindigkeit des Verkehrs in den jeweiligen Straßennetzwerken über einen längeren Zeitraum aufgezeichnet wurden, erwiesen sich die Modellvorhersagen demnach als durchaus zutreffend.

          In (mindestens) einem zentralen Punkt aber, das geben die Forscher offen zu, endet die Parallele zwischen Verkehrskollaps und Seuchendynamik: Während wir nach überstandener Infektion mindestens eine Zeitlang Immunität aufbauen, kann man das bei verstopften Straßen leider nicht erwarten. Schade, denn eine einmal von einem Stau genesene und danach für immer staufreie Straße wäre etwas wirklich Wunderbares.

          Sibylle Anderl
          Redakteurin im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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