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Die Mathematik der Epen : Die Netze der Helden und Täter

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Unter den Epen finden wir bei den „Íslendinga Sögur“ vielleicht das beste Muster. Sie beschreiben die Geschichte von Familien und Konflikten zwischen den ersten Island-Siedlern und ihren Nachkommen, die vermutlich zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert lebten und zeigen, wie kleine Auseinandersetzungen sich zu größeren Konflikten ausweiteten. Anders als in der „Ilias“, wo Feinde sich erst auf dem Kriegsschauplatz treffen, entsteht in den Sagas der Isländer Feindseligkeit durch Blutfehden. Trotz einiger literarischen Verzierungen glauben die Archäologen, dass die Geschichten der Sögur ein historisches Fundament haben. Was die „Íslendinga Sögur“ besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass sie sehr viel mehr Frauennetzwerke verzeichnen als alle anderen Epen. Waren unter den Autoren auch Frauen?

Vor allem Konflikte

Der „Táin Bó Cúailnge“ („Der Rinderraub von Cooley“) schildert den Krieg zwischen den irischen Ländern von Connacht und Ulster und die darauffolgende Invasion von Ulster durch die Armee von Königin Medb of Connacht, mit dem Ziel, den legendären Bullen Donn Cúailnge zu stehlen. Die Heldentaten des berühmten Cúchulainn, der der Königinnenarmee entgegentritt, werden auch beschrieben. Die Táin-Erzählung aus dem Ulster-Zyklus gilt als die Sage, deren Historizität - abgesehen von den offensichtlich erfundenen Akteuren - insgesamt am meisten in Frage gestellt wird. Die Ergebnisse der Netzwerkanalyse bestätigen diese Künstlichkeit. Ein beträchtlicher Teil davon kommt durch sechs Akteure. Wenn man sie aus der Analyse herausnimmt, zeigt der Táin die Eigenschaften echter sozialer Netzwerke.

All diese Netzwerke, vom Ilias bis zum Táin, sind strukturell ausgewogen sowie leicht dissortativ: Da sie vor allem Konfliktsituationen beschreiben, ist die Tendenz, dass sich Untergruppen bilden, immer da. Diese verschiedenen Kriegsparteien, die feindlich aufeinander eingestellt sind, machen die Netzwerke dissortativ. Aber wenn man nur eine Untergruppe betrachtet, ist die Assortativität wieder da. Die Frage ist: Sind diese Eigenschaften tatsächlich universell? Was passiert, wenn man die europäischen Epen mit denen der Neuen Welt vergleicht? Kann man, der Theorie des Monomythen des amerikanischen Mythologen Joseph Campbell folgend, Gemeinsamkeiten finden? Um diese Frage zu beantworten, wurden zwei Schöpfungsgeschichten vom amerikanischen Kontinent unter die Lupe genommen: die „Diné Bahane’“ (Geschichte des Volkes) der Navajos aus dem amerikanischen Südwesten und die „Popol Vuh“ (Buch des Volkes) der K’iché-Indianer, aus dem Hochland Guatemalas, die Nachkommen der Mayas. Das erste Problem der amerikanischen Geschichten liegt darin, dass sie nicht so gut dokumentiert sind wie ihre europäischen Ebenbilder. Die Überlieferung fanden nicht schriftlich, sonder mündlich statt, und erst seit dem 17. („Popol Vuh“) beziehungsweise dem 20. Jahrhundert („Diné Bahane’“) liegt eine schriftliche Fassung dieser Epen vor.

Die Neue Welt hat andere Epen

Die Analyse zeigt, dass die Epen der Neuen Welt völlig anders sind. Dies überrascht nicht, wenn man sieht, dass es sich um die Beschreibungen der Entstehung der Welt selbst durch das Wirken mythischer Figuren handelt. Der „Popol Vuh“ zum Beispiel beschreibt neben der Schöpfung und der Sintflut die Geschichte der Zwillingshelden Hunahpú und Xbalanqué und wie sie mit den Fürsten von Xibalbá (Hölle) oder den Dämonen Zipacna (Erdkruste) und Cabrakan (Erdbeben) ,,kämpfen“ - indem sie nämlich ihren Zwist durch ein Ballspiel entscheiden. Die Gewaltbereitschaft ist in „Popol Vuh“ immer präsent. Unter allen bisher untersuchten Epen ist der „Popol Vuh“ der einzige, der strukturell in der Vernetzung nicht ausgewogen ist und - relativ gesehen - die größte Zahl von feindseligen Verbindungen aufweist.

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