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Leuchtturm im Nahen Osten : „Bei uns könnten auch Syrer eine Heimat finden“

  • Aktualisiert am

Arabische, iranische und israelische Wissenschaftler arbeiten bei Sesame Hand in Hand. Bild: Cern/Sesame

Ein friedliches Miteinander im Nahen Osten, das könnte in der Wüste Jordaniens gelingen, wo der Elektronenspeicherring „Sesame“ seinen Betrieb aufgenommen hat. Über die Chancen dieses einzigartigen Projekts sprachen wir mit dem Präsidenten des Sesame-Rats, Rolf Heuer.

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          Herr Heuer, hierzulande hat die Öffentlichkeit von dem einzigartigen Projekt bislang recht wenig erfahren. Hat man die feierliche Eröffnung absichtlich nicht so publik gemacht, aus Angst vor Terroranschlägen?

          Nein. Es lag eher daran, dass Sesame derzeit nur von 40 Mitarbeitern betrieben wird. Das ist wenig Personal. Kommunikation hat nicht die oberste Priorität. Das wird sich jetzt ändern. Das europäische Forschungszentrum Cern bei Genf wird Sesame bei der Öffentlichkeitsarbeit unterstützen.

          Sie waren am Dienstag selbst vor Ort, als Jordaniens König Abdullah II. Sesame einweihte. Wie war die Stimmung unter den Anwesenden? Der israelische Wissenschaftsminister und die palästinensische Delegation hatten ihre Teilnahme ja abgesagt.

          Wir waren sehr froh, dass der jordanische König und der jordanische Premierminister kamen. Die anderen Staaten hatten Diplomaten oder Regierungsvertreter geschickt. Die Grundstimmung unter den Teilnehmern war außerordentlich gut.

          Rolf Heuer ist der amtierende Präsident des Sesame-Rats. Der deutsche Teilchenphysiker war von 2009 bis Ende 2015 Generaldirektor des europäischen Zentrum für Elementarteilchenphysik Cern bei Genf.
          Rolf Heuer ist der amtierende Präsident des Sesame-Rats. Der deutsche Teilchenphysiker war von 2009 bis Ende 2015 Generaldirektor des europäischen Zentrum für Elementarteilchenphysik Cern bei Genf. : Bild: Helmut Fricke

          Es gab überaus positive Aussagen, und es war sehr ermutigend zu sehen, dass alle voll hinter dem Projekt stehen. Es ist schon ein kleines Wunder, wenn Jordanien, die Türkei, Zypern, Pakistan, Palästina, Israel, Ägypten und Iran sich gemeinsam an einem wissenschaftlichen Großforschungsprojekt engagieren und religiöse und politische Schranken überwinden. Dass es da hin und wieder diplomatische Schwierigkeiten gibt, ist völlig klar. Dies sollte aber auch nicht überbewertet werden. Bei den Ratssitzungen sind stets alle Mitglieder vertreten

          Wie viel Überzeugungsarbeit war notwendig, um Länder wie Iran und Israel und die palästinensische Autonomiebehörde, die sich normalerweise spinnefeind sind, an einen Tisch zu versammeln? Auch Zypern wird von der Türkei nicht anerkannt.

          Die Situation war hier so ähnlich wie in den fünfziger Jahren als Cern gegründet wurde. Cern gibt es, weil sich die Wissenschaftler der europäischen Länder zusammengetan haben und ihre jeweiligen Poltiker von einer Großforschungsanlage überzeugt haben, an der ehemalige Gegner gemeinsam forschen. Und so hat das auch bei Sesame funktioniert. Natürlich ist die Situation in dieser Region deutlich schwieriger als anderswo in der Welt. Und sie ist in den vergangenen Jahren nicht besser geworden. Umso bemerkenswerter ist es, dass es so gut läuft. An den Ratssitzungen , an denen ich bisher teilgenommen habe, erlebte ich immer eine konstruktive Atmosphäre.

          Gab es einen Zeitpunkt, als das Projekt auf der Kippe stand?

          Das war im Jahr 2012. Da war das Projekt in der finanziellen Krise. Die Wende kam, als Israel, Iran, Jordanien und die Türkei sich bereit erklärten, das Projekt mit jeweils fünf Millionen Dollar zusätzlich zu fördern. Daraufhin machte die Europäische Union Mittel frei, mit denen Cern die Ablenkmagnete für den 133 Meter langen Speicherring bauen konnte. Das erfolgte während meines Mandats als Generaldirektor des Cern. Von anderen westlichen Ländern kamen weitere Komponenten. Deutschland hat zum Beispiel bereits sehr früh Teile des ausrangierten Berliner Elektronenspeicherrings Bessy I zur Verfügung gestellt.

          Das Hauptgebäude von Sesame
          Das Hauptgebäude von Sesame : Bild: Cern, Sesame

          Sie dienen als Vorbeschleuniger für Sesame. Die Deutsche Physikalische Gesellschaft stellt pro Jahr 5000 Euro Reisekosten für Wissenschaftler aus dem Mittleren Osten zur Verfügung. Damit können die jungen Leute zum Cern oder zu anderen Einrichtungen reisen, um für die Arbeit an Sesame zu trainieren.

          FRAGE: Zusammenarbeit bei Sesame? Können Wissenschaftler etwa aus dem Westjordanland so einfach zum Forschen nach Jordanien einreisen?

          ANTWORT: Die Reise dauert für viele Wissenschafler deutlich länger, als man es von der geographischen Entfernung erwarten würde. Palästinenser aus dem Westjordanland dürfen nur bestimmte Grenzübergänge benutzen, aber auch das geht. Umso wichtiger ist es, dass man auf dem Gelände von Sesame baldmöglichst ein Gästehaus errichtet, in dem die Wissenschaftler übernachten können. Es wird auch ein Ort sein, wo sie sich neben der Arbeit austauschen können.

          Hat die Wissenschaft im Nahen Osten eine echte Chance, politische und religiöse Grenzen zu überwinden, wie es etwa am Cern tagtäglich praktiziert wird?

          Ich denke ja. Die Wissenschaftler aus der Region sind häufig weit verstreut in der Welt. Am Cern arbeiten zum Beispiel viele gute Physiker aus Iran und aus Pakistan an den Teilchenbeschleunigern und Experimenten. Sie forschen dort gemeinsam mit Israelis. Nun haben die Wissenschaftler aus dem Mittleren Osten die Möglichkeit, vor Ort zu forschen und die Region wissenschaftlich voranzubringen.

          Blick auf den Elektronenbeschleunigerring. Die roten Komponenten sind die Ablenkmagnete.
          Blick auf den Elektronenbeschleunigerring. Die roten Komponenten sind die Ablenkmagnete. : Bild: Cern, Sesame

          Das Potential ist da, und das wird sich jetzt mit Sesame verstärken. Vielleicht können eines Tages auch Wissenschaftler aus Syrien an Sesame forschen. Syrien hatte eine große Wissenschafts-Community. Die Wissenschaftler könnten bei Sesame wieder eine Heimat finden.

          Welchen wissenschaftlichen Stellenwert hat Sesame im internationalen Vergleich?

          Es gibt rund 60 Synchrotronanlagen in der Welt. Sesame rangiert im oberen Drittel.

          Wie geht es weiter?

          Der erste Schritt ist getan. Seit kurzem kreisen Elektronen im Speicherring mit der maximalen Energie von 2,5 Milliarden Elektronenvolt. Jetzt wird die Strahlintensität allmählich erhöht. Im Laufe dieses Jahres werden zwei Strahllinien am Ring eingerichtet, also Zonen, wo das von den kreisenden Elektronen abgestrahlte Synchrotronlicht gebündelt wird.

          Dort entstehen auch die Experimentierplätze, an denen die Wissenschaftler vieler Disziplinen ihre Materialproben untersuchen können. Zwei weitere Experimentierplätze sind fest in Planung. Dafür steht auch schon das Geld zur Verfügung, und für die nächsten drei gibt es auch schon gute Ideen.

          Wissenschaftler sind aufgerufen, Vorschläge für Projekte einzureichen. Wie groß ist die Resonanz?

          Für die ersten beiden Strahllinien sind bisher 55 Projektvorschläge eingegangen. Das ist beachtlich für eine Anlage, die nagelneu ist. Die Ideen werden derzeit von einem internationalen Gremium begutachtet.

          Um die Anlage betreiben zu können, bedarf es Geld und Manpower, aber auch elektrischer Energie. Kann Jordanien genügend Strom bereitstellen?

          Die Strompreise in Jordanien sind hoch. Jordanien hat aber viele Sonnentage. Deswegen gibt es die Idee, Sesame mit Solarstrom zu betreiben. Die EU wird das Projekt fördern. Derzeit läuft die Ausschreibung für die Solaranlagen. Sesame wäre damit in zweierlei Hinsicht einzigartig: Außer einem friedensstiftenden Projekt wäre es auch die erste Synchrotronstrahlungsquelle, die komplett mit Solarstrom betrieben würde. Sesame könnte auch hier eine Vorreiterrolle einnehmen.

          Die Fragen stellte Manfred Lindinger.

          „Sesame“ – ein Frieden stiftendes Projekt

          Sesame (das Akronym steht für „Synchrotron-light for Experimental Science and Application in Middle-East“) ist eine Synchrotron-Strahlungsquelle der dritten Generation. Die Anlage, die 35 Kilometer nördlich der jordanischen Hauptstadt Amman gebaut wurde und von Jordanien, der Türkei, Zypern, Ägypten, Palästina, Israel, Iran und Pakistan betrieben wird, erzeugt energiereiche und brillante Strahlung unterschiedlicher Wellenlängen. Damit können Wissenschaftler verschiedener Disziplinen – Physiker, Chemiker, Biologen und Mediziner, aber auch Archäologen und Umweltwissenschaftler – ihre Materialproben detailliert untersuchen. Sesame besteht aus einem Speicherring mit einem Umfang von 133 Metern, in dem Elektronen auf eine Energie von bis zu 2,5 Milliarden Elektronenvolt (GeV) beschleunigt werden. An mehreren Stellen wird der Elektronenstrahl ausgekoppelt. Die Elektronen durchlaufen dort Parcours starker Dipolmagnete. Darin werden sie auf eine wellenförmige Bahn geschickt, auf der sie die intensive Synchrotronstrahlung aussenden. Erste Ideen für Sesame wurden Anfang der neunziger Jahre geboren mit dem Ziel, die friedliche Zusammenarbeit israelischer und arabischer Wissenschaftler zu fördern. Das Projekt wird von der EU, der Unesco und zahlreichen Ländern – darunter Deutschland, Frankreich, Italien, Großbritannien, Spanien, Griechenland sowie China, Japan, Russland und die Vereinigten Staaten  – unterstützt. Das europäische Forschungszentrum Cern bei Genf ist das große Vorbild für Sesame. Deshalb hat man dem Gemeinschaftsprojekt in Jordanien auch eine ähnliche Struktur gegeben. Sie wird von vier Direktoren geleitet. Ein Rat, zusammengesetzt aus Vertretern der acht Mitglieds- und der siebzehn Partnerländern mit Beobachterstatus,  koordiniert alle Aktivitäten. (mli)

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