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Kip Thorne zum Achtzigsten : Mit Wurmlöchern in die Vergangenheit

Kip Thorne (rechts) und Rainer Weiss verkünden am 11. Februar 2016 die Entdeckung von Gravitationswellen mit den beiden amerikanischen Ligo-Detektoren. Bild: dpa

Schwarze Löcher, Wurmlöcher und Zeitreisen sind seine Spezialgebiete.Für die Entdeckung von Gravitationswellen erhielt er im Jahr 2017 den Nobelpreis. Heute feiert Kip Thorne seinen achtzigsten Geburtstag.

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          In der im Jahr 1999 erschienenen Kurzgeschichte „Rainbow Mars“ des amerikanischen Science-Fiction-Autors Larry Niven können Menschen einer fernen Zukunft durch Wurmlöcher in die Vergangenheit reisen. Real Geschehenes erleben sie dabei allerdings nur, wenn sie nicht weiter zurückfahren als bis in die achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Denn erst da hatte Kip Stephen Thorne vom California Institute of Technology (Caltech) erkannt, dass man eventuell tatsächlich zurück in die Zeit reisen könnte, wenn man geeignet präparierte Wurmlöcher durchquert. Zuvor waren Reisen in die Vergangenheit nichts als Märchen gewesen, weswegen Nivens Figuren bei weiter zurückführenden Trips in irgendwelchen Fantasy-Welten landen.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Kip Thorne hat seine Arbeiten zu Wurmlöchern durchaus in honorigen physikalischen Fachjournalen publiziert. Denn solche hypothetischen Anomalien in der Raumzeitgeometrie, die im Falle ihres Existierens kurze Wege zwischen weit entfernten Regionen des Universums ermöglichten, sind eben nicht nur Requisite von Zukunftsromanen, sondern auch gültige Lösungen der von Albert Einstein aufgestellten Grundgleichungen der Gravitation – Thornes Spezialgebiet.

          Hier gehört der aus Utah stammende Sohn eines Chemikers und einer Wirtschaftswissenschaftlerin seit mehr als 50 Jahren zu den führenden Forschern. Zusammen mit seinem Doktorvater, dem berühmten John Archibald Wheeler, und einem anderen früheren Doktoranden desselben, Charles Misner, verfasste Kip Thorne 1972 das verbreitetste und bis heute vielleicht beste Lehrbuch der modernen Gravitationstheorie. Damals war er bereits zwei Jahre Full Professor am Caltech, als jüngster in der

          Faible für spektakulär Hypothetisches

          Geschichte dieser überaus angesehenen Bildungsstätte. In Kalifornien ist er seither geblieben, geographisch wie intellektuell, einschließlich eines Nebenjobs in Hollywood: Im Jahr 2014 beriet er Christopher Nolan für seinen Film „Interstellar“ und berechnete, wie das dort auftretende Schwarze Loch „Gargantua“ auszusehen hatte. Daraus machte er dann nicht nur ein sehr lesenswertes Buch („The Science of Interstellar“), sondern auch eine akademische Fachveröffentlichung.

          Das rotierende Schwarze Loch „Gargantua“ aus dem Spielfilm 
 „Interstellar“.

          Die Affinität zur Populärkultur teilte er mit dem Briten Stephen Hawking, dem anderen berühmten Gravitationstheoretiker seiner Zeit. Wie dieser ist er in der Sitcom „The Big Bang Theory“ aufgetreten, und natürlich haben die beiden auch einmal öffentlichkeitswirksam eine Wette abgeschlossen: Es ging um die Frage, ob sich hinter der astronomischen Röntgenquelle Cygnus X-1 nun ein Schwarzes Loch verberge oder nicht. Thorne gewann. Sein Faible für spektakulär Hypothetisches beschränkte sich eben nie auf die Wurmlöcher. So dachte er etwa auch über Sterne nach, die im Inneren anderer Sterne sitzen könnten, sogenannte Thorne-Żytkow-Objekte.

          Vor allem aber interessierte sich Kip Thorne für Gravitationswellen, einer anderen Klasse gültiger Lösungen der Einsteinschen Gleichungen, die lange hypothetisch geblieben waren. Im Unterschied zu den Wurmlöchern hängt ihre Existenz allerdings nicht an Bedingungen, die nur weitere hypothetische Naturgesetze sicherstellen könnten. Zudem gab es schon vor Thorne sehr plausible Szenarien darüber, wie solche Wellen – Erschütterungen der Raumzeit selbst – im Universum entstehen können. Thorne engagierte sich daher zusammen mit zwei experimentalphysikalischen Kollegen für die Realisierung eines Gravitationswellen-Detektorprojekts namens „Ligo“ – es wurde das teuerste Unternehmen, das die amerikanische National Science Foundation jemals finanziert hat – und arbeitete theoretisch aus, was genau man damit würde erforschen können. Im Februar 2016 hat die Ligo-Kollaboration dann ihren ersten Nachweis einer Gravitationswelle tatsächlich verkünden können – und im Jahr darauf bekamen er und seine zwei Mitstreiter dafür den Nobelpreis für Physik. Seither ist Kip Thorne schon fast drei Jahre weiter in die Zukunft gereist. Heute, am Pfingstmontag, feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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