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Ulf von Rauchhaupt (UvR)

Blasmusik und Corona : Sicher im Posaunenchor

Laserstrahlen machen die Strömung sichtbar, die einer Tuba entweicht. Bild: American Institute of Physics/Paulo E. Arratia

Sind Blasmusiker besondere Virenschleudern? Amerikanische Forscher haben systematisch nachgemessen.

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          Sicher, es geht auch mal eine Saison ohne Anton Bruckners siebte Symphonie, deren dritter Satz das Blech mit einem Effekt einsetzt, der nichts für schwache Nerven ist. Und ja, die Metamorphosen für 23 Solostreicher von Richard Strauss könnte man ruhig häufiger aufführen. Insofern es aber stimmt, was die Forscher um Quentin Brosseau von der University of Pennsylvania in der Einleitung zu ihrer soeben in „Physics of Fluids“ erschienenen Untersuchung schreiben, nämlich dass Orchester ihre Programme pandemiehalber auf Streicherbesetzungen umgestellt hätten, kann man sich das unschwer mit der Schwierigkeit erklären, bei aufgesetzter Maske ein Blasinstrument zu spielen.

          Andererseits: Müssen die Schalltrichter der klingenden Rohre die potentiell infektiösen Tröpfchen in der Atemluft eines Trompeters oder Fagottisten nicht geradezu gebündelt und mit umso größerer Reichweite in die Umgebung blasen? Der gesunde Menschenverstand stellt sich so einen infizierten Blasmusiker jedenfalls unschwer als besondere Virenschleuder vor. Und nicht nur dieser. Im April 2021 war in einer Empfehlung des deutschen Musikrates in dem Abschnitt „Wissenschaftliche Grundlagen“ zu lesen: „Im Vergleich zum Sprechen werden beim Singen deutlich höhere Mengen an Aerosolpartikeln ausgestoßen, bei Blasinstrumenten sind es weit über tausendmal so viele (außer Flöten).“

          Brosseau und sein Team können das nicht bestätigen. Sie hatten die Schalltrichter der Instrumente von Musikern des Philadelphia Orchestra während des Spiels mit Partikelzählern überwacht und die Strömungsmuster der ausgestoßenen Luft mittel Laserstrahlen sichtbar gemacht und nachverfolgt. Tatsächlich war die Aerosollast bei Trompeten und Tuben gegenüber dem Hintergrund erhöht, aber lediglich um einen Faktor zwei. Bei Fagott, Klarinette und Oboe betrug der Faktor nur 1,2, die Flöten lagen mit 1,6 übrigens dazwischen. Den Unterschied zwischen Blech- und Holzblasinstrumenten erklären sich die Autoren mit dem Teilchenverlust durch die Tonlöcher Letzterer.

          Das Resümee der Forscher: Der gesunde Menschenverstand lag wieder einmal daneben. Bläser verteilen gegebenenfalls vorhandene Viren mit ihrer Atemluft auch nicht weiter als jemand, der normal spricht. Die den Schalltrichtern entweichenden Strömungen sind weitaus langsamer als das, was ein Mensch beim Niesen oder Husten von sich gibt, und zwei Meter sind ein sicherer Abstand, – selbst vor der Mündung einer Posaune im Scherzo von Bruckners Siebter. Allerdings nur was die Ansteckungsgefahr angeht.

          Ulf von Rauchhaupt
          Redakteur im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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