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Biotechnologie : Sprechstunde bei den neuen Biovisionären

Systembiologische Simulation eines dynamischen Netzwerks Bild: Schweizerischer Nationalfonds

Synthetische Biologie verknüpft Molekularbiologie mit der Sprache und den Konzepten von Ingenieuren, Systembiologie arbeitet mit den Bausteinen des Lebens auf dem Computer: Von beiden Bereichen wird rasantes Wachstum erwartet.

          Deutschland, das Land der Bioingenieure und Genomschöpfer? Wenn man sich die Ausbeute deutscher Studenten auf einem am Wochenende zu Ende gegangenen Wettbewerb des Massachusetts Institute of Technology an der amerikanischen Ostküste ansieht, lässt sich ahnen, dass die seit ein paar Jahren keimende „Synthetische Biologie“ hierzulande idealen Nährboden findet. Gesamtplatz zwei für Freiburger Undergraduate-Studenten sowie eine Goldmedaille und drei Spezialpreise für eine sechzehnköpfige Heidelberger Gruppe, das lässt sich sehen in einem Umfeld, das inzwischen von Dutzenden von amerikanischen und asiatischen Studententeams aus Harvard, Stanford, Caltech, Tokio und anderen Forschungsmetropolen dieser Welt geprägt wird.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Deutschlands junge Biotechnikstudenten haben mit ihren selbstkreierten „Killer- und Beutebakterien“ auf dem „Igem“- Wettbewerb Flagge gezeigt. Igem, das steht für „International Genetically Engineered Machine competition“. Ein Studentenwettkampf, bei dem es für die sorgfältig ausgewählten Nachwuchskräfte seit ein paar Jahren darum geht, aus mittlerweile mehr als tausend konservierten genetischen Modulen quasi auf dem Reißbrett neue Organismen zu entwickeln. Manche sprechen von „Lego-Biologie“. Wie etwa Sibylle Gaisser vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung, die zwei Jahre lang an der Ausarbeitung einer „Europäischen Strategie für die Synthetische Biologie“ gesessen hat.

          Molekularbiologische Ingenieurskunst

          Die Teilnehmerliste und die Befragungen von annähernd sechshundert Forschern lassen ebenso wie das Studenteninteresse erkennen: In Deutschland könnte das erst wenige Jahre alte Forschungsgebiet, das die Molekularbiologie mit der Sprache und den Konzepten von Ingenieuren vereint, weiter stark aufblühen. Zwar erwarten die europäischen Forscher erst in fünf oder mehr Jahren konkrete Produkte – künstliche Zellen etwa, die, gespickt mit maschinell hergestellten und zusammengefügten biologischen Bausätzen, in Reaktoren Kunststoffe, Biotreibstoffe oder Medikamente erzeugen. Aber der Weg scheint fest vorgezeichnet.

          Mancher nicht nur technologische Stein muss aber noch aus dem Weg geräumt werden. Das ließ die Debatte erahnen, die sich ebenfalls am Wochenende auf der gemeinsamen Konferenz der Europäischen Molekularbiologischen Organisation (EMBO) und des Europäisches Molekularbiologischen Forschungslabors (EMBL) in Heidelberg entwickelte. Es war eines jener jährlichen „Science & Society“-Treffen, auf denen Wissenschaftler ihre Projekte von Ethikern, Philosophen, Soziologen und anderen biopolitisch Interessierten kritisch beurteilen lassen. Was die Synthetische Biologie angeht, so wurden für sie und für die nicht minder junge Systembiologie große Aufgaben skizziert. In beiden Fächern geht es um das Integrieren der Lebensbausteine: Moleküle werden zu funktionstüchtigen Modulen und diese zu Netzwerken zusammengebunden – in der Synthetischen Biologie im Labor, bei Systembiologen im Computer.

          Ein neuer Markt

          Alternsforscher Tom Kirkwood von der Newcastle University brachte es in Abwandlung eines unverwüstlichen Biologenwortes des Genpioniers und Evolutionsforschers Dobzhansky auf die Formel: Nichts macht beim Altern Sinn ohne den Blick auf die Komplexität. Von einer „großen Transformation“ sprach Genomforscher Leroy Hood, der vor acht Jahren das erste Institut für Systembiologie gegründet hat. Eine Transformation auch der Medizin, die weniger von Entdeckungen getrieben werde wie bisher die Molekularbiologie als von Hypothesen und Konzepten. Weil diese Entwicklung weit über die Verfahren der klassischen Gentechnik hinausgeht, ist in Heidelberg so mancher Ruf nach staatlicher Kontrolle, zumindest nach einer Ausweitung der Sicherheitsregeln für die Gentechnik, laut geworden.

          Im Unterschied zu Flugzeugingenieuren, sagte Luis Serrano vom Centre for Genomic Regulation in Barcelona, „müssen wir noch eine lange Zeit mit Unvorhersagbarkeit leben, damit, dass wir zwar Mikroorganismen mit Biobausteinen von Grund auf zusammenbauen, aber dann immer noch nicht wissen, wie sie wirklich funktionieren“. Die Frage war also, ob man die in der Wissenschaft noch bevorzugte Selbstregulation und -kontrolle forciert oder ob die Wissenschaft sich mit klaren, von der Gesellschaft bestimmten Regeln abfinden muss. Die Karten werden gerade neu gemischt. Um was es dabei auch geht, machte Sibylle Gaisser nochmal in Heidelberg deutlich: Von heute 450 Millionen Euro soll der Markt der neuen Biologie auf 2,5 Milliarden Euro wachsen.

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