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Atomenergie : Atommüll unter Beschuß

  • -Aktualisiert am

Bombardement mit Neutronen - die Lösung? Bild: F.A.Z.

Zwanzig Jahre nach Tschernobyl wird wieder über die Atomenergie diskutiert. Ungelöst bleibt die Endlagerfrage. Könnte man den radioaktiven Abfall nicht entschärfen? Transmutation heißt das Zauberwort.

          Wer das Flüssigmetall-Labor im Forschungszentrum Karlsruhe betritt, dem luchst Joachim Knebel ein Autogramm ab. Die zwei weißen Tafeln neben dem Eingang sind voll mit Unterschriften aus aller Herren Länder. „Das ist eigentlich mehr eine persönliche Marotte“, sagt Knebel. Sie zeigt aber, wie groß das Interesse an dem Labor ist, das der Maschinenbauingenieur aufgebaut hat.

          Zwar gibt es in der zehn Meter hohen Halle nicht viel mehr zu sehen als ein verschlungenes System aus dicken Stahlrohren in Aluminiumverkleidung. Doch die Experimente, die hier laufen, dienen einem spektakulären Ziel. Das flüssige Gemisch aus Blei und Wismut, das bei 300 bis 500 Grad Celsius durch die Rohre gepumpt wird, soll einmal Kühlmittel werden in einer Müllverbrennungsanlage der besonderen Art.

          Wenn Urankerne gespalten werden

          Der Abfall, den man damit entsorgen möchte, ist der gefährlichste, den der Mensch auf der Erde hinterläßt: hoch radioaktiver Atommüll. Er entsteht als ungewolltes Nebenprodukt, wenn in den Kraftwerken Urankerne zur Energiegewinnung gespalten werden. Wissenschaftler forschen schon seit langem an einer eleganten Methode, diesen Müll unschädlich zu machen. Im Auftrag der Europäischen Kommission koordiniert Joachim Knebel ein vierzig Millionen Euro schweres Projekt, in dessen Rahmen die Machbarkeit einer solchen Anlage zur Verwandlung von Atommüll untersucht werden soll. Fünfzig Partner aus Industrie, Forschungsinstituten und Universitäten beteiligen sich daran.

          Allein in den 17 deutschen Atomkraftwerken fallen jährlich etwa 450 Tonnen abgebrannter Kernbrennstoffe an, das sind bisher 11.500 Tonnen insgesamt, weltweit 260.000 Tonnen. Die problematischsten Stoffe sind nicht die Spaltprodukte selbst, sondern Plutonium und andere Transurane wie Neptunium, Americium und Curium. Sie entstehen durch Neutroneneinfang und Zerfallsprozesse. Zwar machen sie nur ein Prozent der abgebrannten Brennelemente aus, aber dieses eine Prozent hat es in sich: Es setzt zum Teil mehrere hunderttausend Jahre lang Strahlen frei.

          In Glas eingeschmolzen, in Spezialbehälter verpackt

          Bisher ist geplant, den radioaktiven Abfall eines Tages in Endlagern so sicher wie möglich vor der Biosphäre zu verschließen. In Glas eingeschmolzen und in Spezialbehälter verpackt, wartet in der Zwischenzeit das, was nicht in Wiederaufbereitungsanlagen recycelt wird, auf seine letzte Ruhestätte. Sie wird vermutlich in Salzstöcken oder Granithöhlen viele hundert Meter tief liegen, unterhalb des Grundwasserspiegels. Weltweit ist allerdings noch kein einziges Endlager in Betrieb genommen worden. „Die technischen Fragen beispielsweise in Gorleben sind aber geklärt“, sagt Joachim Knebel. Eigentlich könnte es losgehen.

          Trotzdem bleibt bei vielen Menschen ein ungutes Gefühl, weil niemand eine hundertprozentige Sicherheit von geologischen Lagerstätten über Zeiträume von Hunderttausenden von Jahren hinweg garantieren kann. Und so erscheint es verlockend, die langlebigen Strahler anderweitig loszuwerden. Die Idee dazu klingt einfach: Man müßte das eine Prozent Plutonium und Co. aus den alten Brennstäben herausholen, in konzentrierter Form zu neuen verarbeiten und dann mit schnellen Neutronen beschießen. Das sind jene Teilchen, die zusammen mit Protonen den Atomkern der Elemente bilden.

          „Endlager werden dadurch nicht überflüssig“

          Je nach Anzahl der Neutronen im Kern spricht man auch von verschiedenen Isotopen eines Elements. Durch das Auftreffen der Neutronen werden die Kerne zu vorzeitigem radioaktivem Zerfall angeregt oder gespalten. Heraus kommen neben weiteren Neutronen neue Elemente oder Isotope, wie zum Beispiel Ruthenium und Zirkonium, die entweder stabil sind oder deren Radioaktivität in wenigen hundert Jahren auf ein unschädliches Maß abgeklungen ist.

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