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Atomenergie : Atommüll unter Beschuß

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Trotz der angeblichen „Gutmütigkeit“ der Transmutation sind Atomkraftgegner nicht von diesem Konzept zu überzeugen. Thomas Breuer, Atomexperte von Greenpeace, würde aus Sicherheitsgründen eine ordentliche Endlagerung bevorzugen, zumal auch nach der Transmutation noch Atommüll übrig sei. Allerdings müsse man die Suche nach einem Endlager in Deutschland noch einmal ganz neu beginnen, mit einem Verfahren, das unter der rot-grünen Regierung entwickelt wurde. Vor allem befürchtet Breuer einen wachsenden Bedarf an Kapazitäten zur Wiederaufbereitung und damit eine steigende atomare Belastung: „Hier beseitigt man nicht nur Probleme, sondern schafft sich gleichzeitig neue.“

Daß die effektive Abtrennung der hoch radioaktiven Elemente aus den abgebrannten Brennstäben auch für die Forscher ein entscheidendes Thema ist, bestätigt Joachim Knebel: „Das ist eine der ganz großen Herausforderungen des Projektes.“ Soll der Müll wirksam entschärft werden, müssen Plutonium und die anderen Transurane zu 99,99 Prozent herausgeholt werden. Hierbei setzen Forscher am Europäischen Institut für Transurane in Karlsruhe und am staatlichen Forschungszentrum CEA in Frankreich einerseits auf Methoden, die bereits aus der Wiederaufbereitung von Brennstäben bekannt sind. Andererseits entwickeln sie darüber hinaus naßchemische Verfahren, um weitere Elemente abzutrennen. Problematisch ist vor allem, daß sich die Stoffe chemisch sehr ähnlich sind und sie wegen ihrer Radioaktivität nur fernhantiert werden können.

Neuland für die Kernforscher

Auch die Zusammensetzung der Transmutations-Brennstäbe ist entscheidend. Die Brennstoffdesigner müssen berücksichtigen, daß jedes Isotop ein bißchen anders auf die Neutronen reagiert und sich die Prozesse gegenseitig beeinflussen. Außerdem sollen die neuen Brennstäbe zur Hälfte aus hoch radioaktiven Substanzen bestehen. Das ist ebenfalls Neuland für die Kernforscher: „Für solche hohen Konzentrationen der Transurane gibt es weltweit noch keine angemessenen Erfahrungswerte“, sagt Knebel.

Wenn die Müllumwandlung einmal so funktioniert wie geplant, werden etwa 20 bis 25 Prozent der Abfälle in den neuen Brennstäben verbrannt. Der Rest kann dann nicht mehr effizient vernichtet werden. Deshalb planen die Forscher einen Kreislaufbetrieb mit einer weiteren Stufe zur Materialtrennung, die alle nicht umgesetzten Giftstoffe wieder für den Einsatz in neuen Brennstäben herauslöst.

Belgien hat sich als Standort angeboten

Bis eine erste Transmutationsanlage probeweise in Betrieb gehen kann, wird es noch einige Jahre dauern. Spätestens 2008 soll die Machbarkeitsstudie bei der Europäischen Kommission vorliegen. Dann entscheidet sich, ob ein Prototyp gebaut wird. Belgien hat sich hierfür bereits als Standort angeboten. 15 weitere Jahre könnten vergehen, schätzt Joachim Knebel, bis alle technischen Details ausgearbeitet sind und nach der Lizenzierung auch der Bau fertig ist.

Nach Schätzungen französischer Forscher würde sich Atomstrom um rund zwanzig Prozent verteuern, wenn die Müllentsorgung durch Transmutation in den regulären Kraftwerksbetrieb integriert würde. Daß es sinnvoll wäre, sich auch über die bereits vorhandenen atomaren Müllberge herzumachen, bezweifelt Joachim Knebel. Der Aufwand, sie aus ihrer gläsernen Verpackung zu befreien, sei kaum vertretbar. Wohl lohnen würde es sich aber, die im Prozeß entstehende Wärme auch zur Energiegewinnung zu nutzen. Allerdings ist das nicht offizielles Ziel der Forschung in Deutschland. Seit der Atomausstieg beschlossene Sache ist, wurde die Kernenergieforschung stark zurückgefahren. Neueste Aussagen von Bundesforschungsministerin Schavan lassen allerdings darauf schließen, daß sich das in absehbarer Zeit wieder ändern könnte.

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