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Antike : Edle Einfalt, satte Farbe

  • -Aktualisiert am

Eigentlich war Caligula bunt Bild: Glyptothek München/Stiftung Archäologie

Das Ideal einer marmorweißen Antike prägte lange unser Bild von griechischer und römischer Kunst. Doch die Wirklichkeit sah anders aus: Skulpturen und Tempel waren geradezu quietschbunt und zeigten ein wahres Feuerwerk aus Farben und Ornamenten.

          Das Urteil war folgenreich und apodiktisch: „Da nun die weiße Farbe diejenige ist, welche die mehresten Lichtstrahlen zurückschicket, folglich sich empfindlicher machet: so wird auch ein schöner Körper desto schöner sein, je weißer er ist.“

          Mit diesem Satz aus seiner 1764 erschienenen „Geschichte der Kunst des Altertums“ definierte Johann Joachim Winckelmann kraft seiner Autorität das klassizistische Schönheitsideal. Der Vater der Kunstarchäologie erhob damit den reinweißen Marmor zur ästhetischen Norm für die Kunst der klassischen Antike, die als Maßstab für die Kunst schlechthin galt. Die Zeitgenossen nahmen sich ein Beispiel, wie die Arbeiten eines Canova oder Thorvaldsen und deren Kollegen zeigen. Hatte nicht schon Michelangelo seinen David aus diesem reinsten und wertvollsten Material geschaffen, das einem Bildhauer zur Verfügung steht?

          Strahlend weißer Marmor: ein Traumgebilde

          Zwar konnte auch Winckelmann damals nicht blinden Auges an erhaltenen Farbspuren auf antiken Skulpturen vorbeigegangen sein. Doch die „barbarische Sitte des Bemalens von Marmor und Stein“ war und blieb ihm ein Greuel. Diese Sicht der Dinge konnte auch lange Zeit erfolgreich verteidigt werden, indem man die Farbfassungen antiker Skulpturen schlicht einer frühen, primitiven Stilstufe zuwies oder sie kurzerhand als etruskische Eigenart betrachtete.

          Paris, orientalisch bemalt

          Aber selbst das Diktum eines Winckelmanns konnte nicht verhindern, daß die Idealisierung des strahlend weißen Marmors als ein Traumgebilde entlarvt wurde. Zu eindeutig waren die Farbspuren auf neu entdeckten Kunstwerken in Griechenland und Italien. Die Folge war eine intensive Beschäftigung mit der Frage nach der Bemalung antiker Skulpturen. So dokumentierten schon die Ausgräber des Aphaiatempels auf Ägina 1811 Farbspuren an den Giebelskulpturen und an Teilen der Architektur. Und nur vier Jahre später publizierte Antoine Chrysostôme Quatremère de Quincy in seinem Werk über die Goldelfenbeinstatue des Zeus von Olympia antike Schriftquellen zur farbigen Plastik, die er im Schatz der erhaltenen Textüberlieferungen aufgespürt hatte.

          Streit über die Vielfarbigkeit

          Die Diskussion über die Polychromie, die Farbigkeit, antiker Plastik entwickelte sich zu einer teilweise heftig geführten Debatte, die bis zum Zweiten Weltkrieg dauerte. Dabei wurde nicht nur vehement über Pro und Contra gestritten, sondern es bildete sich auch eine Gruppe heraus, die einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen „marmorweiß“ und „knallbunt“ proklamierte. Einige favorisierten eine Zweifarbigkeit aus Blau und Rot auf weißem Untergrund, denn Spuren dieser Farben waren auf den Skulpturen häufig noch gut sichtbar.

          Andere tippten auf Gold und Weiß für die Farbfassung, ein von der Rokokoplastik her bekanntes Konzept. Zu den Protagonisten dieser Auseinandersetzung gehörten bekannte Architekten und Altertumswissenschaftler wie etwa der Hofarchäologe des Bayernkönigs Ludwig I., Johann Martin von Wagner, der Schöpfer der Dresdner Oper Gottfried Semper oder der spätere Direktor der Münchner Glyptothek, Adolf Furtwängler.

          Nach 1945 verebbt das Interesse

          Es erscheint heute unverständlich, daß das Interesse an der Polychromie schließlich verebbte, bis das Thema nahezu in Vergessenheit geriet. Im wissenschaftlichen Diskurs von Kunstgeschichte und Archäologie spielte es jedenfalls kaum mehr eine nennenswerte Rolle. Entscheidend für diesen Abbruch war unter anderem eine Neuorientierung ideologisch-ästhetischer Diskussionen infolge des Traumas, in das der Zweite Weltkrieg Europa gestürzt hatte.

          Vor allem die Nachkriegsgeneration der Archäologen zog sich auf eine formalästhetische Betrachtung antiker Kunst zurück. Die Existenz der Polychromie wurde zwar keineswegs geleugnet, aber sie geriet an den Rand des wissenschaftlichen Interesses. Kein Wunder also, wenn bis heute unsere Vorstellung vom Aussehen antiker Skulpturen und Bauwerke weiterhin von marmorweißen Denkmälern geprägt wird, wie sie die Museen weltweit präsentieren.

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