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Angewandte Chemie : Wo Deutsch eine Weltsprache geblieben ist

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„Angewandte Chemie” - das führende Fachblatt für Chemie Bild: Wiley-VCH

Forschung und Wissenschaft haben bei uns einen festen Platz im öffentlichen Leben. Das sollte sich auch in der Sprache der Fachzeitschriften spiegeln. Immerhin: Die wichtigste Chemie-Fachzeitschrift erscheint in deutsch.

          Nicht nur unter den Geistes-, sondern auch bei den Naturwissenschaftlern galt im neunzehnten Jahrhundert die deutsche Sprache als wichtige Größe im wissenschaftlichen Austausch. Heute hingegen ist es Englisch, das als führende Sprache in Forschung und Studium dominiert. Das Deutsche ist auf dem Rückzug, und viele Fachzeitschriften veröffentlichen zunehmend nur noch in englischer Sprache. Eine seltene Ausnahme stellt die „Angewandte Chemie“ dar, die weltweit bedeutendste Fachzeitschrift für Chemie.

          Die „Angewandte Chemie“ meistert schon seit Jahrzehnten einen Spagat: Die Redaktion nimmt deutsche und englische Manuskripte an und lässt die Zeitschrift wöchentlich in zwei Varianten erscheinen - einer internationalen, durchgehend englischsprachigen und einer deutschen Ausgabe. Dies sei ein wichtiger Beitrag zur Erhaltung des Deutschen als Wissenschaftssprache, meinen die Eberhard-Schöck-Stiftung und der Verein Deutsche Sprache und verliehen der Redaktion unlängst gemeinsam den Kulturpreis Deutsche Sprache.

          „Angewandte“ seit 1887

          Die Wurzeln der „Angewandten“ - so der Kurzname der Zeitschrift unter Fachleuten -, die von der Gesellschaft Deutscher Chemiker herausgegeben wird und im Verlag Wiley-VCH in Weinheim erscheint, reichen bis in das Jahr 1887 zurück. 1962 führte die Redaktion zusätzlich zur deutschen die internationale Ausgabe ein, die alle Beiträge in übersetzter Form publiziert.

          Noch heute stellen deutsche Wissenschaftler die größte Gruppe der Autoren, aber neunzig Prozent der Manuskripte kommen aus dem Ausland. So hat die anfallende Übersetzungsarbeit im Lauf der Jahre einen anderen Schwerpunkt bekommen. Heute müssen vor allem englische Texte ins Deutsche übertragen werden. Vor einigen Jahren beschloss die Redaktion, diese Arbeit bei kürzeren Zuschriften einzustellen; diese erscheinen dann auch in der deutschen Ausgabe auf Englisch. So kommt die „Angewandte Chemie“ in diesem Jahr auf mehr als 8000 gedruckte Seiten, davon sind etwa 2500 auf Deutsch.

          Dienst am Kunden

          Diese Zweigleisigkeit sei kein Luxus, so der Chefredakteur Peter Gölitz, sondern Dienst am Kunden. „Auch wenn man das Englische ausgezeichnet beherrscht, wird man einen Artikel in seiner Muttersprache um zehn Prozent schneller erfassen“, ist Gölitz überzeugt. Es geht also auch um Zeitersparnis, mehr aber um Verständnis; denn längst nicht jeder verfügt über ausgezeichnete Englischkenntnisse. Bei vielen Forschern dürften sie eher recht mittelmäßig sein. Schnell kommt es dann zu Missverständnissen oder falschen Interpretationen.

          Die moderne deutsche Gesellschaft ist eine Wissensgesellschaft. Forschung und Wissenschaft haben ihren festen Platz im öffentlichen Leben in unserem Land. Entsprechend sollte auch die deutsche Sprache dort verankert sein. Dafür steht Gölitz mit seiner Redaktion ein. Er verweist darauf, wie sich Alltags- und Wissenschaftssprache gemeinsam weiterentwickeln und wie die beiden Sprachebenen miteinander kooperieren. So sei der Begriff „Quantensprung“, aus der Wissenschaftssprache entlehnt, zum festen Bestandteil des alltäglichen Deutschen geworden. Umgekehrt entwickelte sich die Wissenschaftssprache mit der Muttersprache weiter. Wenn Forscher neue Modelle und Konzepte beschrieben und dafür Wörter aus dem Deutschen nutzten, ergäben sich so ausdrucksvolle Metaphern wie „Schlüssel-Schloss-Prinzip“ oder „Leitplankenkonzept“.

          Kulturpreis Deutsche Sprache

          Das Modell, das die „Angewandte“ praktiziert, trägt dazu bei, die Bedeutung des Deutschen als Fachsprache in den Naturwissenschaften zu stärken. Der Kulturpreis Deutsche Sprache ist eine verdiente Bestätigung für diesen Aufwand. In den zurückliegenden Jahren ist die „Angewandte Chemie“ beständig gewachsen, nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ: Laut „Impact Factor“ hat sie alle konkurrierenden Chemiezeitschriften hinter sich gelassen. Hält diese Entwicklung an, behauptet die deutsche Sprache damit auch ihren festen Platz in der Wissenschaft - zumindest in der Chemie.

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