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70 Jahre Hiroshima : Der Drache ist entfesselt

Nachbau der Uranbombe „Little Boy“, die am 6. August 1945 auf Hiroshima abgeworfen wurde.

Beim Diffusionsverfahren lässt man natürliches Uran durch ein poröses Gitter diffundieren. Aufgrund der geringeren Masse kommt das Uranisotop 235 schneller voran als das schwerere Isotop 238, wodurch beide Atomkerne voneinander getrennt werden können. Soll der Prozess effektiv verlaufen, muss Uran Hunderte von Trennstufen durchlaufen. Damals waren zunächst nur Gramm-Mengen an Ausbeute zu erwarten. Am Site X wurde 1943 die erste größere Anlage zur Isotopentrennung nach dem Diffusionsverfahren gebaut, mit der man auch größere Mengen für eine Atombombe erzeugen konnte.

Sekunden nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima entwickelte sich ein 14 Kilometer hoher Atompilz.

Das Isotop Plutonium-239 hatte als Sprengstoff den großen Nachteil. Es muss erst erzeugt werden. Man verwendete dafür Kernreaktoren, in denen das radioaktive Isotop aus Uran-238 entsteht. Am Site W in Hanford (Washington) wurde im Rahmen des Manhatten-Projekts 1943 ein Reaktor zur Produktion von Plutonium-239 gebaut, das für die Atombombe genutzt wurde.

Mit einer Kanonentechnik zur Explosion

Für den Bau der Atombombe standen die Wissenschaftler des Manhatten-Projekts vor einer weiteren Schwierigkeit: Bei der Montage durfte das Spaltmaterial noch nicht den kritische Masse erreicht haben, da sonst die unkontrollierte Kettenreaktion in Gang gekommen wäre. Für die Uranbombe bot sich die sogenannte Kanonenanordnung an, die technisch verhältnismäßig leicht zu meistern war.

80 Prozent der Stadt lagen in Schutt und Asche, weite Landstriche waren verstrahlt.

Man benötigte zwei getrennte unterkritische Massen, die zusammen eine kritische Masse bildeten, und brauchte sie nur in einem Rohr mittels einer chemischen Reaktion aufeinander zu schießen. Weil das Verfahren so einfach erschien, entschloss man sich, auf einen Test der Uranbombe zu verzichten. Die erste Bombe mit 64 Kilogramm Uran-235, „Little Boy“, wurde am 6. August 1945 in 600 Metern Höhe über Hiroshima gezündet. Sie entwickelte eine Sprengkraft von schätzungsweise 13,5 Kilotonnen Trinitrotoluol (TNT).

Die erste Atombombe „The Gadget“ wurde am 16. Juli in New Mexico testweise gezündet.

Die Folgen waren erschreckend: Innerhalb von Sekunden lag die Stadt in einem Umkreis von vier Kilometern in Schutt und Asche. Schätzungsweise 140.000 Menschen starben bis Jahresende an den Folgen der Explosion und der dabei  freigesetzten radioaktiven Strahlung.

Plutonium, der Stoff für den Trinity-Test

Für die Plutoniumbombe war die Kanonenanordnung nicht geeignet, unter anderem, weil man das Plutonium-239 am Site W nicht rein genug gewinnen konnte. Für das Material  musste man auf das sogenannte Implosionsverfahren zurückgreifen.

Die Atombombe „Fat Man“ wird zu einer Superfortress B-29 geschoben, die ihre tödliche Fracht am 8. August über Nagasaki abwarf.

Bei der Implosionsanordnung wird eine unterkritische Masse mit einem Reflektor und dieser wiederum mit einem Mantel aus hochexplosivem Zündstoff umgeben. Bei dessen Zündung entsteht eine Schockwelle nach innen, die den Druck und damit die Dichte des Spaltungsmaterials so weit erhöht, dass die Masse kritisch wird. Voraussetzung für das Verfahren ist unter anderem, dass das Plutonium-239 streng kugelsymmetrisch implodiert. Außerdem neigt dieser Stoff zu Frühzündungen. Ein Test der Plutonium-Bombe (das Trinity-Experiment) – die erste Explosion einer Atombombe überhaupt – fand am 16. Juli 1945 in der Wüste von New Mexico statt. „The Gadget“, so der verharmlosende Name der Bombe,  entwickelte eine Sprengkraft von 21 Kilotonnen TNT.

Schwere Verbrennungen an seinen Beinen erlitt dieser Mann durch den Abwurf der Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima.

Die zweite Plutoniumbombe, „Fat Man“, wurde am 9. August 1945 in einer Höhe von 500 Meter über Nagasaki gezündet. Sprengkraft: 22 Kilotonnen TNT. Opferzahlen zwischen 80.000 und 90.000 Menschen an einem Tag.

Die traurige Bilanz von „Little Boy“ und „Fat Man“. Durch die Explosion der beiden Atombomben wurden schätzungsweise 200.000 Menschen – vor allem Frauen und Kinder und alte Menschen – getötet.

Noch Jahrzehnte später starben Menschen qualvoll an den Folgen der radioaktiven Verstrahlung. Und noch heute sind die letzten Überlebenden, die das Inferno von Hiroshima und Nagasaki als Kinder erlebt haben, gezeichnet (siehe Artikel: Die Bombe und die Daten) .

Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki sind – Gott sei Dank – bislang die einzigen Nuklearwaffen geblieben, die in einem Krieg eingesetzt wurden. In den Arsenalen der neun Länder, die über Atomwaffen verfügen, befinden sich schätzungsweise 16.000 Nuklearsprengköpfe. Ihre Sprengkraft,  zum Teil ein Vielfaches der Sprengkraft der Hiroshima-Bombe, würde ausreichen, die Erde mehrfach zu zerstören.

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