https://www.faz.net/-gwz-wgsl

400 Jahre Fernrohr : Die Augen der Erde

Sonnenuntergang über dem Paranal: Die Stunde der Stern-Beobachter beginnt Bild: Eso

Das Fernrohr wird 400 Jahre alt. Die Technik, sich den Himmel heranzuholen, hat schon früh gigantische Apparate hervorgebracht. Der Trend ist ungebrochen, wie unter anderem das europäische Very Large Telescope auf dem Cerro Paranal in Chile zeigt. Ein Ausflug in die Geschichte der Teleskope mit Diashow.

          8 Min.

          Es ist die perfekte Wüste. Wohin die Abendsonne auch scheint, sie beleuchtet nichts als eine trostlose, zerkrümelte Landschaft, rotbraune Rümpfe bereits von Urzeiten abgeschliffener Berge. Im Westen liegt das Meer. Unter einer Decke schneeweißer Wolken bleibt es bis zum Horizont unsichtbar, da die Kühle des Humboldtstroms die ozeanische Feuchte bereits unten an der Küste auskondensiert. Hinauf zum 2635 Meter hohen Cerro Paranal schafft sie es nur an wenigen Tagen im Jahr, wenn überhaupt.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Sehen Sie diesen Vulkan?“, fragt Jason Spyromilio und deutet auf den gebirgigen Horizont im Osten. „Er liegt schon in Argentinien und ist 150 Kilometer entfernt. Es gibt wenige Orte auf der Welt, wo Sie so weit sehen können. Genau darum sind wir hier.“ Spyromilio ist Astronom des European Southern Observatory (Eso), einer von 13 europäischen Staaten getragenen Forschungsorganisation mit Zentrale in Garching bei München. Seit 1998 betreibt die Eso auf dem planierten Gipfel des Paranal das „Very Large Telescope“, kurz VLT, eines der leistungsfähigsten Observatorien der Welt.

          Rushhour kurz vor Sonnenuntergang

          In der halben Stunde vor Sonnenuntergang ist es auf der VLTPlattform am lebendigsten. Da versammeln sich hier viele der Astronomen, die in der anbrechenden Nacht beobachten werden. Denn noch bevor die Sonne in den Pazifik sinkt, beginnt ein nicht minder eindrucksvolles Schauspiel: Geisterhaft öffnet sich jeder der vier schimmernden Türme und gibt den Blick auf jeweils ein spindelförmiges Gestell frei, an dessen Basis ein 8,2 Meter breiter Hohlspiegel hängt. Den ganzen Tag über wurden die vier Großteleskope auf die für die Nacht vorhergesagten Temperaturen gekühlt, um die Luftturbulenzen möglichst klein zu halten. UT für „Unitary Telescope“ heißen diese Riesen hier, unterschieden durch die Ziffern eins bis vier. Die klangvollen Namen aus der Sprache der Mapuche-Indianer, die eigens in einem Schülerwettbewerb ermittelt wurden, verwendet keiner der Forscher. Den vier kleinen „Auxiliary Telescopes“, kurz AT, hat man erst gar keine Namen gegeben. Vor dem immer tieferen Blau des Himmels schälen auch sie sich nun langsam aus ihren kugeligen Hüllen.

          Spyromilio genießt die Show, obwohl er sie kennt. Schließlich hat er das VLT mit aufgebaut. „Das war hart“, erinnert er sich. „Im Jahr 1998 war ich 300 Nächte auf dem Berg.“ Später diente er dem VLT anderthalb Jahre als Direktor, bevor die Eso ihn in den Planungsstab ihres Zukunftsprojektes eines „European Extremely Large Telescope“ berief. Aber heute ist er nur als Wissenschaftler da. Zusammen mit seinem Garchinger Kollegen Bruno Leibundgut wird er in der ersten Nachthälfte mit UT2 Sternexplosionen, sogenannte Typ-Ia-Supernovae, in Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxien vermessen. Beide Forscher gehören zu einer internationalen Kollaboration, die damit Licht in das wahrscheinlich größte Rätsel der modernen Physik zu bringen versucht.

          Eine rätselhafte Entdeckung besätigen

          Es geht um die sogenannte „Dunkle Energie“. An deren Entdeckung durch das Weltraumteleskop Hubble vor zehn Jahren waren Leibundgut und Spyromilio selber beteiligt. Bis heute weiß niemand, was damals entdeckt wurde. Fest steht nur, dass 70 Prozent des Universums daraus bestehen und dass es die kosmische Expansion beschleunigt, was man seinerzeit anhand jener Sternexplosionen feststellte: Supernovae sind zwar selten, in der Milchstraße kommt es nur alle Jahrhunderte dazu, aber bei hundert Milliarden Galaxien im beobachtbaren Universum flackert ständig irgendwo eine auf. Ia-Supernovae setzen dabei immer etwa die gleiche Energie frei, weswegen man ihre Lichtintensität in eine Entfernung umrechnen und aus vielen solcher Entfernungswerte die Expansion des Weltalls rekonstruieren kann.

          Weitere Themen

          Die Schwere des Lichts

          Relativitätstheorie : Die Schwere des Lichts

          Eine Sonnenfinsternis machte Albert Einstein vor hundert Jahren über Nacht zum Popstar der Physik. Dahinter steckt die vielleicht größte Einzelleistung eines Wissenschaftlers und ein erkenntnistheoretischer Krimi.

          Mehrere Wasserhosen über Genua Video-Seite öffnen

          Wetterphänomen : Mehrere Wasserhosen über Genua

          Die Sichtung der Wasserhosen über Genua wurde als außergewöhnlich beschrieben. Eine Wasserhose ist ein Tornado oder eine Windhose über dem Meer oder einem See. Sie entsteht, wenn kalte Luft über ein relativ warmes Gewässer strömt.

          Topmeldungen

          Neue Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag: Amira Mohamed Ali

          Amira Mohamed Ali : Linke Blitzkarriere

          Amira Mohamed Ali ist die erste Muslima an der Spitze einer Bundestagsfraktion. Die Linken-Politikerin bezeichnet sich als „Anti-Kapitalistin“ – zumindest damit hat sie etwas mit ihrer Vorgängerin Sahra Wagenknecht gemein.

          Bevölkerungswachstum : „Ein politisch heikles Thema“

          Die Demographie-Forscherin Alisa Kaps über die Weltbevölkerungskonferenz, schwierige Gespräche mit afrikanischen Regierungschefs, Gegenwind von Abtreibungsgegnern und darüber, wie Rechtspopulisten das Thema Bevölkerungswachstum besetzen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.