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100 Jahre Haber-Bosch-Verfahren : Brot und Kriege aus der Luft

Aber 1906 ist Haber erst einmal Ordinarius, mit 37 Jahren noch jung. Drei Möglichkeiten existieren zu diesem Zeitpunkt, den elementaren Stickstoff aus der Luft zu fixieren: mit Hilfe eines Lichtbogens, wobei ähnlich wie in natürlichen Gewittern Stickoxide entstehen; dafür werden allerdings gewaltige Mengen elektrischer Energie benötigt. Indirekt ließe sich Stickstoffdünger auch aus Calciumcarbid in Form von Kalkstickstoff gewinnen; das Verfahren gilt technisch als aussichtsreich, aber sehr kostenintensiv.

Zusammenarbeit mit BASF

Der eleganteste Weg wäre zweifellos die Darstellung von Ammoniak aus seinen Elementen Stickstoff und Wasserstoff, nach der einfachen Formel N2 + 3 H2 <-> 2 NH3. Dabei handelt es sich um eine Gleichgewichtsreaktion: Bei hohem Druck und niedrigen Temperaturen liegt es auf der Seite des Ammoniaks, aber die Reaktion erfolgt nur sehr langsam und träge. Schneller läuft sie bei hohen Temperaturen ab, aber dabei zerfällt Ammoniak wieder in seine Bestandteile. Es ist ein chemischer Teufelskreis, von dem die Fachwelt glaubt, ihn zu beschreiten sei "auch in Zukunft absolut aussichtslos". Als sich Fritz Haber 1907 auf einer Tagung der Bunsen-Gesellschaft mit ersten Berechnungen zu Wort meldet, wird er von seinem Konkurrenten Walther Nernst abgekanzelt; er möge doch "eine Methode anwenden, die wirklich präzise Werte geben muss".

Da hat allerdings schon Fritz Habers Zusammenarbeit mit der Badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen begonnen. Die BASF hat bereits ein Patent des berühmten Chemikers Wilhelm Ostwald aufgekauft. Sie lässt dessen Angaben durch den jungen Carl Bosch überprüfen, und der Laborbericht belegt, dass die kleinen Mengen Ammoniak, die dabei entstehen, nicht aus der Luft, sondern aus dem verwendeten Eisenkatalysator stammen. Das Patent wird zurückgezogen, obwohl es schon die Zusammenhänge zwischen Temperatur, Druck, Katalysator sowie ein technisches Kreislaufverfahren beschreibt, wie es auch Fritz Haber im Sinn hat. Wilhelm Ostwald hält sich bis zuletzt für den "geistigen Vater dieser Industrie", dessen "verlassenen Kindleins" sich nur andere angenommen hätten. Auch Nernst behauptet, dass die Idee eigentlich von ihm stamme.

Viele vage Patente

Patentstreitigkeiten werden das Haber-Bosch-Verfahren bis in die zwanziger Jahre hinein begleiten. Ostwald beantragt, die Erfindung für nichtig zu erklären, scheitert damit aber vor Gericht, weil sich Nernst plötzlich überraschend auf die Seite von Haber stellt. Im Hintergrund wird zäh um Beteiligungen gefeilscht. Nach dem Ersten Weltkrieg reklamieren die Siegermächte die Patente für sich, müssen aber feststellen, dass sie aus keiner einzigen Offenlegungsschrift wirklich schlau werden.

Das immer wieder zitierte "Zirkulationspatent" DE235421 beispielsweise, dass rückwirkend zum 13. Oktober 1908 erteilt wurde, umfasst nur zwei Seiten und beschränkt sich auf allgemeine Angaben über das Prinzip, den Prozess kontinuierlich mittels Wärmeaustausch zu führen. Ein zweites "Hochdruckpatent" (DE238450) ist ähnlich vage gehalten. Aus den Datenbanken der Patentämter lässt sich der ganze Vorgang heute kaum noch rekonstruieren, eine Anfrage im Firmenarchiv der BASF fördert immerhin weitere 37 Patente zutage, mit denen die Ansprüche damals abgesichert wurden. Denn die wirtschaftliche und militärische Bedeutung des Haber-Bosch-Verfahrens war allen Beteiligten von Anfang an klar.

Waffen für den Gaskrieg

Der Weltkrieg hat kaum begonnen, da gibt Carl Bosch der Obersten Heeresleitung in Berlin sein "Salpeterversprechen", mit dem er eine Produktion in großem Maßstab in Aussicht stellt. Fritz Haber entwickelt unterdessen Chlorgaswaffen und wird nach der deutschen Niederlage zum Kriegsverbrecher erklärt. Er richtet ein "schwimmendes Laboratorium" ein, mit dem er hofft, aus Meerwasser Gold zu gewinnen, und scheitert. Er leistet wesentliche Vorarbeiten zur Herstellung des Schädlingsbekämpfungsgases Zyklon B - ohne zu ahnen, dass es später in den Gaskammern gegen sein eigenes Volk eingesetzt werden wird. Aufgrund einer Denunziation wird Haber 1933 gezwungen, sein Institut zu verlassen.

Schwer krank irrt er noch ein Jahr lang durch Europa. Am Abend des 29. Januar 1934 stirbt er in Basel an einem Herzschlag. Sein letzter Brief endet mit den Worten: "Ich habe zu lange gelebt."

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