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Interview mit Peter Berthold : „Wir müssen unsere Interessen zurückstellen“

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Vom Direktor des Max-Planck-Instituts für Ornithologie zum engagierten Naturschützer: Peter Berthold in der Beobachtungshütte des Sielmann-Weihers. Bild: Fabian Fiechter

​In Deutschland finden immer weniger Tiere geeignete Lebensräume. Um den Artenrückgang zu stoppen, baut der Ornithologe Peter Berthold einen Biotopverbund auf.

          Mit Ihrem Projekt „Jeder Gemeinde ihr Biotop“ wollen Sie dem allenthalben beklagten Artenschwund entgegenwirken. Wann haben Sie zuerst bemerkt, dass die Vielfalt der Fauna in Deutschland abnimmt?

          Im Jahr 1986 waren einige Kollegen und ich uns sicher, dass es mit der Vogelwelt gewaltig bergab geht. Zu dem Zeitpunkt hatten wir eine mehr als zehn Jahre lang durchgeführte Vogelzählung am Bodensee, am Neusiedler See in Österreich und im Naturschutzgebiet Reit bei Hamburg beendet. Und sofort war klar: Weit mehr als die Hälfte der erfassten Vogelarten hat kontinuierlich abgenommen. Es musste etwas passieren.

          Was haben Sie unternommen?

          Zunächst haben wir uns ernsthaft gefragt, ob bei der hohen Bevölkerungsdichte, die wir inzwischen in Deutschland haben, und dem Anspruchsdenken der Leute, Naturschutz überhaupt möglich ist. Oder ob es schrecklicherweise so etwas geben könnte wie ein Biomassekonstanzgesetz. Würde heißen: Im Mittelalter gab es wenige Menschen und viele wild lebende Pflanzen und Tiere. Heute gibt es immer mehr Menschen, weswegen der Rest abnimmt. Beides nebeneinander in hoher Zahl geht nicht.

          Haben Sie auf diese Frage eine Antwort gefunden?

          Zum Glück habe ich zu dieser Zeit meine ersten Reisen nach Indien und China unternommen. China, ein riesiges Land mit damals etwas weniger als einer Milliarde Einwohnern, war praktisch frei von wilden Lebewesen, keine Vögel, keine Schnecken, keine Schlangen, nichts. Alles gefangen und verzehrt. Und dann kommt man nach Indien, das bei ungefähr der gleichen Bevölkerungszahl nur ein Drittel so groß ist wie China. Und dort gibt es Vögel, wo Sie auch hingucken, auf jedem Acker, auf jedem Feld. Das hat uns gezeigt: Die Leute können ruhig sehr dicht zusammenleben, für wilde Tiere ist dazwischen immer noch genügend Platz – solange die Einstellung der Menschen stimmt. Nun sind die Inder sehr religiös, es kann ja in jedem Vogel irgendwas Verwandtes drinsitzen. Solche religiösen Verhältnisse herrschen bei uns nicht, aber wir haben den Naturschutz miterfunden und pflegen heute eine vernünftige Einstellung zu wild lebenden Pflanzen und Tieren. Deswegen stand für uns fest: Wenn das Zusammenleben mit den Tieren in Indien geht, müsste es in Deutschland auch gelingen.

          Im Gespräch vor seinem Bauwagen erläutert Peter Berthold die Vorzüge eines Biotopverbunds.

          Wie sind Sie von diesen Reiseerfahrungen ausgehend zu der Idee eines deutschlandweiten Biotopverbunds gekommen?

          Ende der achtziger Jahre haben Naturschutzverbände wie Nabu oder Bund gefordert, wir müssten zurückkehren zu einer rein ökologisch ausgerichteten Landwirtschaft. Der Anspruch war vernünftig, aber utopisch. Deswegen haben wir überlegt, was man sonst noch machen könnte. Zu der Zeit habe ich in Billafingen am Bodensee gerade eine Schafweide erworben und gelernt, dass es eine Verordnung zum Ankauf von landwirtschaftlichen Flächen durch Nichtlandwirte gibt, welche besagt: Wenn es sich um Öd- beziehungsweise Unland handelt, dann darf das auch ein Nichtlandwirt kaufen. Ich habe anschließend mit Landwirtschaftsämtern Verbindung aufgenommen und die Auskunft erhalten, Öd- und Unland gebe es in jeder Gemeinde. Und sofort war die Idee geboren: Nehmen wir an, wir schaffen es, uns im Mittel zehn Prozent von diesen Flächen zu sichern, dann könnten wir darauf Biotope einrichten und eine Art Biotopverbund in Deutschland aufbauen.

          Sind Sie mit dieser Idee an die Öffentlichkeit gegangen?

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