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Freunde und Kontaktverbot : Paradoxie der Quarantäne

Vampirfledermaus Bild: dpa

Vampire, ihr habt es besser: Wie ausgerechnet die Fledermaus ihre Zeit in der Isolation nutzt, um aus der sozialen Distanz die Tugend der Blutsbrüderschaft zu machen.

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          Freundschaft gehört zu den Begriffen, die in den digitalen Jahren umso austauschbarer geworden sind, je enger die sozialen Netze gestrickt wurden. Selbst da, wo es sich vielfach nur um Kontakte handelt wie auf Facebook, werden fleißig die „Freunde“ gezählt, als gäbe es im wahren Leben kein soziales Morgen mehr. Ausgerechnet diese Kontakte bleiben nun im Anti-Corona-Gefecht unbehelligt von der offiziellen Anordnung, zwei Wochen oder mehr unsere Kontakte drastisch zu reduzieren.

          Stattdessen trifft es wieder unsere leibhaftigen Freunde. Über den Wert und die Bewährung echter Freundschaften in der Krise müssen wir jetzt nicht reden, dafür gibt es genügend Evidenz. Wofür wir die Tage der Pandemie vor dem Bildschirm aber vielleicht nutzen könnten, ist ein tieferes Nachdenken über manche unserer paradoxen Kontakte. Welche werden auch nach dem Ende des sozialen Distanzierungsgebots noch wert sein, erhalten oder freundschaftlich vertieft zu werden? Nicht ganz einfach zu entscheiden in Quarantäne.

          Nicht so einfach wie bei den in Beziehungsfragen weithin unterschätzten Vampirfledermäusen, die Simon Ripperger vom Naturkundemuseum Berlin und seine Kollegen vom Smithsonian Tropical Research Institute fast zwei Monate lang in sozialer Isolation gehalten hatten. Das Renommee der Blutsauger war bis dahin unterirdisch. Gewöhnlich verschlafen sie dreiundzwanzig Stunden des Tages kopfüber hängend an der Decke, nur um dann kurz auszufliegen und in stockdunkler Nacht über ahnungslose Tiere herzufallen, schamlos deren Haut aufzuritzen und sich das warme Blut gierig in rauhen Mengen einzuverleiben. Wer so lebt, denkt man, braucht keine Freunde. In dem Käfig jedoch, in dem Ripperger die Vampirfledermäuse gehalten und mit Sendern digital vernetzt hatte, entwickelten sich ganz neue Beziehungen.

          Die Vampire wurden zu Blutsbrüdern. Eine Fledermaus, die trinken durfte, versorgte die andere, hungernde Artgenossin mit ausgewürgtem Blut. So entstanden im Käfig Freundschaften, die auch noch hielten, nachdem die Blutsauger aus der Isolationshaft entlassen wurden und in Zweisamkeit von Höhlendecken hingen. An so was ist in der Pandemie natürlich im Traum nicht zu denken. Kontaktpflege gibt es für uns nur noch über soziale Distanzen. Und als gute Käfigtiere fügen wir uns natürlich dem Schicksal und freuen uns schon darauf, wenn die Tür aufgeht und die echten Freunde das blutarme Kontaktgeplänkel am Bildschirm endlich wieder beenden.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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