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Palmöl : Der Regenwald, aufs Brot geschmiert

Plantagen, so weit das Auge reicht. Allein Indonesien produziert mehr als 28 Millionen Tonnen Palmöl pro Jahr. Bild: dpa

Palmöl geht uns alle an. Weil es fast überall drinsteckt. Doch seine Produktion bedroht wertvolle Lebensräume. Der WWF hat jetzt nachgefragt, wie sehr sich deutsche Unternehmen um Nachhaltigkeit kümmern.

          Als die französische Umweltministerin Ségolène Royal Mitte Juni ihr Volk zum Nutella-Boykott aufrief, war die Entrüstung groß. Nicht nur in Frankreich. Niemand wollte so einfach auf die Nuss-Nougat-Creme verzichten, und in Italien, dem Heimatland des Herstellers Ferrero, nahm ihr Amtskollege den süßen Aufstrich sofort in Schutz. Dass Royal das darin enthaltene Palmöl als schädlich für die Umwelt geißelte, entfachte auch in Deutschland die Diskussion: Palmöl gilt als einer der Hauptschuldigen, wenn tropischer Regenwald abgeholzt und in Anbaufläche verwandelt wird. In der Bundesrepublik werden jährlich pro Kopf etwa 18,5 Kilogramm verbraucht, rund die Hälfte davon in Form von Energie. Aber wer schmiert sich schon gerne Waldverlust aufs Brot? Oder will mitverantwortlich sein, wenn der Lebensraum von Orang-Utan, Tiger, Schimpanse und Gorilla nebst weiteren bedrohten Spezies schwindet?

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch ausgerechnet die Umweltschutzorganisationen Greenpeace und WWF schlugen sich auf die Seite von Ferrero und nannten das Unternehmen als eines der wenigen großen beispielhaft, gerade wenn es um den nachhaltigen Anbau und die Produktion von Palmöl gehe. Weltweit kommen davon pro Jahr rund 57 Millionen Tonnen zusammen. Allein in Indonesien wuchsen die Plantagen zwischen 2006 und 2010 von 4,1 auf 7,2 Millionen Hektar an. In Malaysia, Süd- und Zentralamerika sowie in Afrika werden Ölpalmen ebenfalls kommerziell angebaut. Schätzungen zufolge könnte die globale Palmöl-Produktion bis zum Jahr 2050 auf 240 Millionen Tonnen steigen.

          Tatsächlich ist Ferrero seit zehn Jahren Mitglied des internationalen Roundtable on Sustainable Palm Oil (RSPO), an dem sich mittlerweile 2439 Mitglieder beteiligen. Der italienische Süßwarenkonzern hält nicht nur die damit auferlegten Mindeststandards ein. „Ferrero nutzt zu hundert Prozent physisch segregiertes zertifiziertes Palmöl, weiß, wo es herkommt und unterstützt unter anderem die Palm Oil Innovators Group, die sich für strengere soziale und ökologische Kriterien einsetzt“, sagt die WWF-Referentin Ilka Petersen, die im Sommer in zahlreichen Interviews versicherte, Royals Vorstoß habe die Falschen getroffen. Das Unternehmen selbst gibt in einem kurz vor dem Nutella-Aufruhr erschienenen Bericht an, dass man zu 98 Prozent zurückverfolgen könne, von welcher Plantage die Ölfrüchte jeweils stammten. Man achte auf die Lieferkette und beziehe Palmöl von insgesamt 59 Ölmühlen und 249 Plantagen in Malaysia, Indonesien, Papua-Neuguinea, Brasilien und auf den Salomonen-Inseln. Man setze sich für Kleinbauern ein und gehöre der Organisation The Forest Trust an. Letzterem ist im September auch der französische Kosmetikhersteller Yves Rocher beigetreten, mit den entsprechenden Auflagen zur Transparenz und zum Erhalt von Regenwald und Torflandschaften. Solche Auflagen befürwortet der WWF, der sich unter anderem wünscht, dass Zulieferer und Produzenten zur Legalität verpflichtet werden, damit keine Palmfrüchte verarbeitet werden, die aus illegalem Anbau auf Nationalparkflächen stammen.

          Der Nutella-Zwist deutet nur an, wie komplex das Thema insgesamt ist. Es betrifft praktisch jeden, denn gut die Hälfte aller Supermarktwaren enthalten Palmöl oder dessen Fraktionen und Derivate wie Palmitin- und Stearinsäure. In Cremes, in Frittierfett, Keksen, Kerzen, Seifen und Waschmitteln ist in irgendeiner Form Palmöl. Der Kunde weiß nur häufig nichts davon. Bei Lebensmitteln immerhin muss inzwischen angegeben werden, was für eine Art von Pflanzenöl verwendet wurde. Um den Verbrauchern noch mehr Einblick zu gewähren und um ihnen ein Kaufkriterium an die Hand zu geben, fragt der WWF seit 2009 alle zwei Jahre bei Unternehmen nach, wie es um ihre Bezugsquellen steht.

          Am vergangenen Wochenende veröffentlichte die Organisation in Deutschland nun ihren aktuellen Palmöl-Check. In der Liste wird die Einkaufspolitik von zweihundert deutschen Käufern und Verarbeitern von Palmöl bewertet. Vertreten sind die Branchen Lebensmittel, Wasch- und Reinigungsmittel, Kosmetik, Groß- und Einzelhandel. Erstmals wurden auch Konzerne der Pharma- und Futtermittelindustrie angeschrieben, die bisher nicht im Fokus der Öffentlichkeit standen. Nach einer Marktstudie aus dem Jahr 2013 tragen sie mit 131.000 beziehungsweise 140.000 Tonnen zum Gesamtverbrauch von 1,364 Millionen Tonnen Palmöl in Deutschland bei; vom Palmkernöl wurden insgesamt rund 130.000 Tonnen verarbeitet.

          „Wenn wir schon Palmöl nutzen, sollte es wenigstens aus nachhaltigem Anbau stammen“, meint Ilka Petersen. Mit dem Palmöl-Check wolle man einerseits ermitteln, wie sich der Absatz von zertifiziertem Öl entwickelt. „Andererseits erlaubt uns jetzt die neue, verfeinerten Methode, zwischen den Lieferketten zu unterscheiden. Also ob zum Beispiel vor allem Zertifikate gekauft wurden oder zertifizierte Ware, die sich später physisch im Produkt wiederfindet.“ Die Unternehmen sollen möglichst auf letzteres umsteigen, verlangt der WWF, wie es auch der RSPO von seinen Mitgliedern fordert. Oder, wenn das wie im Bereich von Kosmetika sowie Wasch- und Reinigungsmitteln, kaum praktikabel ist, wenigstens über solche Zertifikate ihren Derivate-Einkauf abdecken, die Kleinbauern zugute kommen. Wer seine Lieferkette im Griff hat, hätte die entscheidenden Fakten leicht liefern können. Von den angefragten Unternehmen blieben jedoch 75 eine Rückmeldung schuldig. WWF-Referentin Petersen kritisiert vor allem, dass sich sämtliche angeschriebenen Firmen der Pharma- und Futtermittelbranche in Schweigen hüllen: „Hier ist der Zertifizierungs-Anteil noch sehr gering, wie die Marktanalyse annehmen lässt. Im Lebensmittelbereich wird diese Forderung eher erfüllt – eben dort, wo die Verbraucher längst genauer hinschauen.“ Auf Nachfrage der „Sonntagszeitung“ bei Boehringer Ingelheim teilte die Firmensprecherin Julia Löffelsend mit, das Unternehmen beziehe „derzeit kein Palmöl, sondern nur chemisch weiterverarbeitete Auszüge. Auch in den Kantinen unseres Hauses kommt kein Palmöl zum Einsatz.“ Über Herkunft und Anbau sei allerdings nichts bekannt: „Da wir nur weiterverarbeitete Produkte erhalten, liegen uns keine weiteren Details vor.“

          Je mehr Transparenz ein Unternehmen zeigte und je besser es eine physischen Lieferkette nachweisen konnte, desto mehr Punkte gab es. Auch eine Mitgliedschaft in Vereinigungen wie dem RSPO oder dem in Berlin gegründeten „Forum nachhaltiges Palmöl“ (FONAP), wurde berücksichtigt. Mit zwanzig Punkten erreichten die Agrarfrost GmbH und die Daabon Europa GmbH die volle Punktzahl. Nur knapp dahinter lagen Milupa und Rapunzel Naturkost. Für den WWF sind das Belege, dass die Anforderungen zu erfüllen sind. Zumal sich immer mehr Unternehmen mit der Herkunft auseinandersetzen; 2013 nutzten 29 Unternehmen ausschließlich zertifiziertes Palmöl, heute sind es bereits 62. Auch Groß- und Einzelhändler wie Edeka und Rewe achten bei ihren Eigenmarken vermehrt auf Nachhaltigkeit und erreichten 16 beziehungsweise 15 Punkte.

          Die Drogeriemarktkette dm legte seit der Erhebung 2013 deutlich zu und zeigt als eines von 43 FONAP-Mitgliedern den Willen zur Veränderung, auch wenn 94 Prozent des Verbrauchs nur indirekt über „Book and Claim“ zertifiziert sind. Von der Rossmann GmH erhielt der WWF keine Angaben, auf Nachfrage antwortete ein Firmensprecher der „Sonntagszeitung“, man sei sich der Problematik bewusst und verfolge das Ziel, Palmöl oder Palmkernöl als Inhaltsstoff bei allen Produkten auszutauschen. Wo dies nicht möglich sei, „forcieren wir die Umstellung auf den Bezug aus nachhaltigen Quellen“.

          Palmöl ist deshalb so beliebt, weil es sich ideal für eine breite Verwendung eignet und sich in einigen Produkten tatsächlich nicht so einfach ersetzen lässt. Was wäre die bessere Alternative? Mit Kokosöl verlagere man das Problem nur, sagt Ilka Petersen, bei Sojaöl müsse man sich zudem mit dem Thema Gentechnik auseinandersetzen. Auf die Anbaufläche bezogen sei keine Ölpflanze so ergiebig die wie die Ölpalme. Auf rund 17 Millionen Hektar weltweit stehen Palmen, die mehr als zwanzig Jahre lang reiche Ernten liefern können. Während Raps bei etwa 1,33 Tonnen pro Hektar liegt und Soja bei 0,77, wird der durchschnittliche Jahresertrag der Palmen mit rund 3,5 Tonnen angegeben. Bessere Bewirtschaftung der Plantagen steigert die Erträge, auch liefern neue Züchtungen mehr Öl. Forscher glauben, dass 11 bis 18 Tonnen zu erzielen wären. Gentechnik spielt im Feld noch keine Rolle, bisher setzt man vor allem auf frühe Selektion, weniger auf Manipulation. Das könnte sich ändern.

          Die heute in Südostasien verbreitete Elaeis guineensis stammt ursprünglich aus Afrika, wo man die Früchte der bis zu 18 Meter hohen Palmen schon seit Jahrtausenden nutzt. Die in Süd- und Zentralamerika beheimatete E. oleifera liefert nur einen Bruchteil des Öls, zeichnet sich jedoch durch niedrigeren Wuchs und Resistenzen aus. Züchter experimentieren deshalb unter anderem mit Hybriden beider Arten. Mit der Auslese ergiebiger Sorten von E. guineensis hatte man bereits begonnen, als Anfang des 20. Jahrhunderts der Anbau im großen Stil vorangetrieben wurde; französische und malaysische Züchtungsprogrammen berichteten von zehn Prozent mehr Produktivität pro Dekade.

          Man unterscheidet bei der Zucht drei Phänotypen, nämlich „dura“, „pisifera“ und „tenera“, für die ein Gen verantwortlich ist – so werden weibliche Blüten gezielt bestäubt. In der Saatgutproduktion kommen heute meist Elternpflanzen zum Einsatz, deren Ursprung auf ein paar wenige Individuen zurückgeht. So stammen die „Deli duras“, beliebte Mutterpalmen, beispielsweise von vier Exemplaren ab, die 1848 im Botanischen Garten von Bogor auf Java gepflanzt wurden. Eine einzige „Django tenera“-Palme aus dem Kongo zeugte die „AVROS pisiferas“ Nachkommen, mit denen in Indonesien, Malaysia, Papua-Neuguinea und Costa Rica häufig Samen produziert werden. Entsprechend schmal sei die genetische Basis der kommerziell genutzten „teneras“, erklärten brasilianische Wissenschaftler im März in den Frontiers in Plant Science. Viele Züchter würden mittlerweile nach neuem Material suchen, um künftig mehr genetische Variabilität nutzen zu können. Auch biete sich die gentechnische Veränderung an, um bestimmte Merkmale zu fördern. Für den WWF wäre das freilich kaum akzeptabel.

          Seit 2013 liegt ein Referenzgenom der Ölpalme vor, was die Suche nach besonderen Eigenschaften erleichtert. Zum Beispiel nach Genen, die den Wuchs so beeinflussen, dass sich die Früchte einfacher ernten lassen. Oder nach Erbanlagen, die für mehr Kältetoleranz sorgen. Das bisher auf die Tropen beschränkte Anbaugebiet ließe sich dann in andere Regionen verlagern. In Südchina hat man bereits erste Anstrengungen unternommen.

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