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Das Illinois-Monster : Doch kein Wurm

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Kleines bizarres Wesen: Das Tullymonstrum gregarium misst keine 50 Zentimeter. Bild: AP

Nach Jahrzehnten der Forschung haben Paläontologen das Geheimnis um das fossile Tullymonster gelüftet. Lange Zeit schien eine Zuordnung unmöglich. Doch wozu gehört nun das Fossil mit dem bizarren Aussehen?

          Fast sechzig Jahre lang haben Paläontologen nach der korrekten taxonomischen Einordnung des fossilen, 307 Millionen Jahre alten Tullymonsters gesucht. Jetzt steht fest, dass diese ungewöhnliche Kreatur kein Wurm, keine Schnecke und auch kein Gliederfüßer war, sondern ein kieferloser Fisch, ähnlich wie die heutigen Neunaugen. Damit ist Tullymonstrum gregarium - so der offizielle Name - ein urtümliches Wirbeltier. Sein Name geht auf den Fossiliensammler Francis Tully zurück. Dieser entdeckte die Abdrücke 1958 in den Schieferablagerungen von Mazon Creek im amerikanischen Bundesstaat Illinois. Weil diese Abdrücke keinerlei Ähnlichkeiten mit anderen bekannten Fossilien hatten und sich auch die Fachleute keinen Reim auf die Verwandtschaftsverhältnisse machen konnten, sprach man kurzerhand von einem Monster. Nicht weil die Kreatur gefährlich groß gewesen war - kein Fossil misst mehr als 35 Zentimeter -, sondern wegen seines bizarren Aussehens. Da keine taxonomische Zuordnung möglich war, galt Tullymonstrum als Vertreter einer ausgestorbenen Entwicklungslinie.

          Victoria McCoy von der Universität Yale und Kollegen vom American Museum of Natural History in New York und dem Field Museum of Natural History in Chicago weisen die Kreatur jetzt als Vertebraten aus, nachdem modernste Röntgenverfahren gezeigt haben, dass sie eine primitive Wirbelsäule besessen hatte („Nature“, doi: 10.1038/nature16992). Die Struktur, die bislang für den Darm gehalten wurde, war in Wirklichkeit ein Achsenstab, eine sogenannte Chorda dorsalis. Den Wissenschaftlern fiel bei der Untersuchung der Fossilien außerdem auf, dass sich der Achsenstab des Tullymonsters am Schwanzende nach unten bog. Bei Haifischen biegt er sich nach oben, bei vielen Fischen verläuft er gerade. Nur beim Neunauge krümmt sich der Achsenstab zum Schwanzende hin ebenfalls nach unten. Das sprach für eine gemeinsame Entwicklungslinie mit den Neunaugen.

          Die bizarre Kreatur ist bisher nur in den fossilen Lagerstätten in Illinois gefunden worden. Das veranlasste den Bundesstaat, sie 1989 zum Staatsfossil zu erklären. Tullymonstrum lebte im Wasser und hatte primitive Kiemen. Das Lebewesen besaß einen langgestreckten Körper, dessen Vorderende in einem Rüssel mündete. Sein Rundmaul enthielt eine Reihe von spitzen Zähnen, die auf eine räuberische Lebensweise hindeuten. Die Augen saßen am Ende von zwei kurzen Stielen. Auf der Höhe der Augen reichte der Achsenstab an eine hirnähnliche Struktur heran, die die Forscher für einen Teil des primitiven Nervensystems halten. Die vermeintliche Segmentierung, die Tullymonstrum zeitweise zu einem Wurm gemacht hatte, entpuppte sich bei genauem Hinsehen als eine Reihe von Muskelpaketen, die sich bei der Bildung der Fossilien zusammengezogen hatten. Diese Muskelpakete trieben vermutlich den Schwanz an. Wann Tullymonstrum zum ersten Mal in der Evolution aufgetreten ist, wann es ausgestorben ist und warum es keine direkten Nachfahren gibt, können die Wissenschaftler allerdings immer noch nicht sagen.

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