https://www.faz.net/-gwz-7z8p8

Onkologie : Zwei Terabyte pro Patient

  • -Aktualisiert am

Wer zahlt künftig für eine Diagnose mit Big Data?

von Kalle: Zunächst handelt es sich vor allem um Forschung, die künftigen Patienten helfen soll. Und dabei werden wir vom BMBF, dem Land Baden-Württemberg und der Dietmar Hopp Stiftung unterstützt. Zwar wird die Krebsdiagnostik so umfassender und sicherlich auch teurer, aber eine präzisere Diagnose hilft, unwirksame Therapien zu vermeiden und den Patienten unnütze Nebenwirkungen zu ersparen.

Was kostet die Sequenzierung pro Fall in etwa?

Eils: Wir liegen bei rund 10000 Euro pro Patient, der IT-Anteil liegt bei 20 bis 30 Prozent. Und vergessen Sie nicht das Personal.

Wie verbessern Algorithmen nun die Therapie?

Eils: Manchmal finden sich dieselben Mutationen von Krebstypen, für die bereits zielgerichtete Medikamente existieren, unerwartet bei anderen Tumorerkrankungen. Hier kann man die erprobten Mittel dann versuchsweise einsetzen.

von Kalle: Eine aus den genetischen Daten gewonnene Hypothese kann in einen Therapieversuch münden. Eine neue Fragestellung der Bioinformatiker kann in eine klinische Studie münden. Und spannend ist die Suche nach Eiweißabschnitten, die durch Krebsmutationen neu entstehen und dem Immunsystem Angriffspunkte liefern könnten, die nur den Krebs treffen. Die Abwehrreaktion ließe sich vielleicht anstacheln.

Wie ist im Moment der Ablauf?

Eils: Wenn ein Patient zu uns kommt und wir nach der umfassenden Aufklärung eine Probe erhalten haben, dann wandert die in ein zentrales Labor. Dort wird die DNA der Zellen extrahiert und sequenziert, möglichst schnell und trotzdem präzise, weil der Patient ja auf die Diagnose und den Therapievorschlag wartet. Derzeit vergehen fünf Tage, bis die Genomdaten bei uns ankommen. Dann fangen wir mit der Detailanalyse an.

Wonach suchen Sie?

Eils: Mit den Mitteln der Informatik und der Statistik erstellen wir einen Katalog der bekannten und therapierbaren Mutationen, der auf mögliche Therapieansätze hinweisen könnte. Gab es Treffer, werden die Ergebnisse mit einer zweiten Methode bestätigt. Dann beraten wir im sogenannten Tumorboard die weitere Strategie. Dort diskutieren Bioinformatiker mit Medizinern und Biologen über Diagnosen und Therapien.

Erbgut wird in Heidelberg von extrem leistungsstarken Maschinen analysiert. Die Forscher hoffen, darin Muster zu finden, die die Entstehung von Tumoren erklären könnten.

Gibt es eine Datenbank, in der alle weltweit aufgespürten Krebsmutationen gesammelt werden?

Eils: Ansätze zu solchen Datenbanken gibt es schon. Jedoch fehlt oft die Verknüpfung mit klinischen Daten. Schön wäre es, wenn wir in näherer Zukunft so eine Sammlung in Europa hätten oder zumindest in Deutschland. Wir haben uns mit unseren Kollegen aus dem Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung auf diesen Weg gemacht. Sinnvoll ist eine Bibliothek, die erfasst, wie sich das individuelle Mutationsspektrum für den Patienten auswirkte: Was ist aus unserem Therapievorschlag geworden, wie ging es mit dem Krebsleiden weiter? Wir schaffen es noch nicht, alles, was Onkologen wissen, im Moment der Entscheidung am Krankenbett verfügbar zu halten. In Heidelberg bauen wir derzeit selbstlernende Systeme auf, die mit harten Daten und Erfahrung Wissen schaffen.

von Kalle: Wir wollen eine Art Daten-Warenhaus erstellen, wo molekulare und klinische Daten zusammenfließen, damit Ärzte erkennen können, bei welchem Patienten welche Therapien angeschlagen haben und wo nicht. Wo traten Metastasen auf? Haben wir das Muster eines Tumors schon einmal gesehen? Was wissen wir über das Schicksal früherer Patienten? Erst wenn alle Datensätze verknüpft sind, können wir daraus noch bessere Behandlungen ableiten.

Computer schlagen den Menschen beim Schach. Bald auch in der Onkologie?

Eils: Wenn es um den simplen Abgleich von genetischen Profilen geht, dann ist ein Computer schneller und präziser. Aber am Ende kann er keine Diagnose- und Therapieentscheidungen fällen und sollte das auch nicht tun.

von Kalle: Computer sollen die Ärzte nicht schlagen, sondern ihnen die besten verfügbaren Informationen anbieten. Ein Tumorpatient besteht nicht aus Daten. Zudem sind mit der Genomsequenzierung längst nicht alle Rätsel gelöst.

Weitere Themen

Topmeldungen

Klopp beim FC Liverpool : Kurz vor der Königsweihe

Jürgen Klopp hat mit Liverpool die Champions League gewonnen, die Fans aber sehnen seit beinahe dreißig Jahren die Meisterschaft herbei. Sie wollen nicht mehr warten.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.