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Klimawandel : Eine Verschnaufpause? Die gab es nie!

Rettungsbojen für den Planeten: Eine Kleindemo zum Weltklimagipfel. Bild: Reuters

Ein Faktum mehr, das gegen eine klimapolitische Wende durch Trump spricht: Die ominöse Klimawandelpause hat es nie gegeben, das ist nun klar. Der Fehler lag nicht bei Obamas Klimaexperten, sondern im Bauch der Ozeandampfer.

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          Das ist ein ordentliches Pfund gegen den „postfaktischen“ Durchmarsch in der Klimapolitik, der vom Wahlkämpfer Donald Trump angekündigt wurde, und der nun, zwei Wochen vor dem Antritt  seiner Präsidentschaft, noch immer nicht vom Tisch ist. Die Rückendeckung für die Wissenschaft kommt aus dem grünen Bundesstaat Kalifornien. In einer neuen Ozeanstudie, die von einer regierungsunabhängigen Gruppe um Zeke Hausfather an der University of Calfornia in Berkeley vorgenommen wurde, kommt nun unzweifelhaft heraus: Die sogenannte Klimawandelpause („Hiatus“), von Klimaforschern und auch  dem Weltklimarat IPCC, vor wenigen Jahren noch als großes ungelöstes Rätsel der Klimastatistik beklagt, war wohl tatsächlich ein technischer Artefakt, der die Temperaturmessungen in den Ozeanen über mehr als ein Jahrzehnt verfälschte. Es gab gar keine Abkühlung, die globale Erwärmung hat in Wirklichkeit nie eine Pause eingelegt. Seit mindestens 75 Jahren erwärmen sich die Meeresoberflächen im Mittel demnach kontinuierlich weiter - im Gleichschritt mit der Erwärmung der Atmosphäre.

          Veraltet: Die offizielle NOAA-Grafik links zeigte bis vor wenigen Jahren die Ozeantemperaturanomalien seit dem neunzehnten Jahrhundert global (blaue Kurve) und für den Nordpazifik. Rechts auf der Karte die Temperaturabweichungen gegenüber dem langjährigen Mittel zu erkennen. Der „Hiatus“ war als grüner Balken in der Zeitschiene sichtbar gemacht worden.
          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Die vermeintliche Klimawandelpause ist in den letzten Jahren wie nur noch der Streit um die sogenannte „Hockeyschläger-Kurve, die von Ex-Präsidentschaftsbewerber Al Gore und zum Leidwesen der klimaskeptischen Gegner in der republikanischen Partei zum Kronzeugen des globalen Klimawandels gemacht wurde, zu einem Politikum ersten Ranges geworden. Abgeordnete der Republikaner haben die Klimaforscher der Nationalen Klima- und Ozeanbehörde NOAA vorgeladen, Prozesse wurden aus den Reihen der Trump-Anhänger angekündigt, die öffentliche Desavouierung der etablierten Klimatologie hatte neue politische Dimensionen erreicht. Bis dann im vergangenen Jahr die NOAA konterte mit einer Neuanalyse und dem Vergleich der Ozeandaten, die von den großen Messbojen, von Schiffen aus und mit Hilfe von Sensoren an Bord der Wetter- und Klimasatelliten aufgezeichnet worden waren. Das Resultat war eindeutig: Die Meere erwärmten sich nicht um die kaum merklichen durchschnittlichen  0,07 Grad pro Jahrzehnt, die quasi schon offiziell waren, sondern um das Doppelte, nämlich um satte 0,12 Grad pro Dekade. Damit stimmten die Erwärmungsraten plötzlich wieder gut überein mit den vor der Klimawandelpause angegebenen Werten. Diese „Selbstkorrektur“ der NOAA erregte die Klimaskeptiker nur noch mehr. 

          Was fehlte, war eine akribische unabhängige Überprüfung. Und die lieferten nun die kalifornischen Wissenschaftler, in dem sie sämtliche aus Europa, in Japan und in den Vereinigten Staaten zusammengestellten Datensätze unter die Lupe nahmen. Sie folgten dabei vor allem einer heißen Spur, über die bereits die NOAA-Forscher gestolpert waren: die Schiffsmessungen. Die Frage war: Wie zuverlässig sind diese Daten verglichen mit den Messbojen-Werten. Denn in der Analytik und im Beobachtungsnetz hatte sich just in der Zeit, in die der „Hiatus“ gefallen war, enorm viel getan: Die Zahl der Messbojen, die zur regelmäßigen Überwachung verschiedener Wasser- und Klimaparameter in den Weltmeeren schwimmen, hat sich seit den neunziger Jahren um den Faktor 25 erhöht, während die Zahl der Messungen von Schiffen aus sich um ein Viertel verringert hat.

          NOAA-Wissenschaftler installieren eine ARGO-Boje und setzen sie im Meer aus.

          Insgesamt drehten sich die Messverhältnisse komplett um: Vor 25 Jahren wurden 80 Prozent der Daten von Schiffsbesatzungen gemeldet, heute kommen 80 Prozent der Daten direkt von Messbojen. Und dieser Umstand macht einen gewaltigen Unterschied: Denn offensichtlich haben vor allem die moderneren Schiffsmessungen einen beträchtlichen Wärme-„Bias“: Früher waren die Temperaturen direkt in einem Eimer Meerwasser gemessen worden, das von der Reling aus an Bord gehievt wurde. Später aber, in den fünfziger Jahren, begannen die Schiffsbesatzungen damit, Wasser zu messen, das automatisch mit Kühlwasser in den Maschinenraum der Großschiffe eingepumpt wurde. Im Maschinenraum aber erwärmte sich das Wasser wohl zu schnell, um realistische, präzise Werte zu erhalten. Das war alles, bevor die präziseren Messbojen zum analytischen Standard wurden. Die automatisierten Messbojen jedenfalls, die nun verstärkt genutzt werden, messen direkt das - offensichtlich etwas kältere - Wasser an der Oberfläche in einer definierten Tiefe. Und diese vermeintliche Abkühlung war in den Statistiken als „Hiatus“ interpretiert worden.

          Solche Abweichungen der Messwerte werden bei einem Wechsel der Analysemethode normalerweise eingerechnet und die Datensätze entsprechend korrigiert. Beim Übergang zum Bojen-Messregime ist der Faktor aber wohl unterschätzt worden. Eine echte Abkühlung, wie die Daten von den Schiffen vorgaukelten, hat es nie gegeben. So kam es, dass die Schiffsdaten viele größere Klimadatensätze und damit Publikationen, in die auch Bojen und Satellitenwerte einfließen, verfälschen konnten. „Sobald wir uns jeden Datensatz aus den unterschiedlichen Messinstrumenten separat vornahmen, war jedenfalls von einem Abklingen der Erwärmung zu Beginn des neuen Jahrtausends nichts zu sehen“, kommentiere Hausfather die Ergebnisse seiner Gruppe in der neuen Ausgabe der Online-Zeitschrift „Science Advances“.

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