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Der Obstrebell

Von ANDREAS FREY, Fotos von PHILIPP VON DITFURTH

4. Juni 2020 · Omas Apfelbaum trägt auch ohne alle Pflanzenschutzmittel. Aber kann man so auch einen kommerziellen Anbaubetrieb betreiben? Zu Besuch bei einem Landwirt, der zeigt, dass das durchaus geht.

W er im Frühling von Staufen in Richtung Frankreich blickt, der vergisst schnell, dass gerade ein Virus die Welt verheert. Ein Blütenmeer in Zartrosa öffnet sich vom Schwarzwaldrand bis zur Grenze, dahinter erheben sich die Vogesen im Elsass, oder wie man neuerdings sagt: das Risikogebiet. Das Markgräflerland, die Gegend hier südlich von Freiburg, ist die Heimat von Martin Geng. Er ist Landwirt von Beruf, ein Obstbauer, aber keiner wie die anderen. Martin Geng ist ein Obstrebell. Der 58-Jährige produziert ungespritztes Obst, mittlerweile auf 17 Hektar. Seine Bäume werden nicht behandelt, weder chemisch noch biologisch. Geng will Landwirtschaft so betreiben, wie sie vor Erfindung der Spritzmittel funktionierte.

Als Spinner haben sie ihn hier bezeichnet, sogar als Branchenverräter. Mittlerweile denken viele Menschen anders: über sich, über die Welt und vielleicht auch über ihn, den Obstbauer Martin Geng. Er hat das alles schon lange prophezeit. Vor zehn Jahren fasste er einen Entschluss: So, wie es ist, kann es nicht weitergehen – auch und gerade in der Landwirtschaft. Also fing er mit 48 Jahren ein neues Leben an, kaufte verwilderte Streuobstwiesen auf, pflanzte alte Sorten. Und lernte von Jahr zu Jahr, was funktionierte – und was nicht.

Wer auf Pestizide verzichtet, muss Nützlinge pflegen. Umgedrehte Tontöpfe dienen Ohrenzwickern als Zuhause.

Es ist Ende März in Staufen, kein Mensch ist unterwegs, überall gespenstische Corona-Stille. Martin Geng steuert seinen roten Pickup eine einsame Straße entlang, biegt rechts ab. Nach wenigen Metern hält er an, steigt aus. Er trägt ein kariertes Hemd und Strohhut. Die Augenbrauen buschig, sein Gesicht hat viel Sonne gesehen. Zunächst will er zeigen, was falsch läuft in der Landwirtschaft. Auf einem Feld stehen Zwetschgenbäume wie Soldaten. Sie sind niederstämmig, verzwergt, Bonsaikulturen nennt sie Geng. Zwischen den Reihen wächst niederes Gras, unter den Bäumen ist der Boden gelb, totgespritzt, wahrscheinlich mit Glyphosat. Es ist eine typische Reihenkultur konventionellen Anbaus. Insekten sind keine zu sehen, aber auch keine Vögel, keinerlei Vielfalt.

Vielfältig ist nur die Menge an Pestiziden, die jedes Jahr in solchen Obstplantagen ausgebracht werden: Insektizide gegen Kerbtiere, Fungizide gegen Pilze, Herbizide gegen Unkraut. Der Bauer nennt sie Pflanzenschutzmittel, weil sie seine Nutzpflanzen schützen. Aber alles andere überlebt den Eingriff meistens nicht. „Man darf sich nicht beklagen, wenn man Insektizide einsetzt und hinterher alle Insekten tot sind, also auch die Nützlinge“, sagt Geng. Versprühen Landwirte Fungizide oder düngen sie den Boden zu sehr, erlischt das Bodenleben. Darunter leiden dann auch die Mykorrhizapilze, welche die Bäume hauptsächlich mit Nährstoffen versorgen. Obstbäume sind in der Lage, sich mit zwei Gruppen dieser Bodenpilze zu verknüpfen. Sie bekommen von ihnen nicht nur Wasser und Nährstoffe, sondern auch Informationen über Trockenstress oder Parasiten.


„Man darf sich nicht beklagen, wenn man Insektizide einsetzt und hinterher alle Insekten tot sind, also auch die Nützlinge.“
MARTIN GENG

Doch in der Landwirtschaft hat der Mensch ganze Ökosysteme unterworfen und regiert mit harter Hand. Dutzende Male pro Jahr rücken die Bauern mit der Spritze aus. Bei Apfelbäumen können sie auf fünfzig verschiedene Pestizide zurückgreifen – meistens nehmen sie, was die Behörden empfehlen. Ist Regen in Sicht, wird präventiv gespritzt, und gegen jeden Schädling gibt es eine Waffe. Kürzlich hätten drei Erntehelfer hier gearbeitet, erzählt Martin Geng, zum Baumschnitt mit der Kreissäge. Drei Tage lang habe es gescheppert und gekracht, das Ergebnis sei verheerend. Er deutet auf einen amputierten Ast, dahinter ragt ein geköpfter Stamm heraus. „Das sind Krüppel“, sagt Geng. Er gibt solchen Bäumen höchstens noch fünfzehn Jahre, danach werde das Feld gerodet und neu bepflanzt. Ein teurer und wenig nachhaltiger Kreislauf, in dem Bäume nichts weiter sind als Produktionsmittel.

Auch die Äste, an denen Mini-Kiwis reifen, müssen zurechtgerückt werden.

Eine Streuobstwiese von Martin Geng ist gleich nebenan, auf der anderen Seite der Straße. Ein paar Schritte, und er steht vor einem alten Apfelbaum der Sorte „Jakob Lebel“, benannt nach dem französischen Pomologen Jacques Lebel. „Veteranen“ nennt Geng seine Bäume. Knorrig und gebrechlich sehen sie aus, mit großen Kronen, breiten Astlöchern, manchmal mit einer Höhle im Stamm; Bäume wie bei Oma im Garten. Martin Geng hat viele solcher Streuobstwiesen gepachtet, sie galten als nicht wirtschaftlich. Er sah das anders.


„Mein größtes Problem ist aber die Trockenheit.“
MARTIN GENG

Und die Ernte? Ohne Pestizide sinken die Erträge. Mehltau und Schorf machen zahlreiche Früchte unverkäuflich, außerdem wütet die Kirschessigfliege. Fleißig am Naschen sind auch Saatkrähen, sie haben es vor allem auf Kirschen abgesehen. „Mein größtes Problem ist aber die Trockenheit“, sagt Geng. Derzeit fallen schon die Walnüsse von den Bäumen. Dadurch sinken die Erträge, die im Vergleich zum Intensivanbau sowieso nicht üppig sind. Aus dem „Obstparadies“, wie Geng seinen Betrieb genannt hat, holt er 15 Tonnen pro Hektar, etwa die Hälfte dessen, was Biobauern einfahren. Im Turbo-Apfelland Südtirol werden bis zu 60 Tonnen pro Hektar geerntet. Dafür mehren sich dort nun Krankheiten wie die Apfeltriebsucht. Alles hat seinen Preis.

Martin Geng macht so manches anders. Anfang der neunziger Jahre baute er eines der ersten Niedrigenergiehäuser, Vegetarier ist er seit Jahrzehnten, selbständig war er immer: Erst als Tischlermeister, dann als Bautechniker. Im Elsass führte er ein Unternehmen, das ökologische Zäune herstellte. Doch sein Traumberuf blieb Landwirt. In dieser Branche ist er bis heute ein Exot. Der Marktanteil ungespritzten Obstes liegt hierzulande bei einem halben Prozent, obwohl in Umfragen achtzig Prozent der Deutschen angeben, ungespritztes Obst zu bevorzugen. Wobei nicht alle wissen, dass das Etikett „Bio“ eine Frucht noch lange nicht als ungespritzt ausweist (siehe „Natürlich nicht harmlos“). Das Obstparadies ist jedoch trotz geringerer Erträge rentabel: Im Vergleich zum Intensivanbau fallen bei Geng pro Hektar nur ein Sechstel der Kosten an, die Verkaufspreise im Laden sind höher als im Supermarkt, liegen aber nicht über denen anderer Biolandbetriebe. Aber über Geld redet Martin Geng eher beiläufig; ihn nervt, dass Erfolg einzig an Erträgen gemessen wird und nicht an Qualität oder biologischer Vielfalt. Er wollte beweisen, dass rentabler Obstanbau ohne Pestizide möglich ist, das ist ihm gelungen. „Eigentlich bin ich überrascht, wie einfach das ging“, sagt er. Schon nach zwei, drei Jahren sei die Natur zurückgekehrt, sagt er. Vergangenes Jahr verlieh ihm Julia Klöckner den Bundespreis für Ökolandbau. Die Auszeichnung hat ihn gefreut, aber Geng ist etwas anderes wichtiger: Er ist davon überzeugt, dass sich sein Modell auf die gesamte Landwirtschaft übertragen lässt.

Frisch und fruchtig duftet der Schwarze Holunder in diesen Tagen. Für die Ernte muss Martin Geng schwindelfrei sein. Ohne Leiter geht im Obstparadies fast nichts.

Zwei Dutzend knorrige Bäume stehen auf dem kleinen Feld. Jeder erzählt eine Geschichte: die Champagner Bratbirne, der Berlepschapfel, die Löhrpflaume. Solch alte Bäume sind Meister der Symbiose. Im Laufe der Jahrzehnte sind sie viele Bündnisse eingegangen, die Pilzfäden ihrer Partner, die Hyphen, bilden ein weitverzweigtes Netz im Boden – das Internet der Bäume. Daher reißt Geng solche Veteranen erst heraus, wenn es nicht mehr anders geht. Anders als vielen Bauern ist ihm ein intaktes Bodenleben auf seinen Wiesen wichtig. Dort herrscht denn auch das genaue Gegenteil von Monokultur. Insgesamt 54 verschiedene Früchte in mehr als 600 Sorten baut Geng an. Im 19. Jahrhundert legte jedes Dorf am Ortsrand Streuobstwiesen zur Selbstversorgung an. Mindestens 2500 Sorten gab es damals, wahrscheinlich eher 4000. Zuvor hatten sich Obstanbau nur reiche Bauern und Gutsherren geleistet. Obst war Luxus.

Als Geng seine Parzellen pachtete, schnitt er die Bäume großzügig zurück, stellte Insektenhotels auf, richtete Nistkästen ein. Jetzt schwirren Schlupfwespen durch die Luft, Blaumeisen brüten, in einer Baumhöhle haust ein Igel. Die Äste, an denen die Früchte gedeihen, sind so hoch, dass die Wiese nicht häufig gemäht werden muss: Hohe Kronen helfen gegen Pilzbefall, tiefe Wurzeln gegen Trockenheit. Den Rest erledigt das Gleichgewicht aus Nützlingen und Schädlingen. Die Ernten in dieser Parzelle sind ordentlich: Ein Baum der Sorte Rheinischer Bohnapfel lieferte vor anderthalb Jahren 1630 Kilogramm, Geng kennt die Zahl genau. Dreizehn Stunden lang musste er damals die Äpfel auflesen, allerdings wären sie für den Handel zu klein gewesen. Also verkaufte er einen Teil auf dem Hof, aus dem anderen machte er Saft, aus acht Äpfeln einen Liter. An Handelskonzerne wie Edeka und Rewe liefert Geng nicht, für ihn sind sie Teil des Problems.


„Es zählen nur Preis und Optik.“
MARTIN GENG

Wenn Martin Geng früher in einen Apfel aus dem Supermarkt biss, ärgerte er sich über den faden Geschmack. Zu süß, zu wässrig. Die Äpfel seiner Kindheit schmeckten noch nach Obst. Es gab Streuobstwiesen in jedem Ort, manche Sorten wie den Roten Eiserapfel konnte man ein Jahr lagern. Nicht alle Äpfel waren perfekt, aber wenn er sich heute im Supermarkt umsieht, sieht er nur noch Einheitsware: Fünf Sorten, alle gleich groß, gleich teuer, gleich süß, gleich makellos: Golden Delicious, Cox Orange, Jonagold. „Es zählen nur Preis und Optik“, sagt Martin Geng. Und dafür werde alles eingesetzt, was die Chemie hergibt. Die Karriere solcher Sorten verlief parallel zur Entwicklung der Pestizide seit den fünfziger Jahren. Einen Golden Delicious ohne Spritzmittel würde man selbst bei Nacht nicht essen wollen, sagt Geng. Die Sorte sei empfindlich gegenüber Schorf und anderen Pilzkrankheiten, ihre Makellosigkeit ein Produkt der Pestizidindustrie. Und eines, das seinen Preis habe: Die Bauern seien in eine Abwärtsspirale geraten, aus der sie nicht mehr herauskämen. Handel und Verbraucher wollten das perfekte Obst möglichst billig, der Landwirt hohe Erträge, also mache er sich abhängig von der Agrochemie und gerät umso mehr bei Umweltschützern unter Druck. Hinzu kämen Resistenzen, invasive Schädlinge, Klimawandel. „Das System kollabiert immer mehr“, sagt er.

Hat Martin Geng recht? Ein Treffen, einen Monat später, an gleicher Stelle. Die Apfelbäume sind voll erblüht, es summt und brummt. Im Nachbarort Bad Krozingen stirbt ein Erntehelfer aus Rumänien an Covid-19. Zudem infizierten sich Dutzende Spargelstecher mit dem Virus. Martin Geng kennt den Besitzer des Großbetriebs schon lange, man schätzt sich, trotz aller Unterschiede. Über die sozialen Begleiterscheinungen des Intensivanbaus in Deutschland wird noch weniger gerne gesprochen als über die ökologischen. Geng sieht es so: Meist handele es sich um Wanderarbeiter, die zu miesen Löhnen in Behausungen untergebracht seien, die auch ohne Corona nicht eben gesundheitsförderlich wären. Geng beschäftigt acht Festangestellte und zwei Saisonarbeiter aus Rumänien, der Kollege vom Großbetrieb Hunderte Saisonarbeiter und kaum Festangestellte.

Mit dem Fahrrad nähert sich die Biologin Alexandra-Maria Klein von der Universität Freiburg. Sie ist Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie und hat sich auf Bestäuber in Kulturlandschaften spezialisiert, 2014 war sie Leitautorin des Weltbiodiversitätsrats der Vereinten Nationen. Sie stammt aus Göttingen und verbrachte als Kind viel Zeit auf einem Bauernhof, jetzt wohnt sie eine Ortschaft von Staufen entfernt. Gemeinsam gehen Landwirt und Ökologin über die Streuobstwiese. Klein nähert sich einem Baum der Sorte Jakob Lebel, Geng zieht einen Zweig zu sich her, zählt die Blüten. Es sind mindestens 150 an einem Zweig, viel zu viele. Daher wird der Baum im Juni die Mehrzahl kleiner Äpfel abwerfen, um das Gewicht tragen zu können. Im Intensivanbau werden die überzähligen kleinen Äpfel mechanisch abgeschlagen oder chemisch mit Stickstoff entfernt. Auf der Streuobstwiese übernimmt der Baum noch den Abwurf selbst, und für Vögel fällt auch etwas ab.

Sauerampfer zieht die Blattläuse an und hält sie damit von den Bäumen fern.

Gewiss, die Äpfel, die hier wachsen, werden nicht besonders groß und auch nicht besonders schön. Etwas Schorf findet sich auf der Schale, aber dafür hätten die Äpfel eine andere Nährstoffzusammensetzung, sagt Alexandra-Maria Klein. Sie enthalten viel Calcium, weswegen sie nicht so schnell gammeln und sich besser lagern lassen. Supermarktäpfel hingegen sind zwar schön rund, dafür zuweilen vollgepumpt mit Wasser und ohne Kerne. Im vergangenen Jahr hat Klein zusammen mit schwedischen und spanischen Kollegen eine Studie zum Apfelanbau vorgelegt. Die Ökologen verglichen konventionellen und ökologischen Anbau. Dabei zeigte sich, dass im Ökobau zwar nur die Hälfte des Ertrags erzielt wurde, sich die Anbaugebiete aber einer 38 Prozent höheren Biodiversität erfreuten. Der Forscherin fiel auf, wie sehr sich die Betriebe voneinander unterschieden: Manche Biobauern erzielten ähnlich hohe Erträge wie konventionelle Betriebe – und hatten trotzdem eine hohe Biodiversität. Es waren Landwirte, die den ökologischen Anbau mit Überzeugung betrieben, ihre Felder genau beobachteten und Geduld bewahrten, wenn nicht gleich alles klappte. Auf anderen Bio-Agrarflächen dagegen lebten außer Schädlingen kaum noch Insekten.

Neue Birnensorten braucht das Land. Um die Veredelung kümmert sich Martin Geng in seiner eigenen Baumschule selbst.

Wie schlecht es weltweit um Kerbtiere steht, rechnete Ende April eine umfassende Untersuchung in Science vor. Demnach sinkt die Zahl der an Land lebenden Insekten pro Jahrzehnt um neun Prozent. Am schlimmsten sei es auf Äckern. Das überrascht nicht: Landwirtschaft wird meist in Monokultur betrieben. Hecken, Wiesen und Bäume fielen Flurbereinigungen zum Opfer, Pestizide besorgen den Rest. Dafür ist alles schön ordentlich.


„Die Vögel sind meine wichtigsten Mitarbeiter.“
MARTIN GENG

Bei Martin Geng geht es hingegen wild zu. Nach einer kurzen Fahrt den Hang hinauf stellt er seinen Pickup am Südsee ab, wie der aufgestaute Tümpel heißt. Alexandra-Maria Klein fühlt sich gleich wie zu Hause. Holzbienen fliegen umher, Schlupfwespen und sogar eine Hornisse. Über dem Wasser schwirren Hunderte kleiner Insekten, 27 verschiedene Vogelarten wurden hier gezählt, darunter Zaunkönige, Neuntöter, Wendehälse, Pirole und Spechte, nachts kommen Fledermäuse. „Die Vögel sind meine wichtigsten Mitarbeiter“, sagt Geng.

Vom Wald weiter oben wandern Hasen, Rehe und Waschbären ein, auf einem Wildgehege nebenan leben Nandus, Laufvögel aus Südafrika. Zauneidechsen haben sich angesiedelt, oben am Strommast lauert ein Turmfalke auf einer Sitzstange, der sich die Wühlmäuse schnappt. „Greifvögel sind gute Anzeiger für Artenvielfalt“, sagt Klein. Das komplexe Gleichgewicht zwischen Schädlingen und Nützlingen scheint hier zu funktionieren. Das ist kein Zufall: Martin Geng lernte sehr schnell, dass es nicht reicht, auf Spritzmittel zu verzichten, sondern dass man Nützlinge fördern muss. Also errichtete er Misthaufen, baute Nisthilfen für Vögel und hängte umgedrehte Tontöpfe für Ohrenzwicker auf.

In solchen Fällen sucht er gerne die Auseinandersetzung, da macht er selbst vor Landwirtschaftsministern nicht halt, wie er vor anderthalb Jahren in Stuttgart während einer Preisverleihung für seinen Betrieb unter Beweis stellte. Eine gewisse Debattierfreude sagen ihm Menschen nach, die es gut mit ihm meinen. Andere nennen es Streitlust. In puncto Bockigkeit steht er anderen Bauern in nichts nach. Vieles, was er sagt und macht, fassen andere Bauern als Provokation auf. Für die Freien Wähler sitzt er seit Jahren im Gemeinderat.


„Greifvögel sind gute Anzeiger für Artenvielfalt.“
ALEXANDRA-MARIA KLEIN, Biologin der Universität Freiburg

Doch lässt sich das Modell Geng auf andere Betriebe übertragen? In kurzer Zeit jedenfalls nicht, dafür brauchte es Jahrzehnte, sagt Martin Geng. Agrarökonomen halten davon allerdings nichts. Die wegbrechenden Erträge in Deutschland würden durch Importe ausgeglichen, die mit Rodungen in anderen Ländern einhergingen. Global wäre der Natur damit nicht geholfen, sagen sie. Die Ökologin Klein überzeugt das Argument nicht. Gerodete Regenwälder gingen auf das Konto des ungebremsten Anbaus von Energiepflanzen, sagt sie.

Junge, unreife Äpfel wachsen in der Maisonne.

Sie wäre schon froh, wenn die Politik das Thema Landwirtschaft und Biodiversität richtig angehen würde. Seitdem das ganze Land über das Insektensterben spricht, seien lauter nette kleine Projekte gefördert worden, aber kein großangelegtes Forschungsvorhaben über viele Jahre, um das komplexe Geflecht aus Landwirtschaft und Biodiversität richtig zu messen und zu verstehen. Die Krise bietet nun die Möglichkeit, über die Landwirtschaft von morgen neu nachzudenken.

Ein letztes Treffen Ende Mai, es ist fast Sommer im Obstparadies, gerade ist der Bericht zur Lage der Natur des Bundesumweltministeriums erschienen. Die Ergebnisse sind verheerend, die industrielle Landwirtschaft bedroht immer mehr Tierarten. Wird die Corona-Krise die Landwirtschaft verändern, Herr Geng? Er überlegt lange. Dann schüttelt er den Kopf. „Nichts wird sich ändern“, sagt er. Die Landwirte hätten diese Art des Bewirtschaftens zu sehr verinnerlicht. Erst die neue Generation könnte merken, dass ihre Lebensgrundlage auf dem Spiel steht.


Nächstes Kapitel:

Natürlich nicht harmlos



Natürlich nicht harmlos

Von ANDREAS FREY

Auch Ökobauern dürfen spritzen – und es ist vielleicht einer der größten Erfolge der Biobranche, dass die wenigsten Verbraucher das wissen.

A uch Ökobauern dürfen spritzen – und es ist vielleicht einer der größten Erfolge der Biobranche, dass die wenigsten Verbraucher das wissen. Rund dreißig Wirkstoffe sind zugelassen, darunter Viren, Bakterien, Raubmilben, Pflanzenextrakte, aber auch die chemischen Elemente Kupfer und Schwefel. Die kommen schließlich auch in der Natur vor – und das ist die Bedingung, die Biospritzmittel zu erfüllen haben. Die Branche redet trotzdem nicht gern darüber. Eigentlich soll derlei nur in Notfällen eingesetzt werden. Tatsächlich aber kommt heute kaum ein Biobauer ohne Biopestizide aus, vor allem in feuchten Sommern sichern sie die Ernte. Zudem garantieren sie makellose Ware. Früchte mit Schorf oder Maden würde auch der engagierteste Umweltfreund seinem Bioladen schlicht nicht abkaufen.

Nun können auch Naturstoffe die Natur belasten, die Fortpflanzung stören oder Krebs erregen, weswegen auch an Biospritzmittel hohe Sicherheitsanforderungen gestellt werden müssen. Doch je nach Anbauverband sind die Regeln mehr oder weniger lax. Auf eher strenge Observanz pochen Bioland, Naturland und Demeter. Denn mittlerweile ist auch die Biolandwirtschaft nicht außerhalb jeder Kritik. Nicht wenige Umweltschützer wollen Spritzmittel am liebsten komplett verbieten, die Volksbegehren in Baden-Württemberg und Bayern zum Artenschutz haben die Landwirte dort das Grausen gelehrt. In die Diskussion geraten ist vor allem eines der ältesten Spritzmittel: das Kupfer.

Das Spurenelement, das dennoch zu den Schwermetallen zählt, gilt als hochwirksames Fungizid – übrigens auch in der konventionellen Landwirtschaft, wo es als „letzte Spritzung“ alle überlebenden Schadpilze abtötet. „Ein Verbot würde den Bioanbau besonders bei Wein, Obst und Hopfen sofort in große Bedrängnis bringen“, sagt Stefan Kühne vom Julius Kühn-Institut in Kleinmachnow in Brandenburg, der den Einsatz von Kupfer in der Landwirtschaft seit Jahrzehnten verfolgt und jedes Jahr eine Tagung zum Thema abhält. Denn Kupfer ist ein Universalfungizid. Es hilft gegen Falschen Mehltau, bewahrt Kartoffeln und Tomaten vor Krautfäule und verhindert Schorf im Obstanbau. Resistenzen sind bislang keine aufgefallen.

„Ein solches Mittel bekommen wir nie wieder“, sagt Kühne. Seit 1885 wird das Buntmetall großflächig eingesetzt, zunächst in französischen Weinbergen gegen den Falschen Mehltau, weswegen die verwendeten Kupferlösungen auch als „Bordeauxbrühe“ firmieren. Hierzulande versprühten Bauern seit den 1920er Jahren großzügig Kupfersalze im Obst-, Wein- und Hopfenanbau, teilweise bis zu 80 Kilogramm pro Hektar und Jahr. Zum Vergleich: Heute sind in Deutschland nur noch drei Kilogramm pro Jahr erlaubt.

Denn Kupfer verursacht Probleme: Es reichert sich im Boden an und wirkt dort toxisch auf bestimmte Mikroorganismen und Wirbellose, darunter Regenwürmer. Das ist der Hauptgrund, warum Umweltschützer ein sofortiges Verbot von Kupfer-Spritzmitteln fordern, denn die langfristigen Folgen seien nicht absehbar. Tatsächlich ist die Ökobilanz mancher Bioprodukte infolge des Kupfereinsatzes sogar schlechter als im konventionellen Anbau.


„Auch bei geringen Mengen reichert sich Kupfer im Boden an.“
STEFAN KÜHNE, Agrarexperte

Wie groß die toxische Wirkung des Kupfers genau ist, lässt sich allerdings nur schwer abschätzen. Gegenden, wo früher schon Wein und Hopfen angebaut wurden, seien teilweise stärker belastet, sagt Kühne, darunter vor allem die alten Weinbau-Steillagen an Rhein und Mosel. Die Lage ist jedenfalls von Ort zu Ort stark unterschiedlich, großangelegte Studien fehlen. Trotzdem fordert auch der Agrarexperte Kühne, den Einsatz von Kupfer weiter zu reduzieren. „Auch bei geringen Mengen reichert sich Kupfer im Boden an“, sagt er. Dieses Argument könne man nicht wegdiskutieren.

Kühne erinnert außerdem noch an einen zweiten Weg, wie Kupfer auf den Acker und damit in die Böden gelangt: über Gülle aus der Schweineproduktion. Kupferpräparate werden schon an Ferkel verfüttert, um ihren Appetit anzuregen. Mit ihren Ausscheidungen landet das Kupfer dann als Dünger auf den Feldern.

Nicht kupferhaltig, aber trotzdem stark umstritten ist auch die natürlich in Bakterien vorkommende Verbindung Spinosad. Als Insektizid wird es unter anderem gegen Kartoffelkäfer, Traubenwickler, Maiszünsler und neuerdings gegen die Kirschessigfliege eingesetzt. Da es aber auch Bienen gefährlich wird und zahlreichen im Wasser lebenden Tieren und Organismen schadet, verbieten die meisten Anbauverbände seinen Einsatz mittlerweile. Ebenfalls meist untersagt ist das Ausbringen von Pyrethrum, einem Extrakt aus Chrysanthemen. Es killt Läuse, Milben oder Käferlarven, doch seine Gewinnung in den großen Anbaugebieten Ostafrikas ist selbst alles andere als ökologisch, läuft dem hehren Ziel des Bioanbaus also ebenfalls zuwider.

Zuwider ist vielen Ökologen mittlerweile auch der asiatische Marienkäfer. Als Nützling gegen Blattläuse absichtsvoll zur Schädlingsbekämpfung ausgesetzt, breitet sich das Insekt mittlerweile unkontrolliert in Europa aus. Die Tierchen erledigen ihren Job zwar gründlich, allerdings stehen sie im Verdacht, heimische Arten zu verdrängen. Der Biobauer meint es gut, aber nicht immer geht es gut aus.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 03.06.2020 13:17 Uhr