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Nutztier : Mehr Huhn war nie

Gallus gallus domesticus stammt vom asiatischen Bankivahuhn ab und ist zum häufigsten Haus- und Nutztier überhaupt geworden. Bild: dpa

Hühner hält der Mensch erst seit relativ kurzer Zeit. Dafür umso intensiver. Gut zwanzig Milliarden sind es heute. Eine Erfolgsgeschichte auf Umwegen.

          6 Min.

          Hahnenkämpfe kommen bei Wilhelm Busch nirgends vor. Der Gedanke daran lag dem Dichter fern, als er seiner „Bubengeschichte“ drei Gründe für die Haltung des lieben Federviehs voranstellte. Hahnenkämpfe sind heute zwar in den meisten Ländern illegal, aber auf den Kanaren dürfen sie ebenso wie in Mexiko in eigens erbauten Arenen stattfinden. Auf Bali sind sie als religiöse Tradition geduldet, und zu den Höhepunkten dürfte der World Slasher Cup auf den Philippinen zählen. Den konnte Anfang des Jahres ein Hahn namens Sebastian mit 8,5 Punkten für sich entscheiden. Der Champion ließ immerhin mehr als dreihundert Konkurrenten hinter sich.

          Sonja Kastilan

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das muss man weder gutheißen noch wie Tausende Fans lauthals bejubeln, nur sollte man nicht völlig vergessen, dass wohl seine kämpferischen Eigenschaften unserem Haushuhn den Weg in die Ställe bereitet haben. Viel mehr als kross gebratene „Chicken Wings“, das fluffige Omelette, Broiler vom Grill oder buntgefärbte Ostereier waren nämlich einst stolze Hähne gefragt. „Man hielt Hühner vermutlich zunächst aus kulturellen und spirituellen Gründen, und auch Hahnenkämpfe könnten eine Rolle gespielt haben. Wie aktiv die Beziehung anfangs zwischen Mensch und Hühnern war, lässt sich schwer bestimmen, doch ihre Rolle als Proteinquelle war vermutlich zweitrangig“, sagt Greger Larson, Direktor des Palaeogenomic & Bio-Archaeology Research Network an der Universität in Oxford. Zumal es einst deutlich kleinere Vögel gewesen seien, mit wenig Fleisch auf den Knochen. Eier legten sie natürlich auch noch nicht rund ums Jahr.

          Kraft, Potenz und Fruchtbarkeit

          Dass den Tieren dennoch früh Großes zugetraut wurde, davon zeugt beispielsweise, dass man in China aktuell das Jahr des mächtigen Feuer-Hahns feiert. Vielen Religionen und Kulturen waren Hühner heilig oder sind es noch immer; selbst in Schöpfungsmythen tauchen sie auf. Hahn oder Henne (oder die Eier) symbolisieren Kraft, Potenz und Fruchtbarkeit. Man verschenkte und opferte sie, aus ihren Knochen wurde die Zukunft gelesen, ihr Verhalten prophezeite den Ausgang römischer Schlachten. Das Christentum setzte Metallgockel als Wetterfahnen auf die Kirchendächer, um an die Verleugnung des Petrus („ehe der Hahn kräht . . .“) zu erinnern. Floskeln zeugen aber auch von uncharmanten Assoziationen, wenn man wie ein kopfloses Huhn herumrennt, und in der Schweiz bekommen Ängstliche keine Gänse-, sondern eine Hühnerhaut.

          Gemeinsam mit Kollegen versucht Larson nun in einem über mehrere Jahre angelegten Forschungsprojekt, kulturelle und wissenschaftliche Aspekte dieser besonderen Beziehung zu klären. Gerade in den letzten fünfzig bis hundert Jahren hat sie gewaltige Dimensionen angenommen. Weltweit werden heute mehr als zwanzig Milliarden Hühner gehalten. Dabei ist die Verbindung zwischen Mensch und Huhn bei weitem noch nicht so alt wie zum Beispiel jene zum Hund oder zur Kuh: Hühner werden womöglich erst seit rund fünftausend Jahren gezüchtet.

          Wie der Mensch auf das Huhn gekommen ist

          Über die Anfänge der Domestizierung – wann und wo, in Zentral-, Ost- oder Südostasien, eher am Indus, am Jangtsekiang, am Gelben Fluss oder an mehreren Orten zugleich? – streiten Forscher noch. Unter anderem weil Geflügelknochen aus archäologischen Fundstätten nicht immer richtig interpretiert, datiert und eingeordnet wurden. Nicht jedes vermeintlich domestizierte Hühnchen war tatsächlich schon zahm oder überhaupt ein Huhn. „Je näher die Verwandtschaft, desto leichter sind die Vögel morphologisch zu verwechseln, zumal es evolutionäre Prozesse sind, die Form und Größe der Skelette verändern, gerade mit Blick auf die Domestizierung“, erklärt Larson, der mit einer aktuellen Studie die Ursprünge in Asien genauer erforscht. Dafür werden weitere Aspekte miteinbezogen, nicht nur die knöchernen Überreste und Schalen, auch das Klima ist beispielsweise wichtig.

          Oft sorgen Knochen von Fasanen für Verwirrung, denn die fraglichen Hühner gehören zur Familie der Fasanenartigen (Phasianidae) in der größeren Ordnung der Hühnervögel. Das Haushuhn wiederum stammt vom wärmeliebenden, aber kaum flugfähigen Bankivahuhn (Gallus gallus) ab. Allerdings dürften mehrere Unterarten sowie weitere Gallus-Spezies genetisch beteiligt gewesen sein. So trug zum Beispiel das indische Sonnerathuhn (G. sonneratii) mit seinen Erbinformationen zur Gelbfärbung der Beine bei, weil Hühner dadurch Carotinoide aus dem Futter als Pigmente in die Haut einlagern können. Forscher der Universität in Uppsala hatten das 2008 entdeckt und mussten damit Charles Darwin widersprechen, der von nur einer Wildform ausgegangen war. Später, besonders im 18. und 19. Jahrhundert, ging es in der Züchtung noch viel bunter zu, als man ostasiatische Rassen importierte, einkreuzte und neue Rassen züchtete, die aus heutiger Sicht manchmal bemitleidenswert grotesk erscheinen.

          Nicht nur das Federkleid lässt züchterische Überraschungen zu. Befasst man sich einmal mit der Form des Kammes, sind sogar Rosen, Erbsen und Schmetterlinge zu erkennen, wenn nicht seitlich ein Schlotterkamm herunterhängt. Und wie stark es sich auswirkt, wenn wilde Bankivahühner ihre ursprüngliche Angst vor dem Menschen verlieren, konnten Forscher im schwedischen Linköping in mehreren Versuchsreihen zeigen. Die ausgewählt Furchtlosen waren weniger gestresst, das begünstigte ihre Entwicklung, die Fortpflanzungsfähigkeit und ihre Abwehrkräfte. Die zahmeren Hühner der fünften Generation wurden schon deutlich größer und hatten größere Nachkommen.

          Der Siegeszug des Federviehs

          „Alles fing vielleicht damit an, dass Menschen die schönen Vögel in Nähe ihrer Dörfer gerne fütterten. Dieses sehr menschliche Verhalten lässt sich bis heute überall beobachten“, sagt die Zooarchäologin Naomi Sykes von der Universität in Nottingham, die am britischen Projekt zu „Chicken & Culture“ beteiligt ist. Wie auch immer es war – mit dem Aufkommen des Reisanbaus verbreitete sich dann die Hühnerhaltung. Große Strecken oder Gebirgszüge konnten die Tiere keinesfalls alleine überwinden: „Der Reis könnte eine Art Schnellstart ermöglicht haben. Die Händler reichten dann nicht nur Säcke weiter, sondern auch ein paar Hühner“, sagt Larson, der sich vorgenommen hat, mit seinen Kollegen Funde aus Europa, Sibirien, der Levante, Äthiopien und Ostafrika zu analysieren, um den Siegeszug des Federviehs besser nachvollziehen zu können. Über eine südliche Route gelangten die Hühner wohl irgendwann zur frühen Eisenzeit nach Europa und auf die britischen Inseln, um das Jahr 15 sind sie nachweislich auf der Ostseeinsel Öland angekommen.

          Den afrikanischen Kontinent erreichte das Geflügel wiederum auf zwei verschiedenen Wegen, was eine genetische Studie japanischer und ägyptischer Forscher aus dem letzten Jahr nahelegt, die zweitausend Proben von heute existierenden Rassen untersucht hatten. Während Hühner in Ostafrika eine verwandtschaftliche Nähe zu Tieren auf den pazifischen Inselgebieten aufweisen, gehören Hühner in Ägypten, Sudan und Kamerun zu einer Gruppe, die auch jene in Europa sowie West- und Zentralasien umfasst. Das passt durchaus ins Bild, das sich aus linguistischen Studien ergibt.

          Eine weitere Bestätigung liefern Knochen, die am Horn von Afrika schon vor rund 2800 Jahren oder früher abgenagt auf dem Küchenboden landeten. Mezber heißt der Fundort dieser bislang ältesten Belege für Afrika. Die dort im nördlichen Äthiopien forschende Anthropologin und Zooarchäologin Helina Woldekiros liest daran eine Erfolgsgeschichte ab, die auf ein frühes Handelsnetz mit exotischen Waren verweist. Es könnte über tausend Jahre hinweg Bestand gehabt haben, in denen die Menschen immer wieder Hühner in diese Region brachten. Die Küste am Roten Meer und maritime Transportwege spielten dabei eine Rolle.

          In Europa angekommen

          In Europa könnte der Siegeszug etwas später gestartet sein. Römische Autoren priesen allerdings die Zucht und die Rendite, die sich daraus ergab. Zum Beispiel ließ sich Lucius Iunius Moderatus Columella in seinem achten Buch zur Landwirtschaft detailliert über die Einrichtung von Ställen oder das Mästen mit Gerstenmehl, Weizenbrot und Honigmet aus. Für niedliche Zwerghühner zeigte Columella wenig Interesse, er wusste aber, wie die Brut generell gelingt, und riet unter anderem dazu, als Schutz vor Schlangen Hirschhorn oder Frauenhaar zu verbrennen. Columella berichtete auch, dass die Griechen die rhodische oder chalkidische Rasse schätzten und vor allem Heißsporne für den Hahnenkampf suchten, während er den Ertrag des fleißigen Gutsbesitzers im Blick hatte, der sein Vermögen nicht leichtfertig auf solche Streitvögel setzt.

          „Damals wurden Hühner erstmals richtig beliebt als Eiweißlieferanten, doch der eigentliche Boom setzte in Europa erst um das Jahr 1000 ein“, erklärt Naomi Sykes. „Ein paar Jahrhunderte zuvor muss es zu einem Zusammenbruch der Populationen gekommen sein. Aber nun veränderten sich gleich mehrere Dinge: das Klima, die Religion, die gesellschaftlichen Strukturen. Das Mönchstum kam auf, und die Urbanisierung nahm zu.“ Hühner repräsentieren diese Reformen, denn ihre Überreste sind an religiösen Stätten und auf Friedhöfen zu finden. Zum Beispiel in Wien, im alten Gräberfeld der Awar-Kultur, wo die Beigaben Status und Geschlecht der Toten widerspiegeln. So wurden Frauen eher mit weiblichen Hühnern bestattet, die Männer mit Hähnen, und der Rang zeichnete sich selbst im Futter der Tiere ab, was für eine sehr spezielle Beziehung spricht.

          Die Henne und das Ei

          Die Züchtung schien sich vom 7. und 8. Jahrhundert an auf die Hennen und damit auf die Eierproduktion auszurichten, zuvor galt die Aufmerksamkeit eher den Gockeln. Dieser Wandel lässt sich molekularbiologisch am TSHR-Gen festmachen, das unter anderem die Legesaison beeinflusst; seine Veränderung gilt als Merkmal für die Domestizierung. „Man dachte, die Selektion hätte es gleich zu Anfang geprägt“, sagt Greger Larson. Doch die Analyse alter Hühnerknochen habe ergeben, dass der Selektionsdruck erst vor ungefähr elf oder zehn Jahrhunderten zu wirken begann. „In ganz Europa zeigt uns die Archäologie, dass dann neben Fisch zunehmend Hühner und Eier gegessen wurden“, sagt Sykes. Auch sei die Benediktinerregel in Mode gekommen, die beim Fasten den Verzicht auf Fleisch von Vierbeinern fordert. Andere Vorschriften des Mittelalters waren da strenger, verboten waren nicht nur Fleisch und Wein, sondern tierische Fette und obendrein Milchprodukte sowie Eier und Geflügel. Davon zeugen etliche Dispens-Briefe, besonders um 1500, in denen die Kirche um Freistellung gebeten wurde, zudem definierte man Wasserlebewesen neu.

          Aber am Ostersonntag musste auch schon damals niemand darben. Und was es nun mit dem Hasen und den buntgefärbten Eiern auf sich hat, will Greger Larson im nächsten Projekt erforschen.

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