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Nutztier : Mehr Huhn war nie

In Europa angekommen

In Europa könnte der Siegeszug etwas später gestartet sein. Römische Autoren priesen allerdings die Zucht und die Rendite, die sich daraus ergab. Zum Beispiel ließ sich Lucius Iunius Moderatus Columella in seinem achten Buch zur Landwirtschaft detailliert über die Einrichtung von Ställen oder das Mästen mit Gerstenmehl, Weizenbrot und Honigmet aus. Für niedliche Zwerghühner zeigte Columella wenig Interesse, er wusste aber, wie die Brut generell gelingt, und riet unter anderem dazu, als Schutz vor Schlangen Hirschhorn oder Frauenhaar zu verbrennen. Columella berichtete auch, dass die Griechen die rhodische oder chalkidische Rasse schätzten und vor allem Heißsporne für den Hahnenkampf suchten, während er den Ertrag des fleißigen Gutsbesitzers im Blick hatte, der sein Vermögen nicht leichtfertig auf solche Streitvögel setzt.

„Damals wurden Hühner erstmals richtig beliebt als Eiweißlieferanten, doch der eigentliche Boom setzte in Europa erst um das Jahr 1000 ein“, erklärt Naomi Sykes. „Ein paar Jahrhunderte zuvor muss es zu einem Zusammenbruch der Populationen gekommen sein. Aber nun veränderten sich gleich mehrere Dinge: das Klima, die Religion, die gesellschaftlichen Strukturen. Das Mönchstum kam auf, und die Urbanisierung nahm zu.“ Hühner repräsentieren diese Reformen, denn ihre Überreste sind an religiösen Stätten und auf Friedhöfen zu finden. Zum Beispiel in Wien, im alten Gräberfeld der Awar-Kultur, wo die Beigaben Status und Geschlecht der Toten widerspiegeln. So wurden Frauen eher mit weiblichen Hühnern bestattet, die Männer mit Hähnen, und der Rang zeichnete sich selbst im Futter der Tiere ab, was für eine sehr spezielle Beziehung spricht.

Die Henne und das Ei

Die Züchtung schien sich vom 7. und 8. Jahrhundert an auf die Hennen und damit auf die Eierproduktion auszurichten, zuvor galt die Aufmerksamkeit eher den Gockeln. Dieser Wandel lässt sich molekularbiologisch am TSHR-Gen festmachen, das unter anderem die Legesaison beeinflusst; seine Veränderung gilt als Merkmal für die Domestizierung. „Man dachte, die Selektion hätte es gleich zu Anfang geprägt“, sagt Greger Larson. Doch die Analyse alter Hühnerknochen habe ergeben, dass der Selektionsdruck erst vor ungefähr elf oder zehn Jahrhunderten zu wirken begann. „In ganz Europa zeigt uns die Archäologie, dass dann neben Fisch zunehmend Hühner und Eier gegessen wurden“, sagt Sykes. Auch sei die Benediktinerregel in Mode gekommen, die beim Fasten den Verzicht auf Fleisch von Vierbeinern fordert. Andere Vorschriften des Mittelalters waren da strenger, verboten waren nicht nur Fleisch und Wein, sondern tierische Fette und obendrein Milchprodukte sowie Eier und Geflügel. Davon zeugen etliche Dispens-Briefe, besonders um 1500, in denen die Kirche um Freistellung gebeten wurde, zudem definierte man Wasserlebewesen neu.

Aber am Ostersonntag musste auch schon damals niemand darben. Und was es nun mit dem Hasen und den buntgefärbten Eiern auf sich hat, will Greger Larson im nächsten Projekt erforschen.

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