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Nutztier : Mehr Huhn war nie

Oft sorgen Knochen von Fasanen für Verwirrung, denn die fraglichen Hühner gehören zur Familie der Fasanenartigen (Phasianidae) in der größeren Ordnung der Hühnervögel. Das Haushuhn wiederum stammt vom wärmeliebenden, aber kaum flugfähigen Bankivahuhn (Gallus gallus) ab. Allerdings dürften mehrere Unterarten sowie weitere Gallus-Spezies genetisch beteiligt gewesen sein. So trug zum Beispiel das indische Sonnerathuhn (G. sonneratii) mit seinen Erbinformationen zur Gelbfärbung der Beine bei, weil Hühner dadurch Carotinoide aus dem Futter als Pigmente in die Haut einlagern können. Forscher der Universität in Uppsala hatten das 2008 entdeckt und mussten damit Charles Darwin widersprechen, der von nur einer Wildform ausgegangen war. Später, besonders im 18. und 19. Jahrhundert, ging es in der Züchtung noch viel bunter zu, als man ostasiatische Rassen importierte, einkreuzte und neue Rassen züchtete, die aus heutiger Sicht manchmal bemitleidenswert grotesk erscheinen.

Nicht nur das Federkleid lässt züchterische Überraschungen zu. Befasst man sich einmal mit der Form des Kammes, sind sogar Rosen, Erbsen und Schmetterlinge zu erkennen, wenn nicht seitlich ein Schlotterkamm herunterhängt. Und wie stark es sich auswirkt, wenn wilde Bankivahühner ihre ursprüngliche Angst vor dem Menschen verlieren, konnten Forscher im schwedischen Linköping in mehreren Versuchsreihen zeigen. Die ausgewählt Furchtlosen waren weniger gestresst, das begünstigte ihre Entwicklung, die Fortpflanzungsfähigkeit und ihre Abwehrkräfte. Die zahmeren Hühner der fünften Generation wurden schon deutlich größer und hatten größere Nachkommen.

Der Siegeszug des Federviehs

„Alles fing vielleicht damit an, dass Menschen die schönen Vögel in Nähe ihrer Dörfer gerne fütterten. Dieses sehr menschliche Verhalten lässt sich bis heute überall beobachten“, sagt die Zooarchäologin Naomi Sykes von der Universität in Nottingham, die am britischen Projekt zu „Chicken & Culture“ beteiligt ist. Wie auch immer es war – mit dem Aufkommen des Reisanbaus verbreitete sich dann die Hühnerhaltung. Große Strecken oder Gebirgszüge konnten die Tiere keinesfalls alleine überwinden: „Der Reis könnte eine Art Schnellstart ermöglicht haben. Die Händler reichten dann nicht nur Säcke weiter, sondern auch ein paar Hühner“, sagt Larson, der sich vorgenommen hat, mit seinen Kollegen Funde aus Europa, Sibirien, der Levante, Äthiopien und Ostafrika zu analysieren, um den Siegeszug des Federviehs besser nachvollziehen zu können. Über eine südliche Route gelangten die Hühner wohl irgendwann zur frühen Eisenzeit nach Europa und auf die britischen Inseln, um das Jahr 15 sind sie nachweislich auf der Ostseeinsel Öland angekommen.

Den afrikanischen Kontinent erreichte das Geflügel wiederum auf zwei verschiedenen Wegen, was eine genetische Studie japanischer und ägyptischer Forscher aus dem letzten Jahr nahelegt, die zweitausend Proben von heute existierenden Rassen untersucht hatten. Während Hühner in Ostafrika eine verwandtschaftliche Nähe zu Tieren auf den pazifischen Inselgebieten aufweisen, gehören Hühner in Ägypten, Sudan und Kamerun zu einer Gruppe, die auch jene in Europa sowie West- und Zentralasien umfasst. Das passt durchaus ins Bild, das sich aus linguistischen Studien ergibt.

Eine weitere Bestätigung liefern Knochen, die am Horn von Afrika schon vor rund 2800 Jahren oder früher abgenagt auf dem Küchenboden landeten. Mezber heißt der Fundort dieser bislang ältesten Belege für Afrika. Die dort im nördlichen Äthiopien forschende Anthropologin und Zooarchäologin Helina Woldekiros liest daran eine Erfolgsgeschichte ab, die auf ein frühes Handelsnetz mit exotischen Waren verweist. Es könnte über tausend Jahre hinweg Bestand gehabt haben, in denen die Menschen immer wieder Hühner in diese Region brachten. Die Küste am Roten Meer und maritime Transportwege spielten dabei eine Rolle.

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