https://www.faz.net/aktuell/wissen/nobelpreise/svante-paeaebo-fuer-diesen-nobelpreis-konnte-es-nur-einen-geben-18359966.html

Medizin-Nobelpreis 2022 : Für diesen Nobelpreis konnte es nur einen geben

Der schwedische Evolutionsforscher Svante Pääbo steht im Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie neben der Nachbildung eines Neandertaler-Skeletts. Bild: dpa

Der Max-Planck-Forscher Svante Pääbo hat die Paläogenetik im Alleingang gegründet und den Neandertaler nun zum Superhelden der Humangenom-Forschung gemacht.

          3 Min.

          Es ist die vielleicht größte Ironie der Wissenschafts- und Menschheitsgeschichte: Der diesjährige Medizin-Nobelpreis für die Entschlüsselung des menschlichen Genoms geht nicht etwa an das Internationale Humangenomprojekt, das teuerste Großprojekt der Evolutionsforschung, das vor mehr als zwanzig Jahren weltweit Schlagzeilen machte, als es im Weißen Haus in Washington und damit dem Machtzentrum der westlichen Zivilisation das „Buch des Lebens“ präsentierte. Es ist damit auch nicht die genetische Dechiffrierung des evolutionären Prunkstücks, unsere also, des Homo sapiens, die zuerst mit dem wichtigsten Wissenschaftspreis der Welt gewürdigt wird. Es ist die seiner ausgestorbenen Verwandten, des so oft verkannten und vor mindestens dreißigtausend Jahren ausgestorbenen Neandertalers und die des ebenso verschwundenen östlichen Denisova-Menschen.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Damit nicht genug: Mit Svante Pääbo, dem diesjährigen Medizin-Preisträger, geht die Auszeichnung und das Preisgeld von rund 914.000 Euro auch noch an einen einzelnen Forscher, was nicht nur in der Nobelpreis-Geschichte höchst selten vorkommt, sondern auch quer zum wissenschaftlichen Zeitgeist der vernetzten Großforschung steht. Mit anderen Worten: Selten hat die Nobelversammlung am Karolinska-Institut in Stockholm die Welt mit einem so erstaunlichen wie hocherfreulichen Medizin-Nobelpreis in den Bann geschlagen. Erfreulich aus deutscher Perspektive auch deshalb, weil der Schwede Svante Pääbo damit schon der fünfte Nobelpreisträger in nur drei Jahren aus der Riege der hochdekorierten Max-Planck-Forscher ist: der Katalyseforscher Benjamin List und der Meteorologe Klaus Hasselmann im vergangenen Jahr, der Gravitationsphysiker Reinhard Genzel im Jahr davor und im selben Jahr die Französin und Miterfinderin der Genschere CRISPR-Cas, Emmanuelle Charpentier, die die Max-Planck-Forschungsstelle für die Wissenschaft der Pathogene leitet.

          Begründer der Paläogenetik

          Wie die Molekularbiologin Charpentier hat der Paläogenetiker Pääbo vor allem in methodischer Hinsicht etwas Besonderes geschaffen. Mitte der Neunzigerjahre, als Zweifel an der Realisierung der Humangenom-Entzifferung laut wurden, hat der in Uppsala in Schweden ausgebildete Ägyptologe und Mediziner sich etwas Undenkbares vorgenommen. Er war besessen davon, die genetische Dekodierung ägyptischer Mumien, die er nach seiner Promotion als Immunologe an der University of Calfornia in Berkeley begonnen hatte und Anfang der Neunziger an der LMU München fortsetzte, auf ausgestorbene Hominine auszudehnen. Damit gründete Pääbo die Paläogenetik. 1996 waren die ersten Schnipsel der Erbsubstanz DNA aus den Überresten von Neandertalern, insbesondere aus den Knochen der in der Nähe von Mettmann bei Düsseldorf geborgenen und konservierten Neandertaler-Überbleibsel, entziffert.

          Für viele Forscher, die damals schon an der Machbarkeit einer vollständigen, lückenlosen Entschlüsselung der drei Milliarden DNA-Bausteine des heutigen Menschen zu zweifeln begannen, war Pääbos Plan so verwegen wie vergeblich. Tatsächlich sind die Genomüberreste in Zehntausende von Jahren alten Knochen nicht nur chemisch häufig verändert, oft sind sie auch kontaminiert mit Fremd-DNA und schon aus energetischen Gründen dem Verfall ausgesetzt. Pääbo hat die Extraktion und die Analyse solcher Genschnipsel in den „Reinsträumen“ seines Labors zu einer eigenen Wissenschaft gemacht.

          Von 1997 an nahmen seine Frühmenschen-Genetik-Pläne am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig endgültig Fahrt auf. Als einer von fünf Gründungsdirektoren, scharte er in kurzer Zeit eine kleine und bis heute fast exklusiv an der Frühmenschen-DNA arbeitende Gruppe von jungen Forschern um sich. Mit seinen Arbeiten zum Gen FOXP2, das mit Sprache und Sprechen in Verbindung steht, erregte er international Aufsehen. Entscheidend für den Erfolg der Paläogenetik, sagt Johannes Krause, einer der ersten Studenten Pääbos, der dessen Nachfolge in Leipzig angetreten hat, waren damals die engen Verbindungen mit hoch spezialisierten Genlaboren, die das Ablesen der Gensequenzen im Hochdurchsatzverfahren leisten konnten: „Bis heute haben wir damit zwar nicht so etwas vorliegen wie bei der Verkündung des Humangenoms, aber wir haben viele einzelne Referenzsequenzen, die zusammen die nahezu vollständig entzifferte Genomsequenz des Neandertalers ergeben.“ Und bis heute ist das Leipziger Institut darin buchstäblich einmalig in der Welt. Auch deshalb konnte es mit Pääbo nur den einen geben, der den Nobelpreis für die Paläogenetik erhält.

          Pääbos Gruppe hat mit seinen Genarbeiten inzwischen nicht nur viel über unsere Verwandtschaft, auch über die Konsequenz von „Mischehen“ zwischen Frühmenschen und Homo sapiens herausgefunden. Sie ist auch drauf und dran, die hundert entscheidenden Aminosäure-Unterschiede zum Neandertaler, die man herausgearbeitet hat, bis auf die Ebene der Genfunktionen zu entschlüsseln. Der inzwischen 67 Jahre alte gebürtige Stockholmer Pääbo hat dafür nach der eigentlich fälligen Emeritierung in diesem Jahr fünf weitere Forschungsjahre angehängt, die er in Leipzig und in einem japanischen Labor verbringen will.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.