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Nachlese Physik-Nobelpreis : Löten für Einstein

Rainer Weiss ist ein klassischer Experimentalphysiker: Am liebsten schraubt er mit eigenen Händen an Geräten, die etwas messen. Gravitationswellen zum Beispiel. Bild: Isabel Klett

Elektronik rettete ihm das Studium. Und eine zunächst durchaus lästige Lehrverpflichtung brachte ihn auf die Idee, für die er jetzt den Nobelpreis erhält. Eine Begegnung mit Rainer Weiss.

          6 Min.

          Wie er zu den Gravitationswellen gekommen sei? Rainer Weiss winkte ab. „Das ist doch gar nicht so interessant“, sagte der Emeritus des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und legte seine Gabel schon wieder auf den kaum angerührten Teller. Dabei ist die Küche des Harnack-Hauses in Berlin nicht die schlechteste, und nach einem Vormittag voller Vorträge über Geschichte und Gegenwart der allgemeinen Relativitätstheorie, deren hundertster Jahrestag ihrer Vollendung durch Albert Einstein mit dieser Tagung im Dezember 2015 gefeiert wurde, dürfte auch Weiss hungrig gewesen sein. Doch der zu diesem Zeitpunkt 83 Jahre alte Physiker strahlte vor freudiger Erregung. „Lassen Sie uns lieber über die Quellen für Gravitationswellen sprechen.“

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Am liebsten hätte er sicher über eine ganz bestimmte Quelle geredet, durfte es damals aber noch nicht: ein Paar Schwarzer Löcher, das eine 36 Mal so schwer wie die Sonne, das andere 29 Mal. Einst drehten sie sich in einer 1,3 Milliarden Lichtjahre entfernten Galaxie umeinander, kamen sich dabei immer näher, bis sie schließlich ineinanderkrachten. Mit einer Gewalt, die das Gefüge der Raumzeit selbst erzittern ließ.

          Gravitationswellenantenne Ligo in Livingston (Lousinana). Das Observatorium besteht aus zwei senkrechten verlaufenden jeweils 4 Kilometer langen Laserarmen.
          Gravitationswellenantenne Ligo in Livingston (Lousinana). Das Observatorium besteht aus zwei senkrechten verlaufenden jeweils 4 Kilometer langen Laserarmen. : Bild: Ligo

          Die Erschütterungen erreichten am 14. September 2015 die Erde. Kurz zuvor waren in den amerikanischen Bundesstaaten Washington und Louisiana die beiden Ligo-Gravitationswellendetektoren in die Testphase gegangen. Beide Geräte bestehen aus jeweils zwei zueinander rechtwinklig angeordneten, vier Kilometer langen Laserstrecken, die nun von der durchlaufenden Raumzeitverformung gestaucht und gestreckt wurden. Die Längenänderung betrug nur den Bruchteil des Durchmessers eines Wasserstoffkernes, doch das System aus Lasern und Spiegeln konnte sie messen.

          Damit war zum ersten Mal eine Gravitationswelle nachgewiesen worden. Verkündet wurde die Entdeckung erst am 11. Februar 2016. Im Dezember davor, zur Zeit der Berliner Tagung, lief noch die Auswertung. Vor allem wollte man sichergehen, nicht einem von Hackern eingeschleusten falschen Signal aufgesessen zu sein. Doch Rainer Weiss war damals schon anzumerken, dass er mit dem Hauptgewinn seiner Profession rechnen konnte.

          Tatsächlich. Am vergangenen Dienstag wurde Rainer Weiss die Hälfte des diesjährigen Physik-Nobelpreises zugesprochen. Die andere Hälfte teilen sich Kip Thorne vom Caltech, ein Theoretiker, der zeigen konnte, dass es, wenn Einstein auch hier recht behielt, Gravitationswellen geben muss, die mit heutiger Technik nachweisbar sind, sowie Barry Barish, Mastermind und langjähriger Direktor der mehr als tausend Mitglieder starken Ligo-Kollaboration.

          Zwei der frisch gekürten Preisträger: Rainer Weiss und Kip Thorne (rechts)
bei der Präsentation des ersten  Ligo-Signals, Februar 2016
          Zwei der frisch gekürten Preisträger: Rainer Weiss und Kip Thorne (rechts) bei der Präsentation des ersten Ligo-Signals, Februar 2016 : Bild: dpa

          Ohne diese tausend hätte es für jene drei keinen Nobelpreis gegeben, was nur so lange ungerecht erscheint, wie man nicht bedenkt, dass sich Kollektive schlecht in Talkshows einladen und nach ihren Physiklehrern befragen lassen. Der Nobelpreis bezieht sein enormes Prestige und seine unvergleichliche öffentliche Aufmerksamkeit entscheidend aus der Personalisierung, auch wenn die dann nicht immer ohne Willkür zu bewerkstelligen ist.

          Schon einmal war er für den Nobelpreis im Gespräch

          Davon könnte auch Rainer Weiss ein Lied singen. Manche Physiker sagen, bereits an dem Nobelpreis 2006 hätte er beteiligt werden müssen, als die Vermessung der kosmischen Hintergrundstrahlung mit schwedischem Gold bedacht wurde: Es war seine Gruppe am MIT, die 1973 das erste halbwegs vollständige Spektrum dieses Nachhalls des Urknalls aufgenommen und frühere, der Urknall-Hypothese widersprechende Daten als Fehlmessungen entlarvt hatte.

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