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Teilchenphysik : Physik-Nobelpreis für Peter Higgs und François Englert

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Die Versuchsanordnung des CERN zum Nachweis der Theorien von Higgs und Englert Bild: dpa

Der Nobelpreis für Physik geht an den Belgier François Englert und den Briten Peter Higgs. Die beiden Wissenschaftler haben mit ihrer Vorhersage der Existenz des Higgs-Bosons zum Verständnis der Teilchenphysik beigetragen.

          Fast 50 Jahre nach der Vorhersage des Higgs-Teilchens geht der Physik-Nobelpreis in diesem Jahr an den Briten Peter Higgs (84) und den Belgier François Englert (80). Das teilte die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften am Dienstag in Stockholm mit. „Das ist ein Triumph, nicht nur für Higgs und Englert, sondern auch für die Teilchenphysik“, sagte Gunnar Ingelman von der Königlich-Schwedischen Wissenschaftsakademie. Das auch „Gottesteilchen“ genannte Higgs könnte der letzte unbekannte Baustein im Standardmodell der Teilchenphysik sein. Die höchste Auszeichnung für Physiker ist mit umgerechnet 920 000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

          „Der Preis wird in diesem Jahr für etwas sehr Kleines verliehen, das den ganzen Unterschied macht“, sagte Staffan Normark, Ständiger Sekretär der Wissenschaftsakademie. In der offiziellen Begründung hieß es, die Auszeichnung werde für die theoretische Vorhersage eines Mechanismus vergeben, der zum Verständnis der Masse subatomarer Partikel beitrage, und der kürzlich durch die Entdeckung des vorhergesagten Teilchens mit den Detektoren „Atlas“ und „CMS“ am Europäischen Kernforschungszentrum Cern bestätigt worden sei.

          François Englert (l.) und Peter Higgs, aufgenommen am 04. Juli 2012

          „Ich bin überwältigt, diesen Preis zu bekommen und danke der Königlichen Akademie in Schweden“, ließ Higgs über die Universität in Edinburgh mitteilen, an der er emeritierter Professor ist. „Ich möchte auch all denjenigen gratulieren, die zur Entdeckung dieses neuen Teilchens beigetragen haben.“ Auch sein Kollege war begeistert. „Jetzt bin ich sehr froh“, sagte Englert am Dienstag. „Ich fühle mich sehr gut.“ Erst Ende Mai war Higgs und Englert für die vor fast 50 Jahren aufgestellte Theorie des später Higgs-Boson genannten Teilchens der spanische Prinz-von-Asturien-Preis in der Sparte Wissenschaft und Forschung zugesprochen worden.

          Im Standardmodell des Universums gibt es verschiedene Teilchen wie Quarks und Elektronen, aus denen sämtliche Atome der Materie bestehen. Jedes der insgesamt zwölf Elementarteilchen besitzt ein sogenanntes Anti-Teilchen mit entgegengesetzter elektrischer Ladung. Higgs und Englert ersannen für dieses Modell 1964 einen Mechanismus, der den Teilchen eine Masse verleiht - das Higgs.

          Im Sommer vergangenen Jahres wurde am weltgrößten Teilchenbeschleuniger LHC in der Schweiz verkündet: „Wir haben in unseren Daten klare Anzeichen auf ein neues Teilchen.“ Higgs, der extra nach Genf gereist war, stiegen die Tränen in die Augen.

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          Am Cern war die Begeisterung nach der Nobelpreis-Bekanntgabe groß. „Hier war ein Riesenjubel“, sagte die Teilchenphysikerin Kerstin Borras. Weit über 100 Forscher hätten im großen Foyer des Bürogebäudes am Cern live die Übertragung der Preisverkündung verfolgt. „Es war natürlich nicht 100-prozentig klar, aber wir haben schon gehofft, dass die historische Entdeckung dieser Forscher gewürdigt wird.“

          Dass kein Mitarbeiter des Cern mitaufgeführt war, sah Borras gelassen. „Es ist sehr schwierig, einen Cern-Wissenschaftler herauszuheben. Wir sind eine weltweite Forschergemeinde.“ In dem Bereich hatten auch andere Wissenschaftler wie Carl Richard Hagen und Gerald Guralnik, der Brite Tom Kibble sowie der bereits verstorbene Physiker Robert Brout geforscht. Der Nobelpreis darf an maximal drei Forscher vergeben werden.

          Die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Physik, Johanna Stachel, bedauerte, dass es offenbar nicht möglich sei, die zahlreichen Forscher stärker zu würdigen, die das Higgs-Teilchen in Experimenten entdeckten. Die Zuerkennung an sich sei aber eine exzellente Entscheidung. „Es war einfach fällig“, sagte die Heidelberger Teilchenphysikerin. „Die Theorie steht seit 50 Jahren. Jetzt ist das Teilchen entdeckt, was die Theorie zur Realität macht.“

          Mühsam war nicht nur der Nachweis des Higgs-Teilchens, sondern nun auch das Erreichen seines Entdeckers: „Wir haben alle Telefonnummern ausprobiert, die wir hatten“, sagte Normark zu vergeblichen Versuchen, mit Higgs zu sprechen - was die Bekanntgabe um eine Stunde verzögert hatte. „Ich konnte leider noch nicht mit ihm reden.“ Englert wollte am Nachmittag eine Pressekonferenz in Brüssel geben, Higgs kündigte für Freitag ein Treffen mit Medien in Edinburgh an.

          Am Montag war der diesjährige Medizin-Nobelpreis dem gebürtigen Deutschen Thomas Südhof zuerkannt worden. Der Neurochemiker teilt sich die Auszeichnung mit den Forschern James Rothman und Randy Schekman. Die drei Wissenschaftler haben wesentliche Transportmechanismen in Zellen entdeckt. Die feierliche Überreichung der Auszeichnungen findet traditionsgemäß am 10. Dezember statt, dem Todestag des Preisstifters Alfred Nobel.

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