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Geht es nicht ohne Tierversuche? : „Es braucht Sorgfalt und Sensibilität“

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Würden die Tiere leiden, taugten auch die Ergebnisse nichts, sagen die Grundlagenforscher. Bild: Foto Geir Mogen/NTNU

Der Vorsitzende der Senatskommission für Tierexperimentelle Forschung der DFG Gerhard Heldmaier im Gespräch.

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          Herr Heldmaier, drei Neurologen dürfen sich jetzt über den Nobelpreis für Medizin freuen. Sie haben Komponenten eines Navigationssystems im Gehirn gefunden. Prompt regt sich Kritik, weil sie dafür mit Tieren experimentierten. Sind solche Versuche nötig?

          Sie sind unausweichlich. Wir brauchen die Grundlagenforschung, um zu verstehen, wie ein Organismus funktioniert. In diesem Fall ging es zunächst darum, herauszufinden, was bestimmte Hirnzellen eigentlich tun. Und entdeckt wurde ein zuvor unbekanntes System der Regulierung, das der Orientierung dient. Dieses Beispiel zeigt sehr gut, dass Erkenntnisse aus einem Projekt, das einmal als reine Basisarbeit konzipiert war, später große Bedeutung für die Medizin haben können, wie ebendiese speziellen Rasterzellen.

          Und doch mussten Ratten dafür sterben.

          Niemand tötet gern ein Tier oder fügt ihm irgendetwas zu. Auch kein Wissenschaftler. Man überlegt sich mehrmals, welche Gründe dafür oder dagegen sprechen. Man ist den gesetzlichen Regelungen und sich selbst gegenüber verpflichtet. Aber man darf nicht vergessen, dass Tierversuche nur einen winzigen Anteil der Forschungsaktivitäten umfassen. Sie sind dann entscheidend, wenn eben der gesamte Organismus verstanden werden soll.

          Die Zahl der Versuchstiere nahm in Deutschland in den vergangenen Jahren stetig zu. Im Jahr 2012 waren es mehr als drei Millionen, die Grundlagenforschung beanspruchte etwa ein Drittel.

          Diese Zahlen erscheinen hoch. Man sollte sie jedoch in Relation setzen und dabei nicht ignorieren, dass insgesamt 762 Millionen Tiere verwendet werden – zumeist für die Ernährung. Der Anteil der Forschung beträgt somit etwa 0,4 Prozent. Stellt sich da nicht die Frage, ob ich als Mensch ein Tier nur esse oder interessiert bin, mehr zu erfahren, was vielleicht die medizinische Versorgung für viele verbessert?

          Zur Rechtfertigung werden meist Anwendungen in der Medizin genannt, weil das eher akzeptiert wird. Versteckt man sich dahinter?

          Grundlagenforschung wird in der öffentlichen Diskussion nicht richtig eingeschätzt. Selbst in den Rückfragen der Behörden in Genehmigungsverfahren wird meist Wert auf medizinische Zwecke gelegt. Dabei lässt sich das eine sowieso nicht vom anderen trennen, in der Forschung hängt alles eng zusammen. Und jeder Erkenntnisgewinn kann allgemeine Bedeutung haben. Der Nobelpreis zeigt, wie wichtig Grundlagenforschung ist.

          Sie sind Vorsitzender einer DFG-Senatskommission, die sich mit Tierexperimenten auseinandersetzt. Was ist deren Aufgabe?

          Wir waren beispielsweise involviert, als die Tierschutzgesetze auf Landes- und EU-Ebene novelliert wurden. Außerdem beantworten wir Fragen der DFG, wenn Anträge für Fördermittel eine ungewöhnliche Konstellation von Versuchen beinhalten, eine hohe Zahl von Tieren nennen oder sehr aufwendig erscheinen. Manchmal werden wir auch in Genehmigungsverfahren um eine Einschätzung gebeten, von den jeweils zuständigen Landesbehörden.

          Was sind wichtige Kriterien?

          Die Anträge sind recht detailliert, nennen alle Vorgehensweisen. Es muss nachgewiesen werden, dass die Frage nicht längst beantwortet ist. Man muss begründen, warum es keine Alternativen dazu gibt. Dass die Versuche unerlässlich sind und wissenschaftlich relevant.

          Lässt sich Relevanz definieren?

          Das ist schwierig zu beantworten, oft zeigt sie sich erst im Nachhinein. Als die jetzt mit dem Nobelpreis ausgezeichneten Rasterzellen vor fast vierzig Jahren entdeckt wurden, ahnte niemand ihre Bedeutung. Jetzt ist es eine spannende Geschichte. Manches stellt sich später aber auch als irrelevant heraus – das gehört ebenso zur Wissenschaft.

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