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Medizin-Nobelpreis 2012 : Die Anbeter des Methusalem

Das Original: Auf dem Bild sind die ersten iPS-Zellen von Yamanakas Versuchen zu sehen. Bild: Yamanaka

Zwei Bioingenieure erhalten den diesjährigen Medizin-Nobelpreis. Er geht an den Briten John Gurdon und den Japaner Shinya Yamanaka. Sie haben beide unabhängig voneinander gezeigt, dass jede Zelle eines Organismus prinzipiell neu programmierbar ist.

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          An den Karrieren der beiden diesjährigen Nobelpreisträger für Medizin und Physiologie, dem bald achtzigjährigen Engländer John Gurdon, und dem dreißig Jahre jüngeren Japaner Shinya Yamanaka, kann man die lange Vorgeschichte einer neuen Medizin studieren, die aus der Heilkunst endgültig einen Reparaturbetrieb werden und die Ärzte zu Humaningenieuren mutieren lässt.  Die beiden haben mit ihren Laborexperimenten unabhängig voneinander gezeigt, dass jede Zelle eines Organismus prinzipiell neu programmierbar ist, weil jede einzelne die dazu nötige genetische Information enthält. In jeder Zelle sitzt quasi der Keim neuen Lebens. Aus ihr kann ein ganzer Organismus werden, oder es können Ersatzorgane in der Retorte erzeugt werden.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Allein an dieser Beschreibung lässt sich ermessen, welches Potential, aber auch welches Missbrauchspotential grundsätzlich in den neuen Biotechniken steckt. Das Klonen, das bioethisch umstrittene genetische Vervielfältigen von Lebewesen, gehört genauso dazu wie die – allerdings noch ferne – Möglichkeit, eines Tages vielleicht Blinde sehend, Gelähmte laufend und todkranke Herzpatienten wieder gesund zu machen oder Parkinson-Patienten die Beschwerden zu nehmen. „Es ist ein gewaltiger biomedizinischer Fortschritt“, sagt einer der führenden deutschen Stammzellforscher Oliver Brüstle aus Bonn.

          Den Medizin-Nobelpreis teilen sich in diesem Jahr  John Gurdon aus Großbritannien (links) und Shinya Yamanaka aus Japan.
          Den Medizin-Nobelpreis teilen sich in diesem Jahr John Gurdon aus Großbritannien (links) und Shinya Yamanaka aus Japan. : Bild: dpa

          Gefragt, wer von den beiden solche Utopien einer regenerativen Medizin einen entscheidenden Schub gegeben hat, muss man klar feststellen: Seit Yamanakas bahnbrechender Veröffentlichung im Jahr 2006 ist die Zelltherapie ein Megaforschungsgebiet und wie befreit – befreit von einer bioethischen und biopolitischen Last, die mit einer Entwicklung begann, an der Gurdon arbeitete. Im Jahre 1962, dem Geburtsjahr Yamanakas, gelang Gurdon völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit in seinem Labor an der University of Cambridge das erste Klonieren von Organismen durch die Transplantation von Zellkernen. Gurdon arbeitete hauptsächlich mit Krallenfröschen, deren Eier groß genug waren, um als ideale Modelle der Entwicklungsbiologie zu fungieren.

          Er entnahm die Kerne von reifen Eingeweidezellen aus Kaulquappen, übertrug sie in die Eizellen eines anderen Froschs und schuf daraus reprogrammierte, geklonte Kaulquappen, die sich letztendlich zu lebensfähigen Fröschen entwickelten. Wie das möglich war, wusste Gurdon nicht. Die Seriosität seiner Experimente war deshalb oft angezweifelt worden, viele ähnliche Versuche missglückten. Bis dann im Jahr 1997 der Schotte Ian Wilmut durch den Kerntransfer aus den Euterzellen eines Schafs das gleiche erstmals mit einem Säugetier gelungen war. Mit „Dolly“, dem Klonschaf, war ein Jahrzehnte altes Dogma der Biologie endgültig gefallen: Der Weg von den Keimzellen zum erwachsenen Organismus ist keine Einbahnstraße, auch eine gewöhnliche, ausgereifte Körperzelle, die schon Jahre „auf dem Buckel hat“, enthält die gesamte Information, um daraus einen gesamten Organismus herzustellen.

          Einen solchen Krallenfrosch verwendete Gurdon für seine Experimente.
          Einen solchen Krallenfrosch verwendete Gurdon für seine Experimente. : Bild: TU Berlin

          Gurdon und Wilmut haben dazu noch die Eizelle benötigt, in die der fremde Zellkern in quasi mikrochirurgischer Arbeit eingeschleust werden musste – die zuvor vom eigenen Zellkern befreite Eizelle war aber nicht nur als Hülle nötig, sie lieferte auch einige der wichtigsten „Faktoren“, die zum Reprogrammieren des eingeschleusten Genoms nötig sind.

          Was diese „Faktoren“ wert sind, die nur mühsam ihre Identität preisgaben, zeigte eine zweite Linie innerhalb der frühen Reprogrammierungszunft, die mit Martin Evans Herstellung von embryonalen Stammzellen Anfang der achtziger Jahre begann. Embryonale Stammzellen stehen am Beginn von Yamanakas Forschungsarbeiten. Sie werden aus dem Innern von Embryonen gewonnen, die hundert bis zweihundert Zellen groß sind – Keimbläschen. Ihre entscheidende Eigenschaft: Sie sind vollkommen unspezialisiert und können sich praktisch unbegrenzt teilen, wenn man sie im Reagenzglas entsprechend kultiviert.

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