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Max-Planck-Präsident Gruss : „Dann müssen wir halt umdenken“

Nobelmedaille Bild: dpa

Ruhm und Geld – das ist für die Max-Planck-Gesellschaft künftig nur so denkbar: Mit ausländischen Eliten und satten Bundesmitteln für die Unis. Ein Gespräch mit MPG-Präsident Peter Gruss zur Verleihung der Nobelpreise.

          7 Min.

          Der diesjährige Medizin-Nobelpreisträger Thomas Südhof hatte früh das Max-Planck-Institut in Göttingen verlassen und ist inzwischen Amerikaner. Sind die Vereinigten Staaten das Land der wissenschaftlichen Eliten?

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Nein, sicher nicht. Wenn man das an der Zahl der Nobelpreisträger festmacht, was viele offenbar gerne tun, dann muss man klar sagen: Das ist falsch. Ein Mythos. Wir können die Vereinigten Staaten nicht mit Deutschland vergleichen. Wir müssen sie mit Europa vergleichen, und hier liegt Europa deutlich vorne. Die Top-Länder in Europa sind Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Schweden und die Schweiz. Wenn Sie die fünf nehmen, haben Sie schon genauso viele Nobelpreise wie die Vereinigten Staaten. Wenn wir den Rest Europas mit dazu nehmen, haben wir hundert Nobelpreisträger mehr.

          Man hat dennoch den Eindruck, dass Sie immer mehr im Ausland rekrutieren, um in der obersten Liga mitzuspielen.

          Das stimmt, und zwar auf allen Ebenen. Die Institutsdirektoren, die allein in meiner Amtszeit rekrutiert worden sind, haben zu 43 Prozent einen ausländischen Pass. Vorher waren es nur 20 Prozent.

          Für mehr Teamgeist in der Forschung: Peter Gruss
          Für mehr Teamgeist in der Forschung: Peter Gruss : Bild: Max-Planck-Gesellschaft

          Warum ziehen sie ausländische Wissenschaftler vor?

          Wir ziehen ausländische Wissenschaftler nicht vor. Aber für die Dinge, die wir gerne machen würden, wollen wir einfach die international besten Forscher finden. Die Hälfte unserer Doktoranden ist aus dem Ausland, bei Postdoktoranden sind es um die 90 Prozent. Die meisten deutschen Nachwuchswissenschaftler gehen in der Postdoc-Phase sowieso ins Ausland, um dort Erfahrungen zu sammeln. Es entsteht also kein Vakuum.

          Wie verankert man sich dauerhaft in der Forschungsspitze?

          Wir haben den Freiraum, uns bei jeder Emeritierung neu auszurichten und auf Themenfelder zu begeben, die besonders innovativ und vielversprechend sind. 80 Prozent der Nachfolgeberufungen sind nicht im gleichen Forschungsfeld des Vorgängers.

          Nach was wählt man dann aus?

          Es gibt einen differenzierten Prozess, beginnend mit Präsidentenkommissionen, die sich mit der strategischen Frage beschäftigen, auf welches Gebiet sich das Institut als Ganzes begeben sollte. Dieselbe Frage stellt man sich in den Stammkommissionen. Die fragen dann, ob es interessante Personen gibt, und anschließend geht es in eine Berufungskommission. Jede der drei wissenschaftlichen Sektionen der MPG hat von mir zudem den Auftrag, über eine Perspektivenkommission permanent eine offene Liste über Themenfelder und Personen zu generieren, die immer wieder ergänzt wird, und anhand derer wir überprüfen, ob man ganze Institute neu ausrichtet oder aber Personen in den Blick nimmt, von denen wir überzeugt sind, dass wir die an uns binden sollten. Es wird also dauerhaft ein Input erzeugt, der Eingang findet in den Perspektivenrat und den entsprechenden Ausschuss des Senats und schließlich in eine Entscheidung des Senats über eine Berufung, Institutsgründung oder -umwidmung mündet.

          Und wie stellen Sie die Qualität Ihrer Auswahlentscheidung sicher?

          Dazu geht ein Brief an zwölf oder mehr höchstrangige Wissenschaftler weltweit auf dem jeweiligen Gebiet an so renommierten Einrichtungen wie Harvard oder dem MIT mit einer Reihe von Fragen, die die Qualität der Person adressieren. Also auch die: Würden Sie X zum Professor an Ihrer Universität machen? Das ist die wissenschaftliche Hürde.

          Wie hoch ist die Absagerquote?

          Wie bei Harvard liegt sie bei rund 30 Prozent.

          Und die Gründe?

          Die liegen meistens im persönlichen Bereich. Wenn etwa beide Karriere machen wollen. Bei Frauen ist das Dual-Career-Problem allerdings sehr viel größer als bei Männern. Berufen Sie einen Mann, sind etwa 25 Prozent der Partnerinnen selber Wissenschaftlerinnen, berufen Sie eine Frau sind etwa 80 Prozent der Partner Wissenschaftler. Wir suchen immer auch nach adäquaten Lösungen für die Partner. Das geht oft auch gut, wenn die Universitäten am Standort mitziehen.

          Kluge Köpfe aus aller Herren Länder.
          Kluge Köpfe aus aller Herren Länder. : Bild: picture-alliance / dpa

          Ist das ihr Weg, um gegen Harvard, Stanford oder ETH zu bestehen?

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