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Literaturnobelpreis für Alice Munro : Wingham ist der Nabel der Welt

Seit Jahren Anwärterin auf den Nobelpreis: die kanadische Autorin Alice Munro Bild: AFP

Der Literaturnobelpreis 2013 geht an die Kanadierin Alice Munro. Ausgezeichnet wird das in Jahrzehnten gewachsene Werk einer geduldigen Chronistin des Alltags und des einfachen Lebens. Für viele jüngere Autoren ist diese Erzählerin ein Vorbild.

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          Zum ersten Mal geht die Auszeichnung nach Kanada und zum dreizehnten Mal an eine Frau: Alice Munro erhält in den Literaturnobelpreis 2013. Das gab die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm bekannt.  Die wichtigste Literaturauszeichnung der Welt ist mit umgerechnet rund 910.000 Euro (8 Millionen Schwedischen Kronen) dotiert.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          Die 82 Jahre alte Munro sei „die Meisterin der zeitgenössischen Kurzgeschichte“, sagte Peter Englund als Sprecher der Nobelpreis-Jury und fügte hinzu: „Sie hat diese spezielle Form zur Perfektion gebracht.“ Diese Charakterisierung ist nicht ganz falsch - aber denn doch entschieden unvollständig. Zur Perfektion gebracht hat diese Autorin jedenfalls nicht ein spezifisches Erzählgenre, sondern ihre ureigene Prosa, die lange und in der Tat auch kürzere Erzählungen kennt - und sich bisher lediglich der traditionellen Form des umfangreichen Romans verweigerte.

          In den bisher zwölf Erzählbänden, die seit Beginn der achtziger Jahre auf Deutsch erschienen sind, haben die fast ausnahmslos weiblichen Hauptfiguren hingegen viele Rollen erprobt, um reale Erlebnisse und Erfahrungen der Autorin in erfundene Begebenheiten und Wahrheiten zu verwandeln.

          Der Schlüssel zu diesem Werk heißt Treue

          „In der Anlage autobiographisch, nicht aber in den Details“: So hat Alice Munro einst ihre Prosa „Kleine Aussichten“ (1971, deutsch 1983) charakterisiert - die Formel gilt für große Teile des imposanten Werks.

          Der Schlüssel zu diesem Werk heißt Treue. Gleich der deutsche Debütband „Das Bettlermädchen“ von 1981 spielte in der Kleinstadt Hanratty in der Provinz Ontario, in „Kleine Aussichten“ hieß der Flecken Jubilee, in „Offene Geheimnisse“ (1996) Carstairs. In Varianten war es immer das Dreitausend-Seelen-Nest Wingham, in dem Alice Munro am 10. Juli 1931 geboren wurde.

          Im Leben wie in der Literatur war es dann fast immer Toronto, das einen Ausweg aus der Enge verhieß, fast immer machte sich eine Frau auf den Weg ins vermeintlich Freie und Offene, weg vom Dauerzwist mit Mutter oder Stiefmutter, weg aus einer erstarrten Ehe, weg von der Familie auf der Farm am Rande des Städtchens.

          Der Zeit enthoben und zugleich ganz gegenwärtig

          Und mit der Autorin durften die Figuren wachsen, reifer werden, also auch älter. Wie die Autorin kehrten sie ein ums andere Mal in ein realfiktives Wingham zurück, wunderten sich aufs Neue über den Stillstand oder passten sich ihm nun ganz bewusst an.

          Es ist eine Literatur des Privaten, die darüber entstand, ein Erzählkosmos, in dem Weltereignisse bestenfalls eine Rolle am Rand spielen und Politik überhaupt keine. Sehr konkret geht es in den Geschichten der Munro zu, zugleich wirken sie, Jahreszahlen hin oder her, zeitlos, genauer: zeitenthoben gegenwärtig. Sehnsüchtig nach Liebe, süchtig nach Sex sind die Stadt-und Landheldinnen all dieser Bücher, Kinder schließen sie sowenig aus wie berufliche Karrieren, nach beidem aber streben sie niemals verbissen.

          Dass solche Motiv- und Thementreue nicht eintönig wurde, verdankt sich dem ganz unangestrengten, auch deshalb unwiderstehlichen Stil dieser Autorin und einer Erzähltechnik, der vierzig, fünfzig Seiten genügen, um epische Fülle eben nicht bloß zu suggerieren, sondern zu beglaubigen.

          Von jüngeren Autoren als Vorbild verehrt

          So wurde aus Winghams Winkeln Weltliteratur. Ob ihrer ganz und gar naturwüchsig erscheinenden, in Wahrheit hochraffinierten Artistik findet Alice Munro mit ihre größten Bewunderer unter Kollegen und Konkurrenten - Richard Ford rühmt sie, Jonathan Franzen singt ihr Hymnen, Bernhard Schlink gerät ins Schwärmen, von Judith Hermann wird sie als Vorbild verehrt.

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