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Kommentar : Exportierte Forscher

Thomas Südhof verbrachte einige Zeit am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin Bild: dpa

Ein Deutscher hat mit anderen den Medizin-Nobelpreis bekommen. Die meiste Zeit seines Lebens hat er in Amerika geforscht. Das deutsche Lehr- und Forschungssystem ist unterfinanziert.

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          Ein deutscher Molekulargenetiker wird mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet, und wieder einmal ist es ein Deutscher, der sein halbes Leben lang in den Vereinigten Staaten gelebt und dort sein Forscherglück gefunden hat. Thomas Südhof ist nicht der erste, und er wird, so wie die Dinge wissenschaftspolitisch liegen, auch sicher nicht der letzte Spitzenforscher bleiben, der diesen erfolgversprechenden Weg über den Atlantik wählt. Denn zwischen den beiden Wissenschaftswelten liegt nicht nur der Große Teich.

          Dass Deutschland durchaus imstande ist, exzellente und international konkurrenzfähige Forschung hervorzubringen, steht außer Frage. Wissenschaftseinrichtungen wie die Max-Planck-Gesellschaft, in der Südhof selbst einige Zeit verbracht hat, beweisen das, auch andere Institutionen, etwa die Helmholtz-Gemeinschaft, besitzen internationales Format. Aber damit ist eigentlich auch schon das deutsche Problem eingekreist oder besser: ausgegrenzt. Die Universitäten als die Hauptstützen einer „Wissenschaftsrepublik“, wie sie die Nationalakademie gern sehen würde, kommen nicht nur aus ihrer chronischen Unterfinanzierung kaum heraus.

          Kleine Verträge anstelle großer Perspektiven

          Ihre völlig überlasteten Lehr- und unterbezahlten Forschungsstrukturen sind auch weiterhin nicht so aufgestellt, dass sie Deutschland einen Spitzenrang sichern können. Fehlende Grundfinanzierung durch die Länder, sklerotische Strukturen, das Beharren auf professoralen Fürstentümern – nichts von alledem hat die Exzellenzinitiative, so wertvoll sie vorübergehend etwa bei der Errichtung neuer Exzellenzcluster und Graduiertenschulen sein mag, grundlegend und nachhaltig verändert.

          Wir bilden junge Wissenschaftler in einem System aus, das ihnen nach dem Abschluss keine große Perspektive, sondern kleine Verträge und gewaltigen bürokratischen Aufwand für die Mittelbeschaffung aufbürdet. Die deutschen Universitäten geraten so immer stärker ins Hintertreffen, und die Politik rühmt sich, dass sie ihrem Ziel, drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in die Forschung zu investieren, hart auf den Fersen ist. Sie übersieht: Viele Länder sind längst auf dem Weg zu vier Prozent. Deutschland, der langjährige Exportweltmeister, gibt sich dagegen alle Mühe, auch seine Spitzenforscher weiter erfolgreich zu exportieren.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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