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Katalysator-Forscher List : Respektlos zum Nobelpreis

Selfie von Benjamin List und seiner Frau Sabine List in einem Amsterdamer Restaurant, kurz nachdem sie die Nachricht vom Nobelpreis erhalten haben. Bild: dpa

Mit dem Schicksal im Bunde: Der neue Chemie-Nobelpreisträger aus Deutschland ist Nachfahre berühmter Forscher, Katastrophen-Überlebender und ein unangepasster Vordenker seines Fachs. Der neue Musterknabe der deutschen Forschung.

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          Dieser Mann ist eine Entdeckung. Ein außergewöhnlicher Kopf, gebildet, ein Überlebender, ein Vor- und ein Freidenker, eine Forschertype. Zugegeben, ohne den Chemie-Nobelpreis, den ihm die Schwedisch-Königliche Akademie am Mittwoch in Stockholm zugesprochen hat, wären er und seine Erfolge mit der „asymmetrischen Organokatalyse“ wahrscheinlich noch eine Weile das Inselwissen von Insidern geblieben.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Aber so ist es raus: Benjamin List, der Neffe der einzigen deutschen Nobelpreisträgerin, der Tübinger Entwicklungsbiologin Christiane Nüsslein-Volhard, Nachfahre eines Justus-von-Liebig Schülers und eines großen Mediziners, ist in den Olymp der Wissenschaften aufgestiegen. Man könnte auch sagen: Das Schicksal hat ihn hinauf getragen und seine, wie er in einem hörenswerten Podcast der noch jungen Bundesagentur für Sprunginnovationen mitteilt, „Respektlosigkeit“ und „gewisse Formlosigkeit“ als Chemiker.

          List denkt gerne neu, Tradition bremst. Er ist 68er Jahrgang, gebürtig in Frankfurt am Main, antiautoritär erzogen. Seine Bezugsperson damals, wie das im „Kinderladen“ hieß, war der Ur-Grüne Daniel Cohn-Bendit. Seine erste chemische Heldentat allerdings war schwarz und hoch explosiv. Mit elf Jahren, List hatte gerade eine wissenschaftliche Ader an sich entdeckt, bastelte er mit einem Freund Schwarzpulver. Mit etwas Pech hätte das bereits der Anfang einer schicksalsträchtigen Katastrophenserie sein können.

          Herausgefordert wurde sein Glück an Weihnachten 2004 in Khao Lak in Thailand, als die Tsunami-Welle ihn, seine Frau und seine drei und fünf Jahre alten Söhne um ein Haar auseinandergerissen hätte. List wurde wie sein Ältester verletzt, ihren von der Flut fortgerissenen Dreijährigen fanden sie später in einer weit entfernten Klinik wieder. Zurück in Mülheim an der Ruhr, wo List 2005 seinen Posten als Direktor am Max-Planck-Institut für Kohlenforschung angenommen hatte, war das Schicksal ein weiteres Mal gefragt. Die frisch bezogene Max-Planck-Villa brannte lichterloh, nachdem die beiden Söhne im holzvertäfelten Zimmer kokelten und den Brand zu spät bemerkten.

          Bild: dpa

          Nun also der Jackpot. Göran Hansson, der Sprecher der Schwedischen Akademie, stellte List der Welt als einen vor, „der sich über den Nobelpreis gefreut hat wie kein anderer vor ihm“. In der Sonne Kaliforniens, am Scripps Research Institut, hatte der Chemiker Ende der neunziger Jahre seine bahnbrechenden Einfälle zu einer organischen Katalyse mit dem winzigen, ringförmigen Prolin – ein metallfreies, umweltschonendes Verfahren, das nicht nur die Pharmazeutik zu revolutionieren verspricht. Wenn die Chemie grüner wird, mit Bioplastik etwa und energiesparenden Synthesen, dann ist das auch sein Verdienst. Tatsächlich kommt das List-Verfahren dem schon sehr nahe, was Chemiker aller Zeiten suchen: die perfekte Chemiereaktion.

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