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Stockholm : Wirtschafts-Nobelpreis für Arbeitsmarktforscher

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Der Wirtschaftsnobelpreis geht an Peter Diamond, Dale Mortensen und Christopher Pissarides. Sie haben vor allem Arbeitsmärkte untersucht. Ihre Arbeiten helfen etwa zu erklären, warum es passieren kann, dass es trotz hoher Arbeitslosigkeit eine hohe Zahl offener Stellen gibt.

          Die Schwedische Akademie begründete ihre Entscheidung damit, dass die drei Forscher entscheidende Fragen zur Funktionsweise des Arbeitsmarktes beantwortet hätten. Die Forscher hätten das theoretische Fundament für sogenannte „Suchmärkte“ formuliert, teilte das Preiskomitee am Montag in Stockholm mit.

          Peter Diamond habe die speziellen Eigenarten solcher unvollkommener Märkte geliefert, auf denen Angebot und Nachfrage nicht automatisch über den Preismechanismus in Einklang kommen. Dale Mortensen und Christopher Pissarides erweiterten die Theorie und wandten sie auf den Arbeitsmarkt an.

          Das Nobelpreis-Komitee erklärte, die Arbeiten der drei Forscher helfe zu erklären, wie Arbeitslosigkeit, offene Stellen und Löhne von Regulierung und Wirtschaftspolitik beeinflusst werden. Erklären könne es etwa, warum es passieren könne, dass es trotz hoher Arbeitslosigkeit eine hohe Zahl offener Stellen gebe. Zudem erklären sie, warum Arbeitslosigkeit sich oft hält, wenn der wirtschaftliche Aufschwung eingesetzt hat. Die Arbeit der Wissenschaftler kann auch auf andere Felder als den Arbeitsmarkt angewandt werden, etwa den Immobilienmarkt oder in der Familienpolitik.

          Das „Diamond-Mortensen-Pissarides-Modell“

          Bekannt geworden ist vor allem das nach ihnen benannte „Diamond-Mortensen-Pissarides-Modell“. Es gilt als eines der meistbenutzen Werkzeuge zur Analyse der Zusammenhänge zwischen Arbeitslosigkeit, Lohnbildung und offenen Stellen.

          Der traditionellen Theorie zufolge funktionieren Märkte ideal, auch der Arbeitsmarkt. Jobsucher finden die passenden Stellen, so dass es am Ende die maximale Zahl offener Angebote zum idealen Lohn besetzt werden kann. In ihremModell zeigen die Forscher die Grenzen dieser klassischen Theorie. So gibt es in der Praxis zahlreiche Hindernisse: Arbeitgeber und Jobsuchender müssen Zeit und Mühen in Stellenanzeigen oder Bewerbungen investieren. Oft haben sie zudem keine genauen Vorstellungen über die angemessenen Löhne, was die Zeit bis zur Jobvergabe ebenfalls verzögern kann. Zudem spielt auch der politische Rahmen eine Rolle, etwa die Höhe der Arbeitslosenunterstützung.

          Untersucht werden kann mit dem Modell etwa, wie sich die Existenz einer Arbeitslosenversicherung auf die Arbeitslosigkeit auswirkt. Oder wie die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit steigt, wenn das Arbeitslosengeld erhöht wird.

          Die ab 1971 veröffentlichten Erkenntnisse der drei Ökonomen seien inzwischen „traditionelle volkswirtschaftliche Lehrmeinung geworden“, sagte der Ifo-Präsident und Münchner Professor Hans-Werner Sinn.

          Die Politik habe sich die Erkenntnisse der drei in dem nach ihnen benannten Modell zunutze machen können. Das Modell wird von Regierungen genutzt, um etwa durch die Regulierung von Arbeitslosengeld den Arbeitsmarkt zu beeinflussen: „In den Finanzministerien sitzen Regierungsexperten und arbeiten mit dem Diamond-Mortensen-Pissarides-Modell“, sagte Mats Persson, Mitglied im schwedischen Nobelkomitee.

          Diamond ist Wunschkandidat Obamas für Fed-Posten

          Der 1940 in New York geborene Peter Diamond dürfte auch dem einen oder anderen im Politikbetrieb geläufig sein: Er soll nach dem Willen von Präsident Barack Obama in die Riege der obersten Währungshüter des Landes aufsteigen. Ein Einzug in das Board der Notenbank Federal Reserve (Fed) scheiterte aber. Ein republikanischer Abgeordneter verhinderte seine Ernennung mit dem Argument, Diamond sei kein Spezialist für Finanzfragen. Unterstützer argumentierten dagegen, gerade sein Hintergrund qualifiziere Diamond angesichts hoher Arbeitslosigkeit für den Posten (siehe auch Peter Diamond: Gut genug für Nobelpreis – aber zu schlecht für Fed). Diamond ist Wirtschaftsprofessor am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Amerika.

          Dale Mortensen (71) besitzt einen weniger glamourösen Hintergrund. Er ist Professor an der Northwestern University in der Region Chicago. Studiert hat er ebenfalls an zwei hierzulande eher unbekannten Unis: Willamette und Carnegie-Mellon. Unter Fachleuten genießen die Forschungseinrichtungen aber einen exzellenten Ruf. Seine Auslandsaufenthalte hatten den Wirtschaftswissenschaftler Mortensen 2002 auch an die Berliner Humboldt-Universität geführt.

          Christopher Pissarides, mit 62 Jahren der jüngste der drei Forscher, lehrt an der London School of Economics. Das bekannteste Werk des auf Zypern geborenen Wissenschaftlers ist sein Buch Equilibrium Unemployment Theory (Gleichgewichts-Theorie der Arbeitslosigkeit), das als Standardwerk gilt. Er sagte in einem ersten Telefonat mit der Schwedischen Akademie kurz nach der Bekanntgabe, er sei über die Zuerkennung des Preises „ziemlich überrascht und sehr froh“.

          Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ist mit knapp einer Million Euro dotiert. Er geht nicht direkt auf das Testament des Preisstifters und Dynmamit-Erfinders Alfred Nobel zurück. Er wurde nachträglich im Jahr 1968 von der Schwedischen Reichsbank ins Leben gerufen und wird seit 1969 verliehen, damals an den Norweger Ragnar Frisch und den Niederländer Jan Tinbergen.

          Im vergangenen Jahr hatten sich die amerikanische Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom und ihr Landsmann, der Wirtschafts- und Rechtswissenschaftler Oliver Williamson, den Preis geteilt.

          Die drei diesjährigen Preisträger erhalten ihre Auszeichnungen am 10. Dezember zusammen mit den anderen Nobelpreisträgern aus der Hand des schwedischen Königs Carl XVI. Gustaf in Stockholm. Nur der Friedensnobelpreis, der an den chinesischen Dissidenten Liu Xiaobo geht, wird in Oslo überreicht.

          Alle zehn Preisträger dieses Jahres sind Männer.

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