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Peter Diamond : Gut genug für Nobelpreis – zu schlecht für Fed

Peter Diamond Bild: AFP

Peter Diamond geht in diesem Jahr durch Himmel und Hölle. Der amerikanische Senat hat seine Berufung in die Notenbank zurückgewiesen. Just als Politiker Zweifel an seiner fachlichen Kompetenz äußern, erhält er jetzt den Nobelgedenkpreis.

          Peter A. Diamond geht in diesem Jahr durch Himmel und Hölle. Zunächst hat der Professor am renommierten Massachusetts of Technology in Boston (M.I.T.) die Blamage erfahren, dass der amerikanische Senat seine Berufung zum Führungsmitglied der Notenbank Fed zurückgewiesen hat. Angeblich halten einige republikanische Senatoren den renommierten Ökonomen nicht für kompetent genug, um geldpolitische Entscheidungen zu treffen. Präsident Barack Obama, der Diamond nominiert hatte, hält aber an seinem Entschluss fest und sucht die Auseinandersetzung mit den Senatoren.

          Just in dem Moment, in dem Politiker Zweifel an der fachlichen Kompetenz von Diamonds äußern, erhält dieser den Nobel-Gedenkpreis der Schwedischen Reichsbank zuerkannt – zusammen mit seinen Kollegen Dale T. Mortensen und Christopher A. Pissarides.

          Der 1940 geborene Diamond ist zwar in der Tat kein Ökonom mit besonderer Expertise auf dem Gebiet der Geldpolitik. In der Öffentlichkeit ist er zudem kaum bekannt, weil es ihm nach eigenen Worten schwer fällt, mit Laien über sein Fach zu sprechen. Innerhalb der Ökonomenzunft zählt Diamond indessen schon seit den siebziger Jahren zu den prominenten Fachvertretern – nicht zuletzt, weil er in vielen verschiedenen Sätteln zu reiten versteht.

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          Ben Bernanke gehört zu seinen Schülern

          Der Amerikaner studierte zunächst Mathematik und wandte sich dann der ökonomischen Theorie zu, deren Anwendbarkeit auf die Politik ihm immer wichtig war. Zu seinen Lehrern gehörten die Nobelpreisträger Robert Solow, Paul Samuelson und Gérard Debreu. Diamond befasste sich vor allem mit der Frage, warum Märkte nicht immer perfekt funktionieren und ob in einem solchen Falle die Politik eingreifen sollte. Seit 1966 lehrt er am M.I.T; nebenher war er auch als Politikberater tätig. Zu seinen Schülern zählte unter anderem der heutige Vorsitzende der Fed, Ben Bernanke.

          In den frühen siebziger Jahren veröffentlichte er mit seinem Kollegen James Mirrlees (Nobelpreis 1996) ein Papier („Optimal Taxation and Public Production“), das wesentlich zur „Optimalen Theorie der Besteuerung“ beitrug. Sie propagiert ein Steuersystem, das die Funktionsfähigkeit von Märkten möglichst wenig stört.

          Diese Theorie geht von der Annahme aus, dass die einzige Steuer, die nicht verzerrend wirkt, die sogenannte „Kopfsteuer“ ist, bei der jeder Mensch einen identischen Steuerbetrag zahlen muss. Sie trifft jeden gleich und man kann ihr allenfalls durch Auswanderung entgehen; ihr Nachteil ist, dass die meisten Menschen sie als ungerecht empfinden werden. Jede andere Steuer provoziert aber Ausweichreaktionen und stört damit die Effizienz der Marktwirtschaft. Diese Ausweichreaktionen will die „Optimale Theorie der Besteuerung“ reduzieren.

          Buch zur Reform der sozialen Sicherung

          In den achtziger Jahren befasste sich Diamond dann mit den Eigenarten des Arbeitsmarktes. Vor allem für diese Arbeiten hat er den Nobelpreis erhalten. Vor wenigen Jahren stellte er mit seinem Kollegen Peter Orszag, der im Sommer 2010 von seinem Amt als Budgetdirektor Obamas zurücktrat, ein Buch zur Reform der amerikanischen sozialen Sicherung vor. Darin schlagen sie eine Kombination aus Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen vor, um das Defizit der Sozialen Sicherung abzubauen. In den vergangenen Jahren hat Diamond zudem starkes Interesse an verhaltenswissenschaftlichen Arbeiten gezeigt. Sein Fakultätskollege Ricardo Caballero bescheinigt ihm einen „herausragenden Verstand und einen unstillbaren Hunger, die institutionellen Details eines Problems zu verstehen.“

          Der 1939 geborene Amerikaner Dale T. Mortensen hat fast sein gesamtes Berufsleben an der Northwestern University in Illinois verbracht, wo er zu einem der führenden Arbeitsmarktforscher heranreifte. Eine beeindruckende Zahl von Ehrungen und Gastvorlesungen, darunter die Schumpeter-Vorlesungen an der Humboldt-Universität in Berlin im Jahre 2002, zeugen von seinem hohen internationalen Ansehen. Mortensen beschäftigte sich unter anderem mit der Frage, warum Arbeitnehmer mit identischer Qualifikation und Tätigkeit häufig unterschiedlich bezahlt werden.

          Mortensen hat in den achtziger und neunziger Jahren eine ganze Reihe von Arbeiten zusammen mit Christopher A. Pissarides, dem Dritten im Bunde der Preisträger, verfasst. Der 1948 geborene Pissarides ist ein britischer Ökonom zyprischer Herkunft, der an der renommierten London School of Economics promoviert wurde und dort auch seit fast einem Vierteljahrhundert eine Professur besitzt. Schon in seiner Doktorarbeit befasste er sich mit dem Verhalten von Menschen auf Märkten, die nicht optimal funktionieren. In einem Telefonat mit der Schwedischen Akademie am Montag zeigte sich Pissarides von der Preisverleihung „ziemlich überrascht und sehr froh“.

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