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Medizin-Nobelpreis 2010 : Der Schöpfer der Retortenbabys

  • -Aktualisiert am

Das erste Retortenbaby: Louise Brown kurz nach ihrer Geburt am 25. Juli 1978 Bild: dapd

Der britische Forscher Robert Edwards erhält für seine Beiträge zur Entwicklung der Technik von In-Vitro-Fertilisationen den Medizin-Nobelpreis. Edwards gilt als „Vater“ der Reagenzglas-Babys - viele von ihnen sind heute selbst Eltern.

          Der diesjährige Träger des Medizin-Nobelpreises, Robert Edwards, hat die künstliche Befruchtung im Reagenzglas nicht alleine entwickelt. Er hat als Mitschöpfer des ersten Retortenbabys die längste Zeit nicht einmal die unfruchtbaren Paare behandelt. Das war der Part des 1988 verstorbenen Gynäkologen Patrick Steptoe, sein kongenialer Partner. Edwards Welt war das Labor, die Kulturschale. Zusammen haben er und Steptoe dafür gesorgt, dass am 25. Juli 1978 in Oldham bei Manchester das erste Retortenbaby der Welt, Louise Brown, zur Welt kam.

          Die künstliche Befruchtung, auch In-vitro-Fertilisation genannt, ist zweifelsohne ein Meilenstein der modernen Medizin. An die vier Millionen Retortenkinder leben bereits unter uns. Ganz unumstritten ist sie dennoch nicht. Denn die Technik ist auch die Grundlage für die Präimplantationsdiagnostik, bei der ein heranwachsender Embryo außerhalb des Mutterleibs auf Chromosomenschäden und andere genetische Veränderungen untersucht wird, und sie ermöglicht letzten Endes auch die Forschung mit embryonalen Stammzellen, aus denen Ersatzgewebe für die Therapie von Krankheiten hergestellt werden soll.

          Die Eizellen in der Kulturschale befruchten

          Edwards begann seine Arbeiten in den fünfziger Jahren. Es gelang ihm, alle wichtigen Prozesse der menschlichen Befruchtung zu entschlüsseln. Er konnte zeigen, wie die Hormone die Reifung einer menschlichen Eizelle beeinflussen, wann Eizellen für die Befruchtung empfänglich sind und wie man Spermien aktivieren muss, damit der Prozess zustande kommt. 1969 gelang ihm die erste künstliche Befruchtung, allerdings teilte sich die befruchtete Eizelle nur ein einziges Mal. Es war Edwards zwar gelungen, die Eizelle in der Kulturschale durch den größten Teil der Reifeteilung zu führen und zu befruchten, die erfolgreiche Weiterentwicklung des Embryos bleib allerdings aus.

          Das erste Retortenbaby Luise Brown (zwei von rechts) mit ihrem Sohn, ihrer Mutter und Robert Edwards

          Edwards beschloss daraufhin, Eizellen zu verwenden, die ihre gesamte Reifeteilung in den Eierstöcken durchlaufen hatten. Er nahm Kontakt mit Steptoe auf, der zu den Pionieren der Laparoskopie gehörte. Bei diesem Verfahren werden die Eierstöcke durch die Bauchdecke mit einem optischen Instrument inspiziert. Es ist auch geeignet, um Eizellen zu entnehmen. In weiteren Experimenten konnten Edwards und Steptoe den optimalen Zeitpunkt für die Entnahme ermitteln. Befruchtete man diese Eizellen in der Kulturschale, teilte sich der Embryo bis zum Acht-Zell-Stadium.

          Eine effektive Therapie gegen Unfruchtbarkeit

          Es dauerte aber allerdings noch neun weitere Jahre bis zur Geburt des ersten Retortenbabys. Nachdem es Edwards gelungen war, einen Acht-Zell-Embryo zu erzeugen, entschloss sich das englische Medical Research Council seine Arbeiten nicht weiter zu finanzieren. Die staatliche Organisation zur Forschungsförderung zog damit die Konsequenzen aus einer breiten ethischen Debatte, die Edwards selbst angestoßen hatte. Er setzte seine Arbeiten durch eine private Schenkung fort. Zusammen mit Steptoe gründete er die erste Befruchtungsklinik der Welt, die Bourn Hall Clinic in Cambridgeshire. Steptoe arbeitete dort bis zu seinem Tod als medizinischer Direktor, Edwards bis zu seiner Pensionierung als Leiter der Forschung.

          Die künstliche Befruchtung ist auf vielfältige Weise weiterentwickelt worden. Sie gilt heute als sichere und effektive Therapie gegen Unfruchtbarkeit. Langfristige Untersuchungen haben gezeigt, dass die so erzeugten Kinder genauso gesund sind wie der auf natürliche Weise gezeugte Nachwuchs. Viele Retortenbabys sind heute selbst Eltern, auch Louise Brown. Ihr Kommentar zur Nobelpreisvergabe: „Das sind phantastische Neuigkeiten, Mama und ich sind so glücklich, dass einer der beiden Pioniere der In-vitro-Fertilisation die Aufmerksamkeit bekommen hat, die er verdient.“

          Erhebliche Belastung einer Hormonstimulation zur Eizellgewinnung

          Allerdings lief die Entwicklung auch nach Louises Geburt keineswegs reibungslos. Die Mehrlingsschwangerschaften haben lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet. Sie waren von den Kliniken selbst verursacht worden. In der Hoffnung, die Chancen auf eine Schwangerschaft zu erhöhen und die Erfolgsstatistiken ihrer Einrichtung aufzuwerten, haben viele Kliniken zwei, drei und manchmal sogar mehr Embryonen übertragen. Das führte zu erheblichen Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind. Es kam vermehrt zu Frühgeburten, Kaiserschnitten und Geburten mit geringem Geburtsgewicht.

          In vielen europäischen Ländern - nicht jedoch in Deutschland - sind inzwischen Regelungen eingeführt worden, die nur noch die Implantation einer befruchteten Eizelle in den Uterus erlauben. Die Mehrlingsschwangerschaften sind zumindest dort drastisch zurückgegangen. Was allerdings bleibt, ist die für viele Frauen nicht unerhebliche Belastung einer Hormonstimulation zur Eizellgewinnung und das Risiko für eine Frühgeburt.

          Dieses Risiko hat offensichtlich mit dem oft fortgeschrittenen Alter der behandelten Frauen zu tun oder mit den eigentlichen körperlichen Ursachen der Kinderlosigkeit. Die Technik, das weiss auch Edwards, ist inzwischen schon reif, aber noch keineswegs ausgereift. Die vor kurzem vom Bundesgerichtshof befürwortete Präimplantationsdiagnostik sieht Edwards als einen Weg, die Erfolgsaussichten für die kinderlosen Paare zu verbessern.

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