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Friedensnobelpreis : Frau von Liu Xiaobo wohl unter Hausarrest

  • Aktualisiert am

Liu Xia mit einem Bild ihres Mannes Liu Xiaobo Bild: REUTERS

Die Frau des diesjährigen Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo wird offenbar in ihrer Pekinger Wohnung festgehalten. Liu Xia stehe „faktisch unter Hausarrest“, teilte die amerikanische Menschenrechtsorganisation „Freedom Now“ mit.

          Der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete chinesische Bürgerrechtler Liu Xiaobo hat am Sonntag im Gefängnis Besuch von seiner Frau bekommen dürfen. Unter Tränen widmete er den Preis denjenigen, die bei der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens getötet wurden, wie sie und ein enger Freund nach dem Treffen in Twitter-Botschaften mitteilten. Von der Ehrung habe er am Samstagabend durch die Gefängnisverwaltung erfahren.

          Liu ist in Jinzhou 500 Kilometer von Peking entfernt inhaftiert. Seine Frau Liu Xia schrieb, sie sei am Tag der Preisverkündung am Freitag unter Hausarrest gestellt worden und könne auf ihrem Handy keine Anrufe mehr empfangen. Der Zugang zur Wohnung des Ehepaares in der Hauptstadt wurde am Sonntagabend von einem halben Dutzend Männern blockiert. Journalisten wurde der Zugang verwehrt. Liu Xia dürfe ihre Wohnung in Peking nicht verlassen und auch nicht ihr Mobiltelefon benutzen, teilte die amerikanische Menschenrechtsgruppe „Freedom Now“ mit. Eine Straftat werde ihr aber nicht vorgeworfen. „Freedom Now“ hat die Informationen nach eigenen Angaben von einem Informanten aus China, dessen Name aber aus Furcht vor dessen Inhaftierung nicht mitgeteilt werde.

          Liu Xiaobo widmet Preis den Opfern des Massakers auf Tiananmen-Platz

          Auch die Zufahrt zum Gefängnis in Jinzhou war vorübergehend mit einer Straßensperre abgeriegelt; Medienvertreter durften nicht passieren. Die Sperre und das Aufgebot an Sicherheitskräften wurden am Sonntagnachmittag nach und nach wieder abgezogen.

          Nach Angaben von Angehörigen war Liu Xia unter Polizeibegleitung nach Jinzhou gebracht worden. Die Sorge um sie wuchs, je länger sie nicht erreichbar war. „Brüder, ich bin zurück“, twitterte sie nun. „Habe Xiaobo getroffen.“ Die Botschaft wurde von dem befreundeten Dissidenten Wang Jinbo bestätigt. Liu Xia habe ihm mitgeteilt, dass sie streng bewacht werde und Medien und Freunde nicht empfangen könne, schrieb er in einer Twitter-Message. Liu Xiaobo habe seiner Frau gesagt, der Preis „geht zuerst“ an jene, die bei dem Militäreinsatz gegen Demonstranten auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 gestorben seien. „Xiaobo war in Tränen aufgelöst“, schrieb er.

          Das Nobel-Komitee in Oslo würdigte mit der Preisverleihung an den 54 Jahre alten Literaturprofessor dessen jahrzehntelanges Eintreten für Menschenrechte und friedlichen demokratischen Wandel, von den Demonstrationen der Demokratiebewegung 1989 bis zu dem Reformmanifest „Charta 08“, das Liu eine elfjährige Haftstrafe einbrachte. In den amtlichen chinesischen Medien wird seine Auszeichnung mit dem Friedensnobelpreis weitgehend totgeschwiegen. Peking betrachtet Liu als Kriminellen und hatte dem unabhängigen Nobelkomitee vergebens mit einer Verschlechterung der chinesisch-norwegischen Beziehungen gedroht.

          Menschenrechtsaktivisten und Anhänger Lius wurden von der Staatsgewalt weiter unter Druck gesetzt. Der Sohn des Pekinger Bürgerrechtler Wang Lihong berichtete, sein Vater sei nach Polizeiangaben für acht Tage eingesperrt worden, weil er nach der Bekanntgabe des Preises am Freitag an einer kurzen Demonstration in einem Park teilgenommen habe. Einige der bekanntesten Bürgerrechtsanwälte berichteten ebenfalls von Schikane durch die Polizei.

          Aktivisten werden schikaniert

          Ein chinesischer Karikaturist veröffentlichte aber in seinem Blog am Freitag die Zeichnung einer Nobelpreismedaille hinter Gittern. Der bekannte Blogger Ran Yunfei schrieb, in einer Zeit, in der das Internet Informationen allmählich jedermann zugänglich mache, entspreche es „hoffnungslos dummem Verhalten“ zu versuchen, die Nachricht über die Auszeichnung Lius vor den Chinesen fernzuhalten. Aktivistenanwälte beklagten am Samstag, sie würden von der Polizei belästigt. Die Anwälte Pu Zhiqiang, Jiang Tianyong und andere erklärten, sie dürften ihre Wohnungen nicht verlassen. Die Regierung wisse nicht, wie sie auf die Nachricht reagieren solle. Sie sei nervös, ängstlich und agiere chaotisch, sagte Pu.

          Bundestagspräsident Norbert Lammert forderte in Leipzig die Freilassung von Liu Xiaobo. Er verwies auf die Verleihung des Friedensnobelpreises 1975 an den russischen Physiker und Bürgerrechtler Andrej Sacharow. Das damalige sowjetische Regime habe empört reagiert und Sacharaow die Ausreise verweigert. Er wolle nun einen Appell an die chinesische Regierung richten: „Nehmt die Botschaft dieses Preise ernst. Lasst Liu Xiaobo frei und gebt ihm die Gelegenheit, den Preis in Oslo entgegenzunehmen und die Botschaft dieses Preises nach Peking zurückzubringen.“

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