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Eine Erinnerung : Als Herta Müller den Müller-Guttenbrunn-Preis erhielt

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In diesem Haus in Nitzkydorf verbrachte Herta Müller ihre Kindheit Bild: AP

Herta Müller war sechs Jahre älter als mein Jahrgang und gehörte in der Schule zu den „Großen“. Als sie ihre ersten Kurzgeschichten aus dem Heidedorf Nitzkydorf erschienen, fühlten sich ihre Mitbürger verunglimpft. Eine Erinnerung von Katharina Kilzer.

          Sommer 1981. Der Postträger kam jeden Morgen mit dem Fahrrad in unsere Straße, in die Zigeunergasse in dem deutschen Dorf Jahrmarkt nahe der Kreisstadt des Banats Temeswar und brachte die deutsche „Neue Banater Zeitung“, die in Temeswar erschien. Ich wartete stets ungeduldig auf den Herrn Ion mit seinem blauem Käppi und dem klapprigen schwarzen Rad. Er war der von der ganzen Straße am meisten erwartete Mann: Neben der Zeitung brachte er auch die Ausreiseformulare für die Familien, die einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik gestellt hatten.

          Die ließen oft lange auf sich warten. Meine Familie wartete sechzehn Jahre lang. Jener Sommer 1981 war ein heißer, langer Sommer. Die Ferientage waren von Müßigang gekennzeichnet. Eine Zeitung war noch ein Höhepunkt des Tages. Sie hatte zwar meistens nur vier bis sechs Seiten. Am interessantesten waren die Beilagen, die sogenannten Schülerseiten der deutschen Schulen aus dem Banat. Der Chefredakteur, Nikolaus Berwanger, ein gemütlicher, dem leiblichen Wohl zugetaner Herr mittleren Alters, hatte ein besonderes Faible für die Literatur. 1969 hatte Herta Müller mit Gedichten auf diesen Schülerseiten debütiert. Berwanger förderte sie, genauso wie Richard Wagner aus Lowrin oder Johann Lippet aus Großsanktnikolaus. Berwanger leitete auch einen Literaturkreis deutscher Schüler und Studenten in Temeswar. Viele der Teilnehmer waren Schüler der deutschen Schule „Nikolaus Lenau“. Zu ihnen gehörte Herta Müller. Gedichte wurden vorgetragen, interpretiert und diskutiert.

          Die Bürger fühlten sich beschimpft

          Im Sommer 1981 erschienen auf den Kultur- und Literaturseiten der Zeitung die ersten Kurzgeschichten von Herta Müllers aus Nitzkydorf, aus einem der schönen Heidedörfer des Banats. Die Geschichte „Das schwäbische Bad“ las ich aufmerksam, denn diese Szenen beschrieben sehr genau das Samstagabend-Baderitual in vielen schwäbischen Häusern: Die gesamte Familie badete nach und nach im selben Badewasser.

          Diese gelungene Schilderung der Wirklichkeit durch Herta Müller wurde jedoch von ihren Banater Mitbürgern missbilligt. Sie fühlten sich entlarvt, gedemütigt, beschimpft. Eine heftige Leserbriefediskussion wurde auf den Seiten der „Neuen Banater Zeitung“ ausgetragen. Die Leser, die deutschen Bewohner der Dörfer um Temeswar, die so wohlklingende, lustige Namen wie Liebling, Wurmloch, Triebswetter, Jahrmarkt, Großscham, Lowrin, Sackelhausen, Bruckenau, Großsanktnikolaus, Billed trugen, protestierten gegen diese Verunglimpfungen ihres Alltags.

          Die Schüler der Lenauschule hingegen waren amüsiert. Obwohl wir Kinder von so manchem Lehrer des Gymnasiums als „Mimosen“ oder „Dorftölpel“ verhöhnt wurden, hatte sich hier eine kritische Stimme an die Öffentlichkeit gewagt. Ich bewunderte Herta Müller. Sie war sechs Jahre älter als mein Jahrgang und gehörte in der Schule zu den „Großen“. Als ich meine ersten Gedichte in der Banater Zeitung 1974 veröffentlichte, war „die Herta“ bereits eine literarische Persönlichkeit. Ihre Gedichte und Prosa wurden auf den Versammlungen der Banater „Aktionsgruppe“, gegründet 1972 von Richard Wagner, Johann Lippet und Ernest Wichner, gelesen. Die Banater Zeitung druckte trotz des Protestes vieler Landsleute weitere Geschichten von ihr, die später unter dem Titel „Niederungen“ erschienen.

          Sie schrieb, was viele dachten

          In der Geschichte „Dorfchronik“ etwa lasen wir lustig klingende, aber im Unterton kritische Beobachtungen vom zunehmenden Verfall und der Entvölkerung der Region. Solche Szenen, die wir Dorfkinder der Heide- und Heckendörfer des Banats nur allzu gut kannten, wurden in den Pausen des Schulalltags an der Lenau-Schule vorgelesen. Wir kicherten darüber. Herta schrieb das, was viele dachten. Die Jugend, die westlichen Symbolen nacheiferte, in Jeans und T-Shirts herumlief, Jimi Hendrix und Janis Joplin hörte, die von einer freien Welt wie im Westen träumte, hat diese Geschichten neugierig aufgesaugt, wohlwissend, dass irgendwo Beobachter sind.

          Die Securitate-Schergen waren nie weit. Sie schwiegen aber zu jener Zeit. Der noch junge Diktator Ceausescu hatte kulturelle Offenheit propagiert. Zensur gab es zunächst nur, wenn etwas besonders Aufsehen erregte. So gründeten sich einige „Fürstentümer“ (das heißt kulturelle Nischen) und schufen Möglichkeiten, die jedoch nicht lange hielten. Herta Müller veröffentlichte in den „Lenauschülerstimmen“, in „Universitas“ und dem „Kulturboten“ der „Neuen Banater Zeitung“. Und sie erhielt damals - wie auch andere Hoffnungsträger der literarischen Szene aus dem Banat, etwa Rolf Bossert, Richard Wagner, Johann Lippet, Horst Samson, Eduard Schneider - einen von dem örtlichen Literaturkreis „Adam-Müller-Guttenbrunn“ gegründeten Preis.

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