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Desinformation zum Rauchen? : Wie die Tabakbranche ins Corona-Fieber fiel

Zigaretten machen auch Covid-19 schlimmer. Bild: dpa

Raucher sind vor Covid-19 geschützt? Diese abwegige Idee wurde monatelang in der Corona-Forschung verbreitet. Inzwischen sind die Verbindungen zur Tabakindustrie enthüllt – und der Schaden ist da.

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          Die Verharmlosung der Pandemie und von Gesundheitsgefahren ganz allgemein wird mit den perfidesten Mitteln betrieben. Auch aus den wissenschaftlichen Schützengräben heraus gibt es immer wieder Rückendeckung für die abstrusesten Thesen, wie sich nach einer Recherche des British Medical Journal (BMJ) zur „Nikotin-Hypothese“ einmal mehr zeigt.

          Im April vor einem Jahr waren kurz hintereinander zwei viel beachtete Preprints – noch nicht begutachtete Vorveröffentlichungen – erschienen, die geeignet waren, jedem Zigarettenraucher die Freude am Rauchen wieder zu geben. Eine Medizinergruppe aus Paris zählte vor, dass lediglich fünf Prozent der Covid-19-Opfer der ersten Welle zu den Rauchern zählten. Alles halb so wild, so konnte das gedeutet werden, wer seine Lungen regelmäßig mit Tabakqualm schützt. Eine doppelte Verharmlosung quasi.

          Die Studie eines griechischen Kardiologen, Konstantinos Farsalinos, wollte kurz darauf die Ursache für den Schutzeffekt gefunden haben: Nikotin könne den ACE2-Rezeptor beeinflussen, den das neue Coronavirus für den Eintritt in die menschlichen Zellen nutzt. Seine Nikotin-These durfte er bald auch als Mitautor in einem Editorial der Fachzeitschrift Toxicology Reports publizieren, dessen Chefredakteur mit weiteren Ko-Autoren und Farsalinos selbst offensichtlich eines gemeinsam hat: fest etablierte, Hunderttausende Euro schwere Verbindungen zur Tabak- und E-Zigaretten-Industrie. Stéphane Horel und Ties Keyzer haben sie in der medizinischen Fachzeitschrift BMJ dokumentiert – inklusive der aus früheren wissenschaftlichen Umtrieben bekannten Dementis der Tabakfreunde.

          Die Nikotin-Hypothese ist natürlich längst widerlegt, in Wirklichkeit haben Raucher ein deutlich erhöhtes Risiko für schwere Covid-Verläufe. Weil aber die Preprints mit den gewünschten Schlagzeilen auch medial schnell die Runde machten, erschienen weitere ungeprüfte Fachartikel aus der Feder Farsalinos’. Wie diese Propagandaoffensiven, so lassen auch die vor Kurzem im European Respiratory Journal abgedruckten Artikelrücknahmen – wegen nicht kenntlich gemachter Verbindungen zur Tabakindustrie – das Ausmaß der Interessenkonflikte allenfalls erahnen.

          Zwar dürften die Querschüsse der wissenschaftlichen Falschspieler in dem großen Rauschen von mittlerweile fast 140.000 Publikationen zur Pandemie am Ende zwar fast untergehen. Der moralische Schaden aber bleibt.

          Joachim Müller-Jung
          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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