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Interaktive Karte : Der Klimawandel wird die New Yorker ins Schwitzen bringen

Ein Taxi fährt vor der Skyline von Lower Manhattan über die Brooklyn Bridge in New York. Bild: dpa

Eine neue interaktive Karte zeigt eindrücklich, wie sich das Klima urbaner Regionen in Amerika in 60 Jahren anfühlen wird. Die Unterschiede sind drastisch.

          In Amerika bekleidet ein Mann das höchste Amt des Landes, der den menschgemachten Klimawandel für einen „hoax“ hält. Das englische Wort bedeutet auf Deutsch so viel wie Schwindel und gehört zum Standardwortschatz von Donald Trump, wenn er über das Thema spricht. Der amerikanische Präsident steht mit seiner Einstellung nicht allein: Viele Menschen in den Vereinigten Staaten und große Teile seiner republikanischen Gefolgschaft glauben nicht an den menschlichen Einfluss auf das Klima.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Sie umzustimmen, daran beißen sich Klimaforscher trotz zahlreicher wissenschaftlich fundierter Beweise bisweilen die Zähne aus: Zu abstrakt, zu komplex ist die Materie, als dass sie sich auf ein starkes Bild – zum Beispiel ein an Plastik verendeter Wal – und eine eindeutige Handlungsanweisung – Konsumiert weniger Plastik! – herunterbrechen ließe. Was bedeutet ein Anstieg des Meeresspiegels und der durchschnittlichen globalen Temperatur für den Alltag der Menschen? Und warum besteht dringender Handlungsbedarf, wenn doch mit so weit entfernten Jahreszahlen wie 2100 oder später jongliert wird?

          Amerikanische Wissenschaftler haben in der Fach-Zeitschrift „Nature Communcations“ jetzt einen neuen Versuch gestartet, den Klimawandel vom Abstrakten ins Konkrete zu übersetzen und seine Folgen auf eine Weise deutlich zu machen, dass sie von den Menschen auf persönlicher Ebene nachempfunden werden können. Ihre alarmierende Botschaft an die Amerikaner: Gelingt es in den kommenden Jahren nicht, den Ausstoß klimaschädlichen CO2 deutlich zu verringern, könnte die Ostküste Amerikas bald an der Golfküste ganz im Süden des Landes liegen – natürlich nicht wortwörtlich, wohl aber hinsichtlich der klimatischen Verhältnisse.

          Klima wird sich „bedeutsam“ verändern

          Mithilfe der statistischen Methode des sogenannten klimaanalogen Kartierens zeigt die Studie auf, mit dem derzeitigen Klima welcher Stadt amerikanische und kanadische urbane Zentren aufgrund des Klimawandels in sechzig Jahren gleichziehen werden. So entstehen aus heutiger Sicht sehr ungleiche Paare: Das Klima im heute feuchten und kühlen amerikanischen Bundesstaat Oregon wird demnach im Jahr 2080 dem im jetzt trockenen und warmen Zentralkalifornien ähneln. New York „wandert“ metaphorisch gesprochen 1500 Kilometer südwestlich nach Arkansas, San Francisco wird sich wie Los Angeles anfühlen und die texanische Hauptstadt Houston bewegt sich klimatisch gar über die Landesgrenze hinaus nach Mexiko.

          Für insgesamt 540 urbane Gebiete der Vereinigten Staaten und Kanada haben die Forscher einen entsprechenden Klima-Zwilling ermittelt. Mehr als 75 Prozent der amerikanischen und mehr als 50 Prozent der kanadischen Bevölkerung leben in urbanisierten Regionen, die zudem als besonders vom Klimawandel gefährdet gelten.

          Die Daten der Studie sind nicht neu, wohl aber die Art der Präsentation auf einer interaktiven Karte, die im Netz abgerufen werden kann. Wer dort zum Beispiel die Stadt New York eingibt, der erfährt, dass bei gleichbleibend hohen Treibhausgasemissionen der Sommer im Jahr 2080 dort 5 Grad wärmer und 20,8 Prozent trockener sein wird als heute. Gelingt es aber, die Emissionen zu senken, steigt die Temperatur den Berechnungen zufolge um 2,5 Grad und wird es 1,2 Prozent feuchter.

          Die Wissenschaftler kommen zu dem Schluss, dass sich das Klima in den meisten untersuchten Regionen „bedeutsam“ verändern und sich dem heutigen Klima in Gebieten rund 850 Kilometer entfernt sowie deutlich südlicher annähern wird. Selbst im optimistischsten Fallszenario komme es zu einer deutlichen Verschiebung, falls also das im Pariser Klimaabkommen angestrebte Ziel erreicht wird, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

          Öffentliches Bewusstsein schaffen

          Im Jahr 2080 werde demnach in Städten im Nordosten Amerikas ein eher subtropisches, heißes und feuchtes Klima vorherrschen, wie es heute typisch für den mittleren Westen und Südosten des Landes ist, während das Klima in westlichen Städten dem der heute trockenen und heißen Wüstenregionen des Südwestens  oder Südkaliforniens entsprechen werde.

          Anders formuliert: Ein amerikanischer Durchschnittsbürger müsste heute fast 1000 Kilometer weit fahren, um ein Klima zu finden, das laut der Studie in Zukunft in seiner Stadt herrschen wird.

          Werden die Klimaziele gerissen, gebe es für viele Gebiete insbesondere im Süden keinen existierenden vergleichbaren Maßstab: „Das Klima vieler urbaner Regionen würde ungleich irgendetwas sein, das wir heute kennen“, schreiben die Autoren. „Binnen der Lebensdauer von Kindern, die heute leben, wird sich das Klima in vielen Regionen von gewohnten hin zu völlig neuen Konditionen entwickeln, die weder deren Eltern, Großeltern oder vielleicht irgendeine Generation in den Jahrtausenden zuvor erlebt haben“, heißt es weiter.

          Während Wissenschaftler sich große Sorgen über die zu erwartenden schweren Folgen des Klimawandels machten, gelte dergleichen nicht unbedingt für die allgemeine Öffentlichkeit. Darüber hinaus gebe es für den Großteil der Städte keine Pläne, um sich den Klimaveränderungen anzupassen.

          Mit dem Papier wollen die Autoren deshalb eine „leichter nachzuvollziehende und ortsbasierte Bewertung des Klimawandels“ ermöglichen. Und ein öffentliches Bewusstsein für dessen ökologische und gesellschaftliche Konsequenzen schaffen.

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